"Tatort" : Der lange Abschied

Ein grandioser Lena-Odenthal-"Tatort“ handelt von einem brisanten Thema: Sterbehilfe. Der Krimi dreht sich nicht um Mord und Täter, sondern rückt das Sterben in den Mittelpunkt.

Markus Ehrenberg

Der Tod gehört für Kommissare zum Beruf, und das gilt natürlich auch für die aus dem Fernsehen. Spätestens nach sieben Minuten haben wir Zuschauer eine Leiche. Der Rest, die Tätersuche, all die falschen Fährten und Ermittlerrituale, das ist weitgehend bekannt und beliebt. Umso interessanter, wenn ein Krimi mal nicht den Tod und die Täter, sondern das Sterben in den Mittelpunkt rückt, das langsame Sterben, so wie das heute im Ludwigshafener „Tatort“ geschieht. Der SWR-Krimi mit der dienstältesten TV-Kommissarin Lena Odenthal ist ja eh’ nicht gerade bekannt dafür, dass in ihm auch mal die leichten Dinge des Lebens behandelt werden, wie das bei den Kölner oder Münchner Kollegen geschieht. Odenthal alias Ulrike Folkerts trug stets etwas schwerer an ihren Fällen. Diesmal bricht sie fast unter der Last zusammen.

Der Anfang sieht noch nach Routine aus. Sabine Brodag, die Mitarbeiterin des Sterbehilfevereins Charontas, wird ermordet aufgefunden. Verdächtigt wird Michael Heymann (Frank Giering), Anwalt des Vereins und Familienvater, der mit der Ermordeten ein Verhältnis hatte. Am Nachmittag vor Brodags Tod gab es ein Streit mit dem Opfer. Aber was heißt das schon in diesem Krimi: Opfer? Fast parallel wird die tragische Familiengeschichte der zweiten Verdächtigen erzählt. Bei der Leiche wird die Telefonnummer von Katja Frege (großartig in einer laut Regisseurin „sehr persönlichen Auseinandersetzung mit dem Thema“: Susanne Lothar) gefunden. Deren neunjährige Tochter Julia (Stella Kunkat) hat Mukoviszidose, eine unheilbare Krankheit. Weder Bauchspeicheldrüse noch Lunge funktionieren richtig, Essen geht kaum. Das Mädchen droht irgendwann zu ersticken. In einer der berührendsten Szenen in diesem ohnehin sehr emotionalen „Tatort“ sagt Julia zu ihrer alleinerziehenden Mutter: „Ich kann nicht mehr.“

Eine Mutter, die darüber nachdenkt, ihrem Kind zum Tod zu verhelfen. „Unser Film stellt die Grundsatzfrage: Sterbehilfe ja oder nein“, sagt die Grimme-Preis gekrönte Regisseurin Aelrun Goette. Buch (André Georgi), Regie und Schauspielern ist es zu verdanken, dass dieses vermeintliche Tabu-Thema vor einem Millionenpublikum in einer angemessenen Form behandelt wird. Nie war Ludwigshafen so fahl. Farben wie rausgezogen, braunstichige Bilder, leere Straßen, Nieselregen. Das spärlich möblierte Kasten-Haus, indem der verdächtige Anwalt mit seiner hochschwangeren Frau lebt, wirkt mehr dem Tode geweiht als das röchelnde Mädchen in seinem bunten Zimmer mit seinen technischen Apparaten und dem liebevollen Bruder auf der Bettkante, der seine Schwester immer wieder nach dem Jenseits fragt. „Wie halten Sie das aus?“ fragt Lena Odenthal die Mutter. „Gar nicht“, sagt diese. Es sei hier nicht alles verraten, nur so viel: Das Interesse an einem Sterbehilfemedikament führt Mutter und Anwalt am Ende zusammen.

Das Schlagwort von gesellschaftlicher Relevanz wird öfters bemüht, selten jedoch lagen beim „Tatort“ Fiktion und Wirklichkeit so nahe beieinander. In einem Interview zum Film hat Ulrike Folkerts die Sterbehilfe-Aktivitäten des früheren Hamburger Justizsenators Roger Kusch kritisiert. „Ich finde es skrupellos und gemein, dass sich jemand damit profiliert, einer alten einsamen Frau beim Sterben geholfen zu haben.“ Kusch hatte im Juni einer alten Dame beim Suizid assistiert. Am Dienstag hatte der Gründer eines Sterbehilfevereins bekanntgegeben, wiederum einer 84-Jährigen bei der Selbsttötung geholfen zu haben. Die Deutsche Hospizstiftung verurteilte das und forderte, geschäftsmäßige Suizidbeihilfe unter Strafe zu stellen. Folkerts sprach sich für eine Legalisierung der Sterbehilfe aus, die in Deutschland bislang unter Strafe steht. Gerade weil es Missbrauch gebe und Menschen, die damit Profit machten, seien verlässliche Gesetze notwendig.

Diese eindeutige Position bezieht der „Tatort“ nicht. Und das ist gut so. Ein erschütternder Krimi. Auch der Zuschauer hält diesen Film nicht immer so einfach aus. Aber es lohnt sich. Schon wegen des Moments, in dem die beiden Kinder, die Geschwister, für immer voneinander Abschied nehmen. Sterben helfen.

„Tatort – Der glückliche Tod“,

ARD, 20 Uhr 15

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