„This ain’t California“ : Mond ohne Mondlandung

Ein mitreißender Film über die Rollbrettszene in der DDR inszeniert sich als Doku – ist aber keine.

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„Die Sonne hat geschienen, Vögel haben gezwitschert, die Mädels haben jekiekt – wat will man mehr.“ Das Lebensgefühl von Rollbrettfahrern in der DDR der 1980er Jahre. Foto: Arte
„Die Sonne hat geschienen, Vögel haben gezwitschert, die Mädels haben jekiekt – wat will man mehr.“ Das Lebensgefühl von...

Drei Jugendliche in einer Plattenbausiedlung in der DDR der 1980er Jahre: Denis hat eine Idee, wie man springen kann, ohne sein Rollbrett zu verlieren. Er und seine Freunde nennen es die „Fahrradschlauchtechnik“. Kumpel Nico ist mit der Super-8-Kamera dabei. Man sieht Denis elegant abheben, in Zeitlupe segelt er durch die Luft, das Rollbrett dank Fahrradschlauch fest unter den Füßen. Die Bilder wirken dynamisch und seltsam professionell. Erstmals habe er damals „vom Brett aus gefilmt“, erklärt Nico rund 30 Jahre später aus dem Off. „Die Sonne hat geschienen, Vögel haben gezwitschert, die Mädels haben jekiekt – wat will man mehr. War eigentlich ein bisschen wie die Mondlandung, nur ohne Mond.“

Drang nach Freiheit in einem uniformierten Land

Wirklich wahr? Ja und nein. Die Jungs und ihre Rollbretter, ihr Drang nach Freiheit und wildem Leben in einem betonierten, uniformierten Land, in dem „die Straße nicht zum Spielen da war“ – von diesem Lebensgefühl erzählt der Film „This ain’t California“ mitreißend und glaubwürdig, dank einer faszinierenden Montage von verschiedenem Bildmaterial, darunter auch Animationen. Herausragend außerdem die eigenwillige Musik-Mischung, die an die 1980er Jahre anknüpft, ohne alte Hits herunterzuleiern.

Den besonderen, ja faszinierenden Look verleihen dieser Filmcollage unter anderem Bilder, die aussehen, als stammten sie aus privaten Archiven. Wie in der hübschen Szene mit der „Fahrradschlauchtechnik“. Doch die wurde von Regisseur Marten Persiel ebenso selbst inszeniert wie augenscheinlich der ganz überwiegende Teil dieses von RBB und Arte koproduzierten „Dokumentarfilms“.

"Panik" wird der Wildeste aus der Clique genannt

Persiel erzählt die Geschichte von Denis, dem Wildesten aus der Clique, genannt „Panik“. Auf seiner Beerdigung im Jahr 2011 – Denis kam angeblich als Soldat in Afghanistan ums Leben – treffen sich seine alten Freunde wieder. Nach der Wende hatte man sich aus den Augen verloren, jetzt setzen sie sich vor der Kulisse einer Industrieruine zusammen und erinnern sich an die verflossenen Zeiten. Es ist ein nostalgischer Blick zurück auf die eigene Jugendzeit und auf eine Subkultur, die schließlich den Alexanderplatz unter ihre Bretter nahm und sich von Partei und Staat nicht vereinnahmen ließ. Anfangs als Übel aus dem Westen verleumdet, suchte die Sportnation DDR später Anschluss an den neuen Trend und ließ sogar eigene Rollbretter herstellen. Der „Werbespot“ der Marke Germina ist wirklich putzig anzuschauen.

Der Film wurde auf der Berlinale gezeigt

So unterhaltsam und im Kern wahrhaftig der Film auch das Lebensgefühl der jungen Rollbrettfahrer wiedergeben mag, so problematisch bleibt die Inszenierung vermeintlich dokumentarischer Bilder. Im Abspann, also gewissermaßen im Kleingedruckten, findet sich nur der dürftige Hinweis: „Dieser Film enthält fiktionale Szenen.“ Welche Szenen genau nachgestellt oder inszeniert waren, darüber wollten Regisseur Persiel und Producer Ronald Vietz keine Auskunft geben, als „This ain’t California“ 2012 auf der Berlinale lief und im August desselben Jahres in die Kinos kam. „Das ist uns zu akademisch. Der Film war nicht für den Kopf gedacht, sondern für den Bauch“, sagte Vietz in einem „FAZ“-Interview. Persiel selbst sprach von einer „dokumentarischen Erzählung“.

Aber dass hier – Kopf hin, Bauch her – mit dem authentischen Anschein gespielt wird, ist für das Publikum nicht ganz so einfach zu entschlüsseln. Außer man kennt zum Beispiel die Schauspieler Kai Hillebrand (Denis) und Klaus Nathan (Nico) oder wird bei den offenkundig inszenierten Privataufnahmen und den gestellt wirkenden Interviewszenen misstrauisch – womöglich mit dem Ergebnis, dass man dem Film am Ende gar nichts mehr glaubt.

„This ain’t California“, Arte, Mittwoch, 22 Uhr 20

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