Streit um Archiv : Alice Schwarzers Kampf für die Frauen-Festung

Alice Schwarzers „FrauenMediaTurm“ sollte weniger Fördergeld bekommen. Als eine Ministerpräsidentin das beschloss, sprang eine Bundesministerin rettend herbei. Doch so einfach ist das nicht. Und das liegt nicht nur an der Sache.

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Die Frauenrechtlerin Alice Schwarzer
Die Frauenrechtlerin Alice SchwarzerFoto: dapd

Am Ende steht eine Frau in der letzten Reihe auf. „Ich wollte Sie etwas fragen.“ Ihre Stimme zittert. Alice Schwarzer streckt sich, um von der Bühne aus besser zu sehen. Sie hat extra das Licht in der Duisburger Stadtbibliothek anschalten lassen, um ihrem Publikum in die Augen schauen zu können. Sie will wissen, mit wem sie es zu tun hat. „Wie halten Sie die Gemeinheiten aus, mit denen manche Menschen Ihnen begegnen?“, fragt die Frau. Schwarzer lehnt sich wieder zurück. „Wenn mir einer richtig mies und niedrig kommt, dann laufe ich zu großer Form auf“, sagt sie. Jemand ruft: „Weiter so!“ Schwarzer lacht. Sie lacht viel an diesem Abend, an dem niemand sie angreift. Eine Frau nach der anderen steht auf, um sich bei Alice Schwarzer für ihren Kampf zu bedanken. Ein Kampf, für sich und für die Frauen. Das ist irgendwie dasselbe.

Als Alice Schwarzer die Bibliothek verlässt, in der sie aus ihrer Autobiografie gelesen hat, ist es schon fast Mitternacht. Mehr als eine Stunde hat sie Bücher signiert. Gleich wird sie bei einem Italiener in Bahnhofsnähe mit Freunden noch einen Wein trinken. Schwarzer ist so schnell nicht müde. Am nächsten Tag wird sie zurück nach Köln fahren und im Kölner „FrauenMediaTurm“ die Schlussfassung der aktuellen „Emma“ abnehmen. Der Turm, in dem die Redaktion und ein von Schwarzer gegründetes Frauenarchiv sitzen, ist Rückzugsort und zugleich Schauplatz des aktuellsten Schwarzer-Kampfs.

Vordergründig geht es darum, wer das Frauenarchiv fördern soll und darf. Die rot-grüne Landesregierung in Nordrhein-Westfalen – damals noch handlungsfähig – strich das Geld zusammen. Bundesfamilienministerin Kristina Schröder will einspringen. Doch so einfach ist das nicht. Alle behaupten, es gehe ihnen nur um die Sache. Eigentlich aber geht es um Alice Schwarzer.

Alice Schwarzer - ein Portrait in Bildern
Feministin vor Phallussymbol. Alice Schwarzer posiert 1967 in Pisa. Das Kleid stammt – so ist es im Buch ausdrücklich vermerkt – von Marimekko.Weitere Bilder anzeigen
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15.09.2011 12:55Feministin vor Phallussymbol. Alice Schwarzer posiert 1967 in Pisa. Das Kleid stammt – so ist es im Buch ausdrücklich vermerkt –...

Der mittelalterliche Turm am Rhein hat schon vielen Feinden getrotzt. Früher war er mal Teil der Stadtmauer, heute liegt er direkt an einer sechsspurigen Straße. Eine schmale Steintreppe führt auf der Straßenseite zum Eingang im ersten Stock, trotz Öffnungszeit ist die Metalltür geschlossen. Zwei Klingeln: Einmal Bibliothek, einmal Stiftung. Für die „Emma“-Redaktion gibt es keine. Rein kommt man nur, wenn innen jemand den Summer drückt. Alice Schwarzer und ihre Mitarbeiterinnen sind sich der Festungssymbolik bewusst. Die Archivarin Jasmin Schenk, die hinter der Metalltür wartet, sagt: „Das hier war seit jeher ein Symbol für Macht und Freiheit.“ Umso wichtiger, dass der Turm nun in Frauenhand sei. Die Treppe zum Frauenarchiv im vierten Stock führt vorbei an Lesenischen, die mit Kissen ausgelegt sind. Ganz oben ein großer, heller Raum mit Bücherregalen bis zum Glasdach. Hier archiviert die Stiftung „FrauenMediaTurm“ unter dem Vorsitz von Alice Schwarzer die Geschichte der Frauenbewegung mit Schwerpunkt auf der Zeit ab 1971. Ein Erbe, das der Staat unbedingt fördern muss, findet Schwarzer.

Die 1984 gegründete gemeinnützige Stiftung hat viel Geld in die Renovierung des Turms gesteckt und ihn zehn Jahre später bezogen. Bis 2004 trug eine Millionenspende von Jan Philip Reemtsma das Archiv. Doch auf Dauer reichten private Spenden nicht aus, zum Überleben braucht die Stiftung nach eigenen Angaben mindestens 250 000 Euro im Jahr. Schwarzer machte sich auf die Suche nach staatlicher Unterstützung. Jürgen Rüttgers, zu dieser Zeit Ministerpräsident der CDU / FDP-Landesregierung von Nordrhein-Westfalen, sprang der Feministin bei. Und das ziemlich großzügig. Ab 2008 bekam die Stiftung 210 000 Euro jährlich. Die Förderung war auf zehn Jahre angelegt. Versprochen, sagt Schwarzer.

Der damalige Kulturstaatssekretär Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff betont heute allerdings, die Förderung sei nur bis zur nächsten Wahl im Jahr 2010 fest zugesagt worden. Die brachte Rot-Grün an die Regierung, und damit begannen die Probleme. Die „rot-grüne Frauenregierung“, so genannt, weil die Hälfte des Kabinetts und die Ministerpräsidentin Hannelore Kraft weiblich sind, kürzte den Stiftungsetat im Jahr 2011 auf 140 000 und für 2012 auf nur noch 70 000 Euro. Man fördere auch sonst kein Frauenarchiv, hieß es. Und Geld sei knapp. Alice Schwarzer traf diese Entscheidung hart. Mit einer Förderung von 70 000 Euro im Jahr müsse sie schließen, sagte sie. Sie sprach vom „Todesstoß“.

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