Streit um Buchsendungen im Fernsehen : "Häppchen-Formate sind ein Fehler"

Die Einschaltquoten für Literatursendungen sind auch im Bayerischen Fernsehen schwach. Das will Fernsehchefin Bettina Reitz ändern

von
Bücher raus – was aber rein? Im Bayerischen Fernsehen soll die Literatur unverändert ihren Platz haben. Aber welchen Platz, das ist die strittige Frage.
Bücher raus – was aber rein? Im Bayerischen Fernsehen soll die Literatur unverändert ihren Platz haben. Aber welchen Platz, das...Foto: imago

Die Aufregung ist groß, der Börsenverein des Deutschen Buchhandels prophezeit schon, „dass dann der Bildungs- und Kulturauftrag des öffentlich-rechtlichen Fernsehens zur Disposition steht“. Wenn also im Bayerischen Fernsehen die beiden Literatursendungen „LeseZeichen“ und „Lido“ im Zuge einer geplanten Programmreform gestrichen werden sollten. Entschieden ist noch nichts, am heutigen Donnerstag beugt sich der BR-Rundfunkrat über die Reformpläne von Fernsehdirektorin Bettina Reitz.

Frau Reitz, im Bayerischen Fernsehen sollen die beiden Literatursendungen „LeseZeichen“ und „Lido“ gestrichen werden. Warum ist die Idee so vorzüglich, dass sie umgesetzt werden muss?

Weder die Literatursendungen noch Kulturdokumentationen als Angebote werden im BR gestrichen. Wir werden sie auch weiterhin im Programm haben und sind ja selbst als Programmmacher auch immer auf gute Bücher angewiesen. Alleine deshalb haben wir eine ganz besondere Beziehung zu Büchern.

Streichen nein, verändern ja?
Bereits vor zwei Jahren wurde der Programmbereich Kultur sowohl von der Fernsehdirektion als auch unserer Planungs- und Entwicklungsabteilung gebeten, die Kulturangebote des Bayerischen Fernsehens weiterzuentwickeln und zu überprüfen, ob „LeseZeichen“ und „Lido“ in der heutigen Form das Potenzial haben, als Kulturbeiträge erhalten zu bleiben oder ob wir Festivals, Ausstellungen und zum Beispiel Literaturnächte stärker in unsere Kulturberichterstattung integrieren sollten.

Bettina Reitz, geboren 1962, ist Fernsehdirektorin des Bayerischen Rundfunks und designierte Präsidentin der Hochschule für Film und Fernsehen in München.
Bettina Reitz, geboren 1962, ist Fernsehdirektorin des Bayerischen Rundfunks und designierte Präsidentin der Hochschule für Film...Foto: BR

Also ist das Thema Literatur nur ein Mosaik im großen Reformpuzzle?

Der Bayerische Rundfunk befindet sich in einem Veränderungsprozess, bei dem die Schemareform einen Baustein der großen Gesamtveränderung darstellen wird. In dieser Schemareform soll ein fester Sendeplatz für die Kultur neben unserem Kulturmagazin „Capriccio“, unserem Magazin „Kino Kino“ und unserem Klassik-Sendeplatz bespielt werden. Ferner gibt es mehrere Dokumentarfilm- und Dokumentationsplätze, auf denen ebenfalls Kulturangebote gezeigt werden. Grundsätzlich will der BR mit der Reform weg von der Idee, dass jede Sendung ihre eigene Redaktion hat. Zukünftig sollen, wie bereits mehrfach zu erfahren, die Fachredaktionen des BR ihre Themen auch an andere Sendungen und Magazine zuliefern, so wie wir das im Hörfunk bereits umgesetzt haben. Zum jetzigen Zeitpunkt wurde über einzelne Sendungen und Sendeplätze noch nicht entschieden.

Wie häufig werden die Sendungen eingeschaltet?
Im Durchschnitt sind es 50 000 Zuschauer und 2,9 Prozent Marktanteil in Bayern beim „LeseZeichen“ und 90 000 Zuschauer und 3,1 Prozent bei „Lido“. Im Bayerischen Fernsehen sind aber die Einschaltquoten nicht das Kriterium, um eine Sendung beizubehalten oder aufzugeben. Wir möchten uns mit den Kulturangeboten erweitern und, wie oben erwähnt, andere Formen der Literatur auf nehmen. Dazu gehören beispielsweise in diesem Jahr die „Slam-Meisterschaften in Augsburg“, die wir im November zeigen werden. Diese redaktionelle Verantwortung liegt hierbei in unserer Jugendredaktion Puls. Von der Literaturredaktion wird am Donnerstag davor eine Neuproduktion „Slam Poetry: Helden der Dichtung“ ausgestrahlt. An diesem Beispiel sehen Sie, wie unterschiedliche Abteilungen und Redaktionen des Bayerischen Rundfunks zukünftig enger zusammenarbeiten und sich thematisch noch besser ergänzen sollen.

Teilen Sie die Einschätzung, dass die Medien Buch und Fernsehen sich nicht wirklich vertragen?
Nein, dafür gibt es vielfältige Beispiele. Allerdings sind die Form und die Machart ein wichtiger Aspekt, ob Bücher durch das Fernsehen oder den Hörfunk oder das Netz interessant vermittelt werden können. Ich bin ein Fan der Übertragungen des Ingeborg-Bachmann-Preises aus Klagenfurt, schaue regelmäßig „Kulturzeit“ auf 3sat, schätze unsere Literatursendungen, auch wenn ich finde, dass wir „LeseZeichen“ weiterentwickeln müssen. Ich habe stets unsere Einbringungen bei „Druckfrisch“ für das Erste verteidigt und fördere die Literatur in den Kulturmagazinen „Capriccio“ (Bayerisches Fernsehen) und „ttt“ (Das Erste). Der BR hat von preisgekrönten Literaturverfilmungen über aktuell einen Kinofilm über Stefan Zweig und einer dazugehörigen Dokumentation sowie einem geplanten Kinoprojekt über Ingeborg Bachmann vielfältigste Verbindungen zur Literatur, die er pflegt und ausbaut. Insofern beweisen wir täglich mit unseren Kolleginnen und Kollegen vom Hörfunk, wie eng Buch und Medien zusammenhängen können.

Hilft es der Literaturvermittlung wirklich, wenn sie statt in speziellen Sendungen anderswo und überall im Programm, dann aber im Häppchen-Format vorkommt?
Wenn sie nur in Häppchen-Formaten vorkäme, wäre das ein Fehler, da kann ich Ihnen nur beipflichten. Aber wenn wir vielfältigst mit Literatur präsent bleiben und sogar Literaturfestivals und Literaturnächte verstärkt im Programm abbilden wollen, dann ist das in der Tat eine andere Intensität, sich mit dem Lesen und der Literatur zu beschäftigen. Das Häppchen-Format in der aktuellen Berichterstattung kann wichtige Informationen rund um die Literatur vermitteln und neugierig auf Bücher machen.

Sie werfen da mit großen Beruhigungspillen, Frau Reitz. Nichts also ist weniger gefährdet als die Literatur?
Grundsätzlich wird es Literatur und professionelle Literaturberichterstattung auch weiterhin im Bayerischen Fernsehen geben. Sie soll sogar noch breiter im Programm vorkommen, verteilt auf mehrere Sendeplätze, zum Beispiel auch auf denen der Aktualität. Das entsprechende Online-Angebot soll außerdem ausgebaut werden.

Das Bayerische Fernsehen wird auch in Berlin als Kulturprogramm wahrgenommen. Ist die Literatur nur der Anfang des Streichkonzerts, was kommt als nächstes Kulturgut dran?
Der Bayerische Rundfunk wird auch zukünftig ein wichtiger Anbieter hochwertiger Kulturprogramme bleiben. Aber in Zeiten knapper Kassen müssen wir sehr sparsam haushalten und verstärkt auf Synergien setzen. Auf wichtige Kulturdokumentationen und profunde Literaturangebote dürfen sich unsere Berliner Zuschauer auch zukünftig freuen.

Die Fragen stellte Joachim Huber.

Autor

5 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben