Tom Kummer zu Gast in Berlin : Hey, seid ihr bekifft?

Mit seinen fiktiven Interviews löste Tom Kummer einen Medienskandal aus. Jetzt hat er wieder eine Reportage geschrieben. In Berlin spricht er über seine Rolle als "Abenteuerjournalist" und das Spiel mit den Lesern.

Sonja Álvarez
An der Borderline recherchierte Tom Kummer für das „Reportagen“-Magazin. Foto: dpa
An der Borderline recherchierte Tom Kummer für das „Reportagen“-Magazin. Foto: dpaFoto: picture alliance / dpa

Nicht ohne Stolz reicht Tom Kummer das Magazin im Publikum herum. Es sieht nicht zerknittert aus, obwohl es mehr als 13 Jahre alt ist. Tom Kummer hat es gut aufbewahrt, denn in dem Heft ist sein Interview mit Charles Bronson erschienen. Der Westernheld spricht über Rosenzucht, ein Knaller damals. Diese Interview hat Kummer so jedoch gar nicht geführt. Er hat es sich ausgedacht, zusammengebastelt, so wie Interviews mit anderen Hollywoodstars à la Brad Pitt, Sharon Stone, Tom Cruise, die unter anderem im Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ erschienen sind. Kummer löste 2000 einen großen Medienskandal aus.

„Die Entrüstung darüber ist mir heute noch immer nicht erklärbar. Ich glaube auch, dass es bei den Lesern gar keine Entrüstung gegeben hat“, sagt Tom Kummer am Donnerstagabend in Berlin. Er ist auf Einladung der Taschenmarke Freitag und des Magazins „Reportagen“ in die Hauptstadt gekommen, um über sich und seine Arbeit zu sprechen. Der Freitag-Laden in Mitte ist rappelvoll, Kummer, der im Januar 50 geworden ist und in Kalifornien lebt, fasziniert noch immer.

Als Borderline-Journalist wurde er damals bezeichnet. Völlig falsch, meint Kummer im Gespräch mit „Reportagen“-Chefredakteur Daniel Puntas Bernet: „Das einzig borderlinige war das Verhältnis zwischen mir und den Redaktionen. Ich hab immer gedacht: ,Hey, seid ihr bekifft oder warum merkt ihr nichts‘. Und die haben nie hinterfragt, woher diese Interviews kommen.“ Was er damals getan hat, sieht Kummer nicht als schlecht an: „Ich finde, dass man die Gattung Interview immer wieder hinterfragen muss, man muss die Objektivitätserwartung zerstören.“ Er als Journalist müsse mit dieser Erwartung spielen: „Es gibt auch viele Leser, die das erwarten.“

Dass er dadurch womöglich das Vertrauen der Leser zerstört, ihren Glauben an die Wahrhaftigkeit, der Journalisten verpflichtet sind, fürchtet er offensichtlich schlecht: „Ich bin Abenteuerjournalist. Und die Leser müssen sich auf das Abenteuer mit mir einlassen.“ Allerdings relativiert er auch. Es sei „ein Riesenunterschied“, ob man beispielsweise als Politik-, Sport- oder Lokaljournalist arbeite, oder eben als Abenteuerjournalist, wie er.

Tom Kummer: "Mit Fakten spiele ich nicht"

In deutschsprachigen Medien galt Kummer nach dem Skandal 2000 als Persona non grata, er zog sich zurück, arbeitete als Tennislehrer, fing dann aber wieder an zu schreiben: „Ich bin eben ein besserer Autor als ein Tennisspieler.“ In US-amerikanischen Medien veröffentlicht er unter Pseudonym, für das Schweizer Magazin „Reportagen“ hat er nun wieder ein Stück unter seinem Namen verfasst. Der Titel: „Borderline“. Kummer begibt sich darin auf einen Road-Trip entlang der Grenze der USA und Mexiko, vermischt, wie es sich offensichtlich für einen echten Kummer gehört, wieder Realität und Fiktion miteinander. Das sei aber auch deutlich für den Leser gekennzeichnet, sagt Kummer. Beispielsweise mit Sätzen wie: „Nichts was der Reporter jetzt mit eigenen Augen sieht, ist deswegen schon real.“ Ob das ausreichend ist, findet allerdings auch Chefredakteur Daniel Puntas Bernet diskutabel. Die Fakten aber, so versichert er, würden alle stimmen, das habe die Redaktion überprüft. „Mit Fakten spiele ich nicht“, betont Kummer.

Er habe gerne wieder unter seinem Namen geschrieben, erzählt Kummer. Sein Name sei eine „Human brand“ geworden, eine Marke. Diese sei zwar vorbelastet, „ich könnte mir aber vorstellen, dass ich sie wieder reaktiviere.“ Erst mal dreht Kummer nun eine Dokumentation über die Band „The BossHoss“, die ins Kino kommen soll. Drei Viertel des Films seien schon fertig.

Am Ende der Diskussion in Berlin lässt sich Kummer das Heft mit dem Bronson-Interview wieder zurückgeben, er schließt das Magazin vorsichtig. Er passt gut darauf auf. Sonja Álvarez

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