Streit um neue Montagsdemos : Friedensaktivisten oder Verschwörungstheoretiker?

Im Internet tobt ein Streit um die Friedensdemos, die neuerdings montags in vielen deutschen Städten stattfinden. Unser Autor hat sich das genauer angesehen - und ist irritiert über die Klientel dieser Bewegung.

von
Die Montagsdemo am 7. April in Berlin.
Die Montagsdemo am 7. April in Berlin.Foto: Imago

In meiner Timeline herrscht Krieg. Freunde und deren Freunde zischen sich an. Das ist ungewöhnlich, weil auf Facebook bekanntlich gern gestänkert wird, aber meist nur gegen Dinge, über deren Schlechtheit einigermaßen Konsens besteht (Diktatoren, Schlagermusik, Star Wars 1-3). In dieser Woche jedoch haben sich Menschen, die ich für vernünftig hielt, gegenseitig Bosheiten an den Kopf geworfen. Einander unterstellt, entweder komplett naiv oder hintertrieben zu sein.
Gestritten wird über die neuen sogenannten Friedensdemos, die seit einigen Wochen jeweils montags in vielen deutschen Städten stattfinden, auch in Berlin. Die einen behaupten: Teilnehmer dieser Versammlungen wollen nichts weniger als einen Dritten Weltkrieg verhindern, indem sie auf die Russlandfeindlichkeit der deutschen Politik und Presse hinweisen. Und dass es ein Skandal sei, dass die Medien bisher kaum über ihre Demos berichteten. Die anderen behaupten: Auf diesen angeblichen Friedensdemos werden recht gruselige Verschwörungstheorien verbreitet, angezettelt von recht gruseligen Menschen.

Wettern gegen "die da oben"

Auf „Youtube“ sind inzwischen diverse Redebeiträge der Demos archiviert. Und siehe da: Tatsächlich wird vehement gegen Krieg gewettert – und immer wieder gegen „die da oben“, also die Mächtigen, die nur eigene Interessen verfolgen. Klingt erstmal nicht schlecht.
Das ändert sich spätestens, wenn man sich die führenden Köpfe der neuen, rapide wachsenden Bewegung anschaut. Der Anmelder der Berliner Demonstrationen hat einen Text verbreitet, in dem es heißt, die amerikanische Notenbank sei für alle Kriege der vergangenen 100 Jahre verantwortlich. Hm, denkt man sich da, also auch für den Ersten und Zweiten Weltkrieg, und die Deutschen sind es dann also nicht?

Rechtspopulisten, schräge Esoteriker und Homophobe

Vorzeigefigur der Berliner Demos ist ein ehemaliger RBB-Moderator, der unter anderem mit der Aussage irritierte, „Nationalzionisten“ hätten Israel „okkupiert wie Nazis 33 Deutschland“. Die montäglichen Versammlungen locken auch Rechtspopulisten, schräge Esoteriker, Homophobe und Leute an, die ständig vom „bedrohten deutschen Volk“ faseln. An manchen Orten sogar die NPD. Die rauflustige Ex-Grüne Jutta Ditfurth hat das alles auf ihrer Facebook-Seite ausführlich dokumentiert – und dafür eine besonders gewaltige Portion Hass abbekommen. Auch der Tagesspiegel wird seit Tagen mit Kommentaren bombardiert, in denen seine Mitarbeiter als „verlogene, heuchlerische und unter einer Decke steckenden Partisanen der Medien-Mafia“ beschimpft werden.

Ken FM auf der Berliner Montagsdemo.
Ken FM auf der Berliner Montagsdemo.Foto: Imago


Im Laufe der Woche hat wenigstens der Zoff in meiner Timeline spürbar abgenommen. Weil manche Freundesfreunde offensichtlich eingesehen haben, dass nicht jede Friedensdemo ihren Namen verdient. Und weil ich selbst eingesehen habe, dass man sich nicht jede bekloppte Meinungsäußerung zumuten muss. Blockieren kann eine Befreiung sein.

Autor

55 Kommentare

Neuester Kommentar