Medien : Tod im Atlantik

Die ARD-Dokumentation, die den Mord an blinden Schiffspassagieren rekonstruiert, ist spannend wie ein Krimi

Eckart Lottmann

Wir wissen nicht, wie oft es Menschen gelingt, sich an Bord der riesigen Containerschiffe zu schleichen, die Richtung Amerika fahren. Rainer Kahrs erzählt von vier Rumänen, die als blinde Passagiere auf der „Maersk Dubai“ in ein besseres Leben wollten. Drei von ihnen ließ der Kapitän über Bord werfen, einer überlebte, versteckt. Der Film „Über Bord“ erzählt von einer Tragödie, von Menschenverachtung, aber auch von großem Mut. Vier Männer aus der Mannschaft der „Maersk Dubai“ versteckten den vierten „blinden Passagier“, sie klagten den Kapitän an, sie kämpften um die Wahrheit – und hatten kaum eine Chance.

1996 übernahm der Taiwanese Cheng Shiou, mit 34 Jahren der jüngste Kapitän seines Landes, die „Maersk Dubai“. Nach dem Auslaufen aus dem spanischen Hafen Algeciras entdeckte die Mannschaft zwei Rumänen an Bord. Die philippinische Besatzung des Schiffs setzte sich für die blinden Passagiere ein, doch der Kapitän befahl, sie über Bord zu werfen. Fünfzig Seemeilen von der Küste entfernt hatten sie kaum eine Überlebenschance. Auf einer Reise zwei Monate später wurde ein weiterer blinder Passagier entdeckt, auch ihn warfen die taiwanesischen Offiziere über Bord. Einer der blinden Passagiere hatte Glück: Bootsmann Rudolfo Miguel fand den Rumänen Nicolae Pasca, versteckte ihn im Schiff und rettete ihm so das Leben.

So ist es geschehen, sagen Rudolfo Miguel, Jay Ilagan und einige andere aus der Mannschaft der Maersk Dubai, alle erfahrene Seemänner von den Philippinen. Völlig falsch, sagen die Offiziere des Schiffes, alle aus Taiwan, als sie in Kanada vor Gericht stehen. Man habe die blinden Passagiere sogar an die marokkanische Küste gebracht. Die Aussagen von vier Philippinos, vertreten von einem Anwalt, standen gegen die Aussagen der taiwanesischen Offiziere, vertreten von sieben Anwälten. Das kanadische Gericht, so die bittere Pointe, konnte sowieso nichts entscheiden: Schließlich fand alles in internationalen Gewässern statt, und da hat die Rechtshoheit das Land der Reederei: Taiwan. Die Offiziere sind nie bestraft worden.

„Über Bord“ erzählt eine Geschichte, wie sie sich tagtäglich auf hoher See zutragen könnte. Wenn der Kapitän eines Überseeschiffes den Behörden blinde Passagiere meldet, verursacht das Kosten, langwierige Untersuchungen und bringt seinen Fahrplan durcheinander. Viele Kapitäne scheuen diese Umstände. Bestenfalls verheimlichen sie ihre blinden Passagiere, oder sie werfen sie über Bord, ohne Umwege. Und ohne Skrupel.

Rainer Kahrs hat den Überlebenden befragt, Nicolae Pasca. Der lebt heute in Chicago, arbeitet, hat Frau und Kinder. Kahrs konnte auch das Videomaterial verwenden, das die kanadische Polizei an Bord der „Maersk Dubai“ aufnahm, als sie die Angelegenheit untersuchte. Zu sehen ist da unter anderem, wie Rudolfo Miguel der kanadischen Polizei das Versteck zeigte, in dem er Pasca verbarg. „Über Bord“ ist spannend erzählt wie ein Kriminalfilm, inszeniert auch einige Schlüsselszenen mit Schauspielern nach. Die verfremdeten Bilder der inszenierten Szenen stützen die Version der philippinischen Seeleute, ihnen glaubt der Filmemacher, und ihnen glauben auch wir. Die Staatsraison Taiwans verhinderte eine Verurteilung des Kapitäns. Den sehen wir zum Schluss noch einmal, Rainer Kahrs hat ihn aufgespürt. „Einen Fehler" habe er damals, 1996, gemacht, gesteht der Kapitän, und sein Gesicht spricht Bände. „Über Bord“ ist ein Stück bester Fernsehreportage. Nicht verpassen.

„Über Bord“: ARD, 23 Uhr

0 Kommentare

Neuester Kommentar