"Tatort" aus Franken : Das Elend der anderen

Auch der Franken-„Tatort“ kommt an der Flüchtlingsthematik nicht vorbei. Kommissar Voss alias Fabian Hinrichs wagt dabei einen gefährlichen Einsatz.

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Ermitteln im Flüchtlingsheim: Die Kommissare Fleischer (Andreas Leopold Schad), Ringelhahn (Dagmar Manzel, Mitte)) und Goldwasser (Eli Wasserscheid).
Die Kommissare Fleischer (Andreas Leopold Schad), Ringelhahn (Dagmar Manzel, Mitte) und Goldwasser (Eli Wasserscheid)Foto: Rat Pack Filmproduktion GmbH/Ber

Sie kommen alle vor, die Konfliktlinien und ihre Agenten, die in der Flüchtlingskrise eine Rolle spielen: die Spekulanten, die abbruchreife Gebäude als Unterkünfte noch schnell an die Stadt vermieten, die Fremdenfeinde, die Brandsätze bauen, um sie in die Flüchtlingsheime zu schleudern, die selbstlosen Helferinnen, die was zu essen organisieren, die Polizei, die mal für, mal gegen Wutbürger Stellung bezieht und die Flüchtlinge selbst – aus aller Herren Länder kommen sie, nur zufällig mal nicht aus Tschetschenien.

Diesmal sind wir in Bamberg, wo im Rahmen des Oberfranken-„Tatorts“ Hauptkommissarin Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel) zum Einsatz kommt. Ihr Kollege Felix Voss (Fabian Hinrichs) ist gerade zu Besuch in Tschetschenien, wo er Verwandte hat. Als er zurückkommt, ist es passiert: Das Flüchtlingsheim hat gebrannt. Eine Tote, ein Schwerverletzter. Die beiden Beamten gehen an die Arbeit. Sie müssen irgendwie rein in das Heim. Da Voss einstweilen noch unbekannt ist, kommt er auf die Idee, dort verdeckt zu ermitteln.

Regisseur Markus Imboden und Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt hatten das Problem, einen Stoff für den „Tatort“ umzusetzen, der nun schon zum wiederholten Male für Krimi-Plots hat herhalten müssen, wie ehedem das Thema Kindesmissbrauch. Seinerzeit ging nichts ohne verschleppte Mädchen aus dem Osten oder verstörte Buben aus angeblich intakten Familien.

Jetzt geht nichts mehr ohne mittellose Geflüchtete aus Afrika oder Syrien und die bröckelnde Willkommenskultur in Deutschland. Die Krimi-Macher sollten aufpassen, dass sie sich bei diesen allzu häufig variierten Plots nicht den Verdacht einhandeln, sie wollten da was ausnutzen: Das Elend der anderen.

„Am Ende geht man nackt“ hat eine Lösung gefunden, die ganz gut funktioniert. Der Film führt das Bamberger Flüchtlingsheim samt dem Brandschaden als eine Art Soziotop vor, in dem sich die Wege der Guten und der Bösen kreuzen und wo die Kamera immer wieder neue Perspektiven findet. Auch Schicksale wenden sich hier. Die Aufklärung des Verbrechens gerät eher zur Nebensache.

Kontrast-Atmosphäre zu der Tristesse im Flüchtlingsheim

Das weibliche Opfer hatte eine Arbeitsstelle in einem Büro. Jemand hat ihr geholfen, diesen Job zu bekommen, und dieser Jemand handelte nicht nur aus Nächstenliebe. Und dann dieser Immobilientycoon Benedict, der die Liegenschaft in Besitz hat – warum hat er kürzlich die Versicherungssumme erhöht?

Die Flüchtlinge – war jemand unter ihnen, der es auf die schöne Frau aus Kamerun abgesehen hatte und nicht zum Zuge kam? Vielleicht Heißsporn Said Gashi (Yasin el Harrouk), der die Tote bei seiner Vernehmung eine „Hure“ nennt? Was ist mit Basim (Mohamed Issa), der jünger aussieht als achtzehn und abends weint? Ist ihm zu trauen?

Basim ist aus Syrien geflohen. Er weiß es noch nicht, aber er hat niemanden mehr auf dieser Welt – außer Kommissar Felix Voss, der sich aber anders nennt. Er schafft es, als verdeckter Ermittler in der Unterkunft Erkundigungen einzuziehen. Voss gibt sich als Tschetschene aus, er spricht diese Sprache ein wenig, kann aber sein gutes Deutsch schlechterdings nicht verbergen. So zieht er sofort das Misstrauen der Bewohner auf sich. Nur Basim wird vertraut mit ihm. Wie diesem Jungen zu helfen sei, ist die Frage, die sich im Laufe der Handlung immer dringender stellt. Und so wird mehr aus dem Krimi: ein Film über Einsamkeit und leer laufende Hilfsbereitschaft.

Dagmar Manzel gibt ihre Kommissarin Paula Ringelhahn auf gewohnt schnoddrig-wegwerfende Art. Ihr kann der aalglatte Herr Benedict nichts vormachen, nicht mal ihr eigener Vorgesetzter kann sie aufhalten. An ihrer Seite überzeugt Eli Wasserscheid als Wanda Goldwasser, mit ihrer krassen Coolness wird sie auch mal so werden wie die Ringelhahn. Fabian Hinrichs hat mit seinem Als-ob-Tschetschenen diesmal die Hauptrolle.

Stets darum besorgt, dass er nicht enttarnt wird, trifft er sich mit Paula an entlegenen Orten mitten im reizvollen Bamberg, die Kontrast-Atmosphäre zu der Tristesse im Flüchtlingsheim. Als er sich in die Schlange vor der Unterkunft einreiht, um einen Platz zu ergattern, ahnt man, dass er im Laufe des Films kräftig vermöbelt werden wird. Und so passiert es auch. Aber wer es sein wird, der zulangt – das ist dann doch eine Überraschung.

„Tatort: Am Ende geht man nackt“, Sonntag, ARD, 20 Uhr 15

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