Tech-Gentrifizierung in San Francisco : Dotcom-Dekadenz

Attacken gegen Busse für Google-Mitarbeiter, Jahresmieten werden bar bezahlt - und Obdachlose bekommen Bohnen: In San Francisco tobt ein Krieg zwischen neureichen Internet-Millionären und alteingesessenen Bewohnern.

Beate Wild[San Francisco]
Teures Pflaster: San Francisco wird für viele Einwohner unbezahlbar.
Teures Pflaster: San Francisco wird für viele Einwohner unbezahlbar.Foto: AFP

Früher Morgen, San Francisco, Mission District. An einer Bushaltestelle am Dolores Park steht eine Gruppe von etwa 30 jungen Leuten. Fast alle Männer, nur drei Frauen sind darunter. Blass sehen sie aus und irgendwie ähnlich, was am einheitlichen Outfit liegen kann: Kapuzenpullis, Jeans und Turnschuhe. Alle starren auf ihre Smartphones oder Tablets, keiner unterhält sich. Dann kommt der Bus. Ein weißer Luxus-Doppeldecker mit verdunkelten Scheiben. Die Kapuzenträger steigen schweigend ein. Abfahrt.

Dieses Schauspiel wiederholt sich in San Francisco jeden Tag hunderte Male. Die privaten Busse fahren für Facebook, Google, Apple und andere Technologie-Unternehmen. Sie bringen täglich geschätzte 9000 Mitarbeiter zu ihren Arbeitsplätzen ins 60 Kilometer entfernte Silicon Valley – und karren sie abends wieder zurück in die Stadt. An Bord gibt’s Internet, Snacks und Getränke. Wer viel zu tun hat, kann im Bus schon mit der Arbeit beginnen. Das sei wesentlich bequemer, als die öffentlichen Verkehrsmittel zu nehmen, berichtet ein Google-Mitarbeiter.

„San-Fran-cisco! Not-for-sale!“

Doch in den vergangenen Monaten sind die Busse regelrecht zu Hassobjekten avanciert. Bewohner, die nichts mit der Tech-Branche zu tun haben, protestierten gegen die Luxusliner und ihre hoch bezahlten Insassen. Aktivisten stoppten die Busse, warfen Steine gegen die abgedunkelten Fenster und skandierten „San-Fran-cisco! Not-for-sale!“.

Die Busse sind dabei lediglich Symbol für die Tech-Industrie. Vielmehr geht es bei den Protesten darum, dass immer mehr Software-Entwickler mit ihren enormen Gehältern nach San Francisco ziehen. Statt in Kleinstädten wie Palo Alto, Menlo Park, Mountain View oder Cupertino zu leben, wo die großen Tech-Firmen ihren Hauptsitz haben, bevorzugen die gut verdienenden Ingenieure die pulsierende Großstadt. Locker können sie jede noch so hohe Miete bezahlen, teilweise legen sie die komplette Jahresmiete bar auf den Tisch, mit der Folge, dass die Wohnungspreise in San Francisco explodiert sind. Alteingesessene können sich das Leben in der ehemaligen Hippie-Metropole kaum mehr leisten. Sie geraten ins Hintertreffen.

Es ist die Rede vom „Kampf der Kulturen“ und von „Neo-Kolonialisierung“. Viele fragen sich, wie sehr die „Dotcom-Dekadenz“ der Stadt mit den linksliberalen Wurzeln schadet. Wird aus der Stadt der Goldgräber, der Beatniks, der Hippies und der Schwulenbewegung nun eine Stadt der Apps und selbst fahrenden Autos? Während Normalbürger es für möglich halten, dass die IT-Arbeiter all das Schöne und Lebendige zerstören, was sie eigentlich in San Francisco suchen, argumentieren die Nerds, dass der Tech-Boom den Menschen schließlich Arbeit und Wohlstand gebracht habe und es letztlich in jeder florierenden Stadt Gentrifizierung gebe – nur im Falle San Franciscos wäre es besonders leicht, die Sündenböcke zu benennen.

Bio-Gerichte für 30 Dollar

Von 2010 bis 2012 stieg die Zahl der Bewohner in San Francisco um 20 000 – und die Mieten alleine in 2013 um 12,3 Prozent. Für eine Ein-Zimmer-Wohnung im beliebten Mission District bezahlt man derzeit monatlich etwa 3200 Dollar. Früher war dieses Viertel das Zentrum der Zuwanderer aus Lateinamerika. Auch heute gibt es noch viele südamerikanische Geschäfte und Taquerias, doch die meisten Latinos sind längst weggezogen an den Stadtrand oder nach Oakland, auf die andere Seite der Bucht.

Dafür wohnen jetzt neureiche Mittzwanziger in der Nachbarschaft. In der Valencia Street, eine der Hauptstraßen des Mission Districts, reihen sich teure Boutiquen an schicke Restaurants. Abends kann man hier Bio-Gerichte für 30 Dollar verspeisen und 0,4-Liter-Biere für acht Dollar trinken. Allerdings nur, wenn man bereits zwei Wochen im Voraus reserviert hat.

Drei Kilometer entfernt warten zur gleichen Zeit hunderte Obdachlose im Viertel Tenderloin auf eine warme Mahlzeit. Vor dem Next Door Shelter, einem Heim für Bedürftige, stehen jeden Abend hunderte Menschen in der Schlange. Junge, alte, weiße, farbige, Männer wie Frauen. Next Door Shelter ist nur eine der zahlreichen Wohltätigkeitsorganisationen, ohne die die 6500 Obdachlosen der Stadt nicht überleben könnten. Für sie gibt es Reis mit Bohnen, ein wenig Salat und als Nachtisch ein Stück Zitronenkuchen. Einer nach dem anderen darf vortreten und sich eine Mahlzeit, die direkt auf ein ausgebleichtes Plastiktablett geklatscht wird, abholen. Dankbare Gesichter, viele schauen verlegen zu Boden, manche lächeln und sagen „Thank you, M’am“ zu den Frauen, die ehrenamtlich bei der Essensausgabe helfen.

Die Wut auf die Technik-Jünger eskaliert

Viele Bewohner San Franciscos engagieren sich als „Volunteers“, um etwas für die vielen Obdachlosen der Stadt zu tun. Dass nicht alle diese Einstellung haben, zeigte sich vor einem halben Jahr, als Greg Gopman, Gründer des Start-ups „AngelHack“, mehrere Hasstiraden auf die Obdachlosen veröffentlichte: „In Downtown San Francisco rotten sich die Degenerierten wie die Hyänen zusammen, spucken, urinieren, verhöhnen dich, verkaufen Drogen, machen Krawall. Sie führen sich auf, als würde ihnen die Stadt gehören“, schrieb er auf Facebook. Diese Aussagen riefen öffentlich große Empörung hervor, doch viele seiner Freunde hatten die Sätze zuvor hämisch und zustimmend kommentiert.

Mitten in Tenderloin, nur wenige hundert Meter von der Essensausgabe für die Obdachlosen entfernt, befindet sich seit 2012 auch das Hauptquartier von Twitter. Der Börsengang des Kurznachrichtendienstes hat 1600 Aktionäre und Mitarbeiter zu Millionären gemacht. Um das Unternehmen in der Stadt zu halten, erließ ihm der demokratische Bürgermeister Ed Lee die „payroll tax“ – eine höchst umstrittene Entscheidung. Es geht schließlich um Steuern, die der Gemeinschaft fehlen.

Kein Wunder, dass manchmal die Wut auf die Technik-Jünger eskaliert. Wie etwa im Frühjahr in einer Kneipe im Stadtteil Lower Haight. Sarah Slocum hatte ihre Google-Glass-Brille erst eine Minute auf der Nase und gerade angefangen zu filmen, als ein anderer Gast der 34-Jährigen das Hightech-Ding vom Kopf riss. Der Ort der Auseinandersetzung: Das Molotov’s, eine alternative Kneipe, die gut nach Kreuzberg passen würde. Wer hier sein Bier trinkt, trägt gerne Vollbart und die Haut voller Tattoos. Vor allem aber will er sein Bier in Ruhe trinken und nicht von einem Nerd dabei gefilmt werden. In San Francisco ist die Google-Brille ungefähr so beliebt wie der Google-Bus.

Andere nehmen die Entwicklung mit Humor. Das D-Structure, ein Hipster-Laden in der Haight Street, hat ein T-Shirt erfunden auf dem steht: „I can’t afford SF“ („Ich kann mir SF nicht leisten“), gestaltet wie der bekannte Aufdruck „I love SF“.

Immerhin gibt es von verschiedenen Seiten Bemühungen, gegen die wachsende Zweiklassengesellschaft anzukämpfen. Bürgermeister Lee hat einen Sieben-Punkte-Plan entwickelt, mit dem er bis 2020 30 000 Wohnungen für niedrige und mittlere Einkommensschichten bauen will. Gerade stimmte das Rathaus gegen die Übernahme eines Innenstadtgebäudes durch das Netzwerk Pinterest, das 77 Mieter ausquartieren wollte. Und selbst bei den Tech-Baronen scheint langsam die Erkenntnis durchzusickern, dass es so nicht weitergehen kann. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg spendete im Dezember einer Stiftung im Silicon Valley, die Bildungseinrichtungen in der Region unterstützt, eine Milliarde Dollar. Doch alle diese Anstrengungen reichen nicht weit genug in der sich immer mehr überhitzenden Utopie des Silicon Valley. Beate Wild

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