"Tatort" aus Köln : Ballauf und das Gerechtigkeits-Dilemma

Recht und Gerechtigkeit sind zwei paar Schuhe. Die Kritik des Kölner „Tatort: Ohnmacht“ am Rechtssystem schießt jedoch übers Ziel hinaus.

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Außer sich: Kommissar Ballauf (Klaus J. Behrendt) konnte den Angriff auf den am Boden liegenden Musikstudenten nicht verhindern. Foto: WDR
Außer sich: Kommissar Ballauf (Klaus J. Behrendt) konnte den Angriff auf den am Boden liegenden Musikstudenten nicht verhindern....Foto: WDR/Martin Menke

Die Currywurst-Bude am Rhein hat an diesem Sonntag im „Tatort“ aus Köln ihren ganz großen Auftritt. Gleich zweimal wird der Schnellimbiss ins Bild gerückt. Ihr Bier können die Kommissare jedoch beide Male nicht richtig genießen. Weil Freddy Schenk (Dietmar Bär) an diesem Abend einmal früher nach Hause will, nimmt sich Kollege Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) sein zweites Bier für unterwegs mit – was er noch bereuen wird, denn ein Polizist ist immer im Dienst. Und die Zeugenaussage eines alkoholisierten Kommissars ist im Zweifel nicht viel wert.

Der Fall beginnt, als Ballauf mit seinem Bier die U-Bahnstation betritt. „Die schlagen ihn tot“, sagt eine junge Frau, die ihm auf der Treppe entgegenkommt. Tatsächlich sieht der Kommissar, als er den Bahnsteig betritt, wie ein junger Mann brutal auf einen anderen eintritt. Doch niemand greift ein – bis auf Ballauf. Als er dazwischengeht, wird er zuerst niedergeschlagen und wenig später auf die Gleise gestoßen. Der einfahrende U-Bahn kommt trotz Vollbremsung erst über Ballauf zum Stehen. „Ich hab doch gebremst, das habt ihr doch gesehen?“, ruft der Fahrzeugführer den Wartenden zu. Nur knapp überlebt der Kommissar den Unfall.

Erst vor wenigen Monaten hatte die „Tatort“-Folge „Gegen den Kopf“ des RBB das Thema Jugendgewalt in der U-Bahn behandelt. Im Berliner Fall wurde ein 38-jähriger Mann von zwei jungen Männern totgeprügelt, weil er sich schützend vor einen älteren Mann gestellt hatte. In Köln richtet sich die Gewalt wahllos gegen einen Musikstudenten, der gerade von einem Auftritt eines Jugendorchesters kommt.

Sämtliche Vorurteile gegen ein zu mildes Jugendstrafrecht scheinen sich zu bestätigen

Die Täter zu finden, fällt den Kommissaren nicht schwer. Allerdings müssen sie ohnmächtig erleben, wie sich der bereits mehrfach vorbestrafte Kai Göhden (Robert Alexander Baer) und seine Freundin Janine Bertram (Nadine Kösters) als Opfer stilisieren und sich auf Notwehr berufen. Und damit offenbar durchkommen. Sämtliche Vorurteile der Boulevard-Medien gegen ein zu lasches Jugendstrafrecht scheinen sich zu bestätigen. Der Staatsanwalt (Christian Tasche) entlässt den mutmaßlichen Schläger trotz Vorstrafenregister in die Obhut des offensichtlich komplett überforderten Vaters, weil der junge Mann Ballaufs Alkoholfahne gerochen hat und nun dessen Glaubwürdigkeit untergraben kann. Als die Kommissare – die Ermittlungsführung liegt allein bei Schenk, Ballauf darf ihn als Beteiligter an den Vorkommnissen in der U-Bahn nur begleiten – Janine Bertram mit den Fotos des blutverschmierten Opfers konfrontieren wollen, darf sie das Kommissariat in Begleitung ihrer Mutter verlassen. Von Haftrichterin Carola Blessing (Anne Cathrin Buhtz) dürfen sie ebenfalls keine Hilfe erwarten. „Du weißt doch, es ist rechtens“, versucht Schenk seinen Kollegen zu beruhigen, als die Richterin die jungen Täter ein zweites Mal nach Hause schickt, obwohl der Musikstudent inzwischen seinen schweren inneren Verletzungen erlegen ist. „Was kriegen die dafür?“ fragt die Mutter des Musikstudenten, nach dem Tod ihres Sohnes. „Zu wenig, immer zu wenig“, antwortet ihr Mann resigniert.

Wenn ihnen etwas widerfahren ist, dann zu viel Liebe

Kai, Janine und als Dritter im Bunde Adrian Hamstetten (Sven Gielnik) sind keine verwahrlosten Unterschichten-Kinder. Ihr Milieu ist der gehobene Mittelstand. Wenn ihnen etwas widerfahren ist – so schildert es jedenfalls dieser ARD-Krimi – dann zu viel Liebe. Vor allem Prinzessin Janine wurde verwöhnt und verhätschelt. Egal, was sie getan hatte, immer konnte sie sich auf den Schutz ihrer Eltern verlassen.

Es ist nicht das erste Mal, dass sich speziell der Kölner „Tatort“ mit Kritik an den bestehenden Verhältnissen hervortut. Doch in dem Versuch, die Kluft zwischen Recht und Gerechtigkeit, zwischen elterlicher Fürsorge und übersteigertem Beschützerinstinkt darzustellen, tragen Andreas Knaup (Buch) und Thomas Jauch (Regie) zu dick auf. Zu den vielen Ungereimtheiten dieses Kölner „Tatort“ kommt nun noch hinzu, dass Ballauf nach seinem beinahe tödlichen Ausflug auf die U-Bahngleise ohne psychologische Hilfe im Dienst bleiben darf.

„Tatort: Ohnmacht“. ARD, Sonntag, 20 Uhr 15. Im Anschluss um 21 Uhr 45: „Günther Jauch: Mein Kind ist ein Schläger – Ohnmächtig gegen Jugendgewalt?“

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