Streit ums Erdogan-Gedicht : Böhmermann oder die Frage: Darf Satire alles?

Dieter Nuhr über die Hysterie ums Erdogan-Gedicht, absurde Solidarisierungsaktionen und die Sache mit der Kunstfreiheit. Ein Gastbeitrag.

Dieter Nuhr
Was ist eigentlich passiert? Der türkischen Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan (li.) und ZDF-Neo-Moderator Jan Böhmermann.
Was ist eigentlich passiert? Der türkischen Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan (li.) und ZDF-Neo-Moderator Jan Böhmermann.Foto: dpa

Seit Wochen ist ein gewisser Böhmermann der Nabel der Welt, er ist der momentan wahrscheinlich bekannteste deutsche Mann neben Franz Beckenbauer und Heidi Klum. Das ist eine gute Nachricht, weil es bedeutet, dass in dieser Zeit nichts wirklich Wichtiges passiert ist. Ganz Deutschland diskutiert: Ist Ziegenficker für einen Türken eine Beleidigung oder Satire? Oder ist Ziegenficker vielleicht einfach ein Beruf wie Diktator oder Kinderpornograf?

Inzwischen sind alle zu Wort gekommen, außer den Ziegen. Schade. Was ist eigentlich passiert? Jener gewisse Herr Böhmermann hat in einem Gedicht den türkischen Staatspräsidenten beleidigt. Nicht dass es keine guten Gründe gäbe, den türkischen Staatspräsidenten zu beleidigen, aber Beleidigung ist gesetzlich verboten. Das gilt auch für den türkischen Staatspräsidenten, weil das Gesetz bei uns für jeden gilt. Dieser Umstand unterscheidet uns im übrigen von der Türkei. Bei uns funktioniert der Rechtsstaat. Man darf auch öffentlich anerkannte Drecksäcke nicht mit Bezeichnungen belegen, die ansonsten fäkal assoziierte Körperöffnungen bezeichnen.

Kabarettist Dieter Nuhr
Kabarettist Dieter NuhrFoto: rbb/Thomas Ernst

Das mag im Einzelfall schade sein, ist aber so. Da Beleidigung nun mal verboten ist, hat nun der türkische Staatspräsident Strafanzeige gestellt. Dazu muss man wissen, was offenbar der Mehrheit in unserem Land unbekannt ist: Jeder kann jeden anzeigen bei uns. Denn Rechtsstaatlichkeit gilt in einem Rechtsstaat auch für Leute, die die Rechtsstaatlichkeit selber gering schätzen, also auch für Nazis, RAF-Terroristen, Kinder, Ziegenschänder oder türkische Staatspräsidenten. Insofern könnte man das Ganze nun einfach den Gerichten zur Klärung übergeben.

Warum regen sich also alle auf? Auch die Kanzlerin hat Böhmermann nicht den türkischen Foltergefängnissen übergeben, sondern nur festgestellt, was eigentlich selbstverständlich sein sollte: Juristische Entscheidungen sind Sache der Justiz - und nicht der Politik. Zudem soll der Paragraf der Majestätsbeleidigung, der gefühlt irgendwann vor Erfindung des aufrechten Gangs in das deutsche Recht eingeführt wurde, in der Folge abgeschafft werden. Auch das ist eine gute Idee. Bis dahin gilt er allerdings. Das ist so bei uns mit Gesetzen. Sie gelten, bis sie vom Parlament abgeschafft werden.

Beleidigung und Verletzung der Menschenwürde

Hier gibt es nichts zu jammern. Wir leben ja nicht in einer Bananenrepublik, in der man Gesetze nach Geschmack anwenden oder ignorieren kann. Insofern würde ich die großen Solidarisierungsaktionen der Kulturschaffenden unter dem Begriff Realsatire abhaken. Ja! Die Freiheit muss bleiben! Aber ist damit auch die Freiheit gemeint, jeden als Ziegenficker bezeichnen zu dürfen? Der Begriff Ziegenficker (der in diesem Fall unabdingbar genannt werden muss, obwohl er sonst in dieser Zeitung eher selten vorkommt) ist übrigens einem Türken gegenüber nicht nur eine Beleidigung und eine Verletzung der Menschenwürde, sondern auch rassistisch, ein bisschen nazimäßig, ein unter Ultrarechten übliches Schimpfwort für Menschen aus dem islamischen Kulturbereich, dass auch in rechten Kameradschaften gut angekommen sein dürfte.

Insofern spielte Böhmermanns Beitrag auch ins Rechtsradikale, was aber offenbar niemandem aufgefallen ist. Stattdessen diskutierte man im Feuilleton über die Metaebene. Das kommt bei rassistischen Beschimpfungen eher selten vor. Mich hat das überrascht. Was steht also auf dem Spiel, dass die Debatte es schafft, wochenlang die öffentliche Diskussion zu beherrschen? Es geht angeblich um die Freiheit des Denkens und der Satire. Es geht um die Freiheit, offen zu sagen, dass es verboten ist, zu sagen, dass einer ein Ziegenficker ist. DAS nennt man Metaebene. Oder die Kindergartenversion des philosophischen Metaebenenproblems. „Ich darf nicht sagen, dass du doof bist, ich sag’s aber trotzdem, betone dabei aber, dass es verboten ist, wodurch es wieder erlaubt ist.“

Und weil alle geglaubt haben, es geht statt um Kindergartengehabe um eine Metaebene, deshalb haben sich alle mit Böhmermann solidarisiert. In einem heroischen Akt haben sich die Freiheitskämpfer der Republik vereint und ihren festen Willen bekundet, sich auf dem Maidan von Berlin notfalls niederstrecken zu lassen für die Freiheit.

Kant? Nietzsche? Buddha? Tucholsky? Pippi Langstrumpf?

Deren Problem war: Es wollte keiner schießen! Das sind so die Probleme, die man bei uns hat, wenn man Freiheitsheld werden möchte. Dass die Freiheit schon da ist. Die große Frage, die am Ende bleibt, ist: Darf Satire alles? So hatte es Jesus damals formuliert, oder war es Kant? Nietzsche? Buddha? Tucholsky? Pippi Langstrumpf? Erdogan war es jedenfalls nicht!

Fazit: Natürlich (!) darf Satire nicht alles. Es gibt ja bei uns kein eigenes Gesetz für Satiriker. Was für Klempner verboten ist, gilt auch für Metzgereifachangestellte und Satiriker. Wenn ich als Klempner jemanden als Kinderpornographen und Ziegenschänder beschimpfe, ist das eine Beleidigung, auch wenn ich behaupte, ich würde mit meiner Beleidigung nur die Grenzen der Klempnerei ausloten. Das gleiche gilt für Satiriker natürlich auch. Das ist gut so.

Die Justiz soll nun entscheiden. Und Erdogan kann in der Zeit ja mal ein Gegengedicht schreiben. Oder den Ball aufnehmen und behaupten, er würde mit seinem Krieg gegen die eigene Bevölkerung nur die Grenzen des Regierens ausloten. Ich gehe davon aus, dass Böhmermann (der derzeit eine Kunstpause einlegt) mit seiner Argumentation, auf der Metaebene der Metaebene der Kunst tätig gewesen zu sein, juristisch durchkommen wird. Dann werden vielleicht bald auch die Judenhasser, Holocaustleugner und Hassprediger Gedichte schreiben und behaupten, das Ganze sei ja nur Satire.

Denn dann ist alles möglich. Ich bin gespannt, wie weit dann die Unterstützung unserer Kulturschaffenden geht. Natürlich kann man feststellen: Erdogan hätte nachsichtiger reagieren können. Menschen, die an der Macht sind, müssen auch mal was wegstecken können. Aber Erdogans Maßstäbe sind nicht unsere. Nirgendwo sind so viele Regierungskritiker im Knast wie in der Türkei. Erdogan ist ein humorloser Prozesshansel, ein korrupter Gewaltherrscher, ein zynischer Kriegstreiber... Darf man das so sagen? Egal. Notfalls ist es Satire! Aber dass er Ziegen schändet, glaube ich nicht. Schade eigentlich, denn dann wäre Böhmermanns Gedicht eine Tatsachenbeschreibung. Und die ganze Hysterie wäre beendet. Das Leben ist kein Wunschkonzert.

Der Autor ist Kabarettist, moderiert „Nuhr im Ersten“ in der ARD (wird vom RBB produziert). Siehe auch im Internet: nuhr.de

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