"Tatort"-Kommissarin wird nach Nazi-Opfer benannt : Warum nicht gleich Anne Frank?

Völlig verrückt: Eine "Tatort"-Kommissarin bekommt den Namen eines KZ-Opfers. Damit wird die Identität einer Ermordeten missbraucht, meint unser Gastautor.

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Umstrittene Idee: Schauspielerin Margarita Broich will als "Tatort"-Kommissarin den Namen des Holocaustopfers Selma Jacobi tragen.
Umstrittene Idee: Schauspielerin Margarita Broich will als "Tatort"-Kommissarin den Namen des Holocaustopfers Selma Jacobi tragen.Foto: Imago

Eine „Tatort“-Kommissarin (wer kennt sie alle, wer zählt die Namen?), die Schauspielerin Margarita Broich, tritt aus ihrer Berliner Wohnung, sieht vor ihren Füßen einen Stolperstein, der an das jüdische KZ-Opfer Selma Jacobi erinnert – die starb 1943 in Theresienstadt im Alter von 89 Jahren – und fasst den bizarren Entschluss, sich als Kripo-Beamtin im „Tatort“ nach der Ermordeten zu nennen.

Die zuständige Leiterin des Fernsehspiels im Hessischen Rundfunk (der Intendant heißt Dr. Helmut Reitze), eine Frau Liane Jessen, hält das für eine gute Idee: „Ich wäre glücklich in meinem Grab, wenn auf diese Art und Weise an mich erinnert würde.“

Und wie wäre es mit einem „Tatort“-Gerichtspathologen namens Josef Mengele?

Das ist völlig verrückt. Warum nicht gleich Anne Frank? Und wie wäre es mit einem „Tatort“-Gerichtspathologen namens Josef Mengele? Was geschieht hier? Handelt es sich nur um eine sentimentale Manifestation deutscher Betroffenheit? Man kennt derlei Spiele mit jüdischen Identitäten aus den 60er Jahren, da der heitere Massenbestseller des israelischen Schriftstellers Ephraim Kishon („Drehn Sie sich um, Frau Lot“) den schönen Namen Sarah mit und ohne „h“ in zahllosen christlichen Taufregistern wiederauferstehen ließ. Das war eine Art kostenlose elterliche Wiedergutmachung mit dem Nebeneffekt, sich mit buchstäblich einer Million jüdischer Kinder zu identifizieren, die in den Verbrennungsöfen der KZs in Rauch aufgegangen waren, ohne je ein Grab zu finden, in denen sie sich glücklich wie Frau Jessen fühlen könnten.

In der Berliner Güntzelstraße liegt der Stolperstein des Nazi-Opfers Selma Jacobi, die im Ghetto Theresienstadt ermordet worden ist.
In der Berliner Güntzelstraße liegt der Stolperstein des Nazi-Opfers Selma Jacobi, die im Ghetto Theresienstadt ermordet worden...Foto: Promo

Die mitzudenkende Selbstentlastung von dem gewiss herzensguten Schamgefühl, in einer Nation aufzuwachsen, deren Namen für immer mit Auschwitz, Sobibor, Birkenau und anderen Mordstätten verknüpft ist, hat seltsame Blüten getrieben, die unter dem angenommenen jüdisch klingenden Namen „Lea“ geradezu weltberühmt wurden. Und jetzt also „Selma Jacobi“ in der Rolle einer Polizistin.

Eine geisteswiderwärtige Anmaßung

Als die Debatte um das Holocaust-Mahnmal ihren Höhepunkt erreicht hatte, entstand das typisch deutsche Sprachkompositum „Erinnerungskultur“ – ein Pleonasmus, denn ohne Erinnerung gibt es keine Kultur. Kulturlos, also absolut vergesslich ist allerdings die geisteswiderwärtige Anmaßung, die Identität einer ermordeten Greisin in einem Unterhaltungskrimi zu missbrauchen, zumal der Name so schön klingt, da Selma Jacobi nicht Katzenellenbogen hieß und weil eine gedankenlose Schauspielerin das Gefühl hat, der Toten etwas Gutes zu gewähren, indem sie einen fiktiven Mordfall aufklärt.

Vielleicht erinnert sich irgendjemand in der Intendanz des Hessischen Rundfunks daran, dass es die Nazis waren, die das Recht durchsetzten, allen jüdischen Opfern des Rassismus einen jüdischen Vornamen in den Pass zu setzen, der sie als Verfemte und dem Tod Geweihte auf jeder Polizeidienststelle kenntlich machte. Es ist diese unvergessene Anmaßung, über Namen zu verfügen, die auch in ihrer gut gemeinten Variante daran erinnert, dass Deutschland immer noch ein Tatort ist und bleiben wird. Michael Naumann

- Der Autor war von 1998 bis 2001 Kulturstaatsminister. Seit 2012 ist er Direktor der Barenboim-Said-Akademie in Berlin.

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