Tom Kummer hat wieder zugeschlagen : Der Fake ist die neue Realität?

The same procedure as last year: Seit Jahrzehnten ist Tom Kummer im Journalismus als Fälscher unterwegs, seit Jahrzehnten geben ihm Zeitungen und Magazine Aufträge.

Bernhard Pörksen
Der ehemalige Schweizer Starjournalist Tom Kummer in einer Szene des Films "Bad Boy Kummer".
Der ehemalige Schweizer Starjournalist Tom Kummer in einer Szene des Films "Bad Boy Kummer".Foto: picture alliance / dpa

Seit dem 8. März 1963 wird in den Dritten Programmen Jahr der Sketch „Dinner for One“ ausgestrahlt. Der Butler James feiert mit Miss Sophie und ihren Freunden, die längst tot sind und nur als imaginäre Gestalten und Trinkkumpane die Tischrunde bevölkern, Geburtstag. Der Witz ist die Wiederholung - die immer gleichen Dialoge, das Stolpern über den Tigerkopf am Boden, der Dauerloop besoffen-weggenuschelter Trinksprüche des Butlers, der stellvertretend für die Toten spricht und irgendwann, weil er sie alle prostend vertreten muss, nur noch lallt. Der Butler sagt: „The same procedure as last year, Miss Sophie?“ Prompt kommt die Antwort: „Same procedure as every year, James...“

Vor kleinerem Publikum, aber eben auch in einer Endlosschleife der Wiederholung wird seit Jahrzehnten im deutschsprachigen Journalismus eine bizarre Fälschungskomödie aufgeführt, die ebenso ewig gleichen Mustern folgt. In der ersten Szene stolpert der Star-Autor Tom Kummer über eine frei erfundene Geschichte. Die zweite Szene: Die betrogenen Medienmacher zeigen sich, wenn irgendwann alles öffentlich wird, sehr enttäuscht und beklagen den Vertrauensbruch.

Dann folgt die Pause, und es ist für einige Zeit lang ruhig. Die dritte Szene geht folgendermaßen: Tom Kummer kehrt zurück, er bekommt, wie es in stereotyper Monotonie heißt, seine „zweite Chance“.
Und man druckt ihn, den glänzenden Stilisten mit seinen düster flackernden Stimmungsbildern, erneut. Schließlich prüft irgendwer seine Geschichte.

Und wir kehren zurück zum ersten Szenenbild: Star-Autor Tom Kummer stolpert über eine mehr oder minder freihändig erfundene oder aber zusammen geklaute Geschichte. Soweit, so berechenbar. Aber was versorgt diese Schmierenkomödie aus Lügen und Betrug, Skandalen und verkniffenen Rechtfertigungen seit Jahrzehnten mit Energie? Wieso verweigert ein Borderline-Publizist die heftig angebotene Resozialisierung im öffentlichen Raum?

Am vergangenen Wochenende wurde wieder einmal offensichtlich, dass Tom Kummer seine Geschichten aus unterschiedlichen Quellen zusammen mixt. Dieses Mal hat es, wie die „Neue Zürcher Zeitung“ berichtete, das Schweizer Magazin „Reportagen“ und die ebenfalls in der Schweiz beheimatete „Weltwoche“ getroffen. Eine Geschichte für das Magazin „Reportagen“ über konservative Radio Talker stammt offenbar in Teilen aus einem mehr als 20 Jahre alten Text von Matthias Matussek, für manche „Weltwoche“-Artikel bediente sich Kummer unter anderem aus „Spiegel“, Spiegel online, der „Welt“.

Nun herrscht Aufregung; ganz wie beim ersten Mal, das allerdings schon ziemlich lange zurück liegt. Im Jahre 1990 veröffentlichte der Borderline-Publizist in der Zeitschrift „Tempo“ unter dem Titel „Satanische Wildnis“ eine spannende Reportage über eine Gruppe junger Teufelsanbeter. Ein Leser informierte die Chefredaktion, dass Kummer Passagen aus einem Buch von Richard Ford übernommen hatte und lieferte die entsprechenden Auszüge gleich in Form von Fotokopien mit. Dem damaligen Chefredakteur Lucas Koch war der Wahrheitsgehalt von Kummers Stories aber, wie er selbst einmal sagte, nicht so furchtbar wichtig. Erst 1992 beendete man die Zusammenarbeit. Kummer zog weiter.

Charles Bronson über das Seelenleben der Pflanzen

Der „Stern“ kündigte wie später auch das Magazin des Zürcher „Tagesanzeigers“ die Kooperation auf, weil auch hier Zweifel am Realitätsgehalt einzelner Geschichten auftauchten. Und Kummer zog wieder weiter. Er schrieb für ziemlich alle wichtigen Zeitschriften im deutschsprachigen Raum und wurde vom Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ als Star-Interviewer präsentiert. Hier lieferte er rasante Gespräche mit den Größen des amerikanischen Showbusiness. Er ließ Mike Tyson über Nietzsche philosophieren und Charles Bronson über das Seelenleben der Pflanzen.

Dann wieder die Enthüllungsszene. Eine Leserin wies nach, dass die supertolle Geschichte über Ivana Trump leider Zitat-Collagen aus dem Werk von Andy Warhol enthielt. Und deutlich wurde: Kummer hatte die Interviews gar nicht geführt, sondern die dadaistisch-flotten Dialoge am heimischen Schreibtisch komponiert. Nun verwandelte sich der blamierte Fälscher zum selbsternannten Konzeptkünstler, der erklärte, er wolle die Medientheorie mit seinen Fakes erweitern und die Definition des Realen in Frage stellen.

Er parierte moralische Angriffe künftig mit den Fertigsätzen postmoderner Prosa („In der Show gibt es keine Wahrheit, sondern Effekte“) und gab sich fortan als ein Kritiker der Objektivitätsrituale des klassischen Journalismus aus - eine publikumswirksame Rolle, die er seitdem auf Künstler-Events spielt; hier lässt er dann seine Interviews voller Selbstgenuss rezitieren und reicht einzelne Magazinausgaben mit gefälschten Stories wie Reliquien herum, magische Zeichen eigener Größe.

Einmal verfasste der Simulant der Medientheorie unter dem Pseudonym Hannah de Meuron ein rasant peinliches Porträt über die eigene Person, auch dies eine Textmontage, die in der Zeitschrift Faces zu lesen war. „Tom Kummer polarisiert und provoziert noch heute“, so bekam man zu lesen, „wie kaum ein Printjournalist jemals vor ihm.“ 2004 gab ihm die „Berliner Zeitung“ dann die sogenannte „zweite Chance“. Und es folgte alsbald die Enthüllung, dass Kummer auch hier ältere, bereits publizierte Reportagen aus eigener Feder lediglich neu zusammen kopiert hatte.

Wieder zeigte man sich von Seiten der Chefredaktion sehr zerknirscht und bat die Leser um Entschuldigung. Kummer tauchte unterdessen ab und schrieb ein Buch mit dem Titel „Blow up“ - eine fiebrige Reportage über die eigene Person, zwischen Verletztheit, dem Betteln um Akzeptanz und forscher, postmodern klingender Medienkritik schwankend.

Abwechslung, der intellektuelle Kick

Ein Kino-Dokumentarfilm „Bad Boy Kummer“ setzte ihm 2010 endgültig ein Denkmal. Spätestens in diesem Akt der Huldigung wurde deutlich, dass die öffentliche Welt nicht als Resozialisierungsanstalt taugt. Sie belohnt stets mit Aufmerksamkeit und verführt dazu, in der eigenen, publizistisch verwertbaren Pathologie zu verharren. Offensichtlich wurde auch, dass ein gelangweilter Edelfeder-Journalismus und der seltsam sklerotisch wirkende Collageur mit seinen Fiktionalisierungszwang nur als Symbiose denkbar waren und sind.

Kummer sorgte mit seinem Geschichten und dem nachgereichten Trivialkonstruktivismus zumindest für Abwechslung, den intellektuellen Kick. Er injizierte einer überinszenierten Medienwelt existenzielles Pathos und gab dem Kult der Oberfläche scheinbar einen tieferen Sinn. Schließlich geriet die Profession des Journalismus aus seiner Perspektive zur subversiven Praxis, zu einem großen erkenntnistheoretischen Experiment.

Doch nicht nur das. Seine smart klingenden Soundbites, sein unverdautes, aber suggestiv formulierte Geschwätz – all das schien als die perfekte Pseudo-Philosophie für Partypeople, die den rhetorischen Effekt feiern. Es gibt keine Wahrheit! Wow! Wir müssen die Ideologie des Authentischen dekonstruieren! Großartig! Der Fake ist die neue Realität! So cool! Kummer produzierte Lebenslügen der Bedeutsamkeit – für sich selbst, seine Auftraggeber, für die große, glitzernde Leere im Medienbusiness.

Der Autor, der bei Bedarf auch ein paar hastig angelesene Stichworte von Baudrillard aufsagen kann, ist zur Marke geworden. Sein eigentliches Kapital aber ist der auf Entlarvung angelegte Betrug, sein Geschäftsmodell die Enttäuschung derjenigen, die an ihn glauben wollen, weil damit ihre Profession selbst in das Glamourlicht einer freien, künstlerischen, irgendwie dramatisch wirkenden Existenz getaucht wird. Und: Ist nicht alles irgendwie verhandelbar, auch diese öde, blöde Welt der Fakten? Kummer „lesen wir nicht“, so dekretierte 2009 die „Wochenzeitung“, als auch sie wegen der Zusammenarbeit mit dem Borderliner in die Kritik geriet, „wegen der Fakten, sondern wegen des Spaßes an temporeicher Schreibe.“ Auch so kann man Fakes rechtfertigen. Sie sind witziger. Stimmt.

Nun also der vorerst letzte Akt in dieser von gedanklicher Unschärfe und einem diffus überhöhten Berufsverständnis lebenden Endloskomödie um einen Fälscher, der seit Jahrzehnten für die Lüge belohnt wird, die er selbst nicht begreift. Der Lügner weiß ja immerhin, dass er lügt, wenn er lügt. Nein, Tom Kummer will Medientheoretiker sein, Konzeptkünstler, praktizierender Konstruktivist. Und Wahrheit ist Lüge. Und Lüge Wahrheit. Und Betrug Philosophie. Er braucht jetzt ganz bald mal wieder eine zweite, dritte, vierte, fünfte Chance. Alles klar? „The same procedure as last year, Miss Sophie?“ – „Same procedure as every year, James...“


Bernhard Pörksen ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen. Sein erstes Buch schrieb er mit dem Physiker Heinz von Foerster: „Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners.“

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