Trennung von Facebook : "Du kannst doch nicht einfach abhauen"
26.08.2012 08:23 UhrIch wollte mich nie mit Facebook einlassen. Dann musste ich wegen Ann Stinely eine Ausnahme machen. Sie war meine einzige Freundin auf der Highschool in Williamsburg, Virginia. Ich wollte sie wiedersehen und fand bei Google nur einen Eintrag „Ann Stinely is on Facebook“. Sie wird meine erste Freundin bei Facebook und bleibt monatelang die einzige. Facebook bemüht sich fortan sehr um mich, schreibt mir E-Mails, lädt mich ein, bittet um ein Foto von mir. Ich aber bleibe eine weiße Kontur vor blauem Hintergrund. Dann macht mir Facebook Freundschaftsangebote, die ich nicht abschlagen kann: Schriftsteller.
Die nehme ich geschmeichelt an, natürlich nur, sofern ich sie kenne – keine Wahllosigkeit, nirgends. Allen weiteren Freundschaftsaspiranten schreibe ich höfliche, persönliche Mails, in denen ich erkläre, dass da nichts laufe zwischen mir und Facebook und ich nicht sie ignoriere, sondern Facebooks Werben.
Nun gibt es viele Leute, die schreiben. Journalisten etwa sind im Grunde ja auch Schriftsteller, das darf man nicht so fürchterlich eng sehen, da muss ich Facebook recht geben. 30, 40 Freunde also nach sechs Monaten – alles im grünen Bereich. Ein, zwei Mal pro Woche reinschauen, weiter höflich persönlich absagen. Nur mein weißer Kopf scheint inzwischen übertrieben provisorisch, ein erstes Porträtfoto wird eingestellt.
Facebook bleibt am Ball, beharrlich, nie beleidigt. Ich gebe ein wenig nach, sehe mich um, auch unter den bislang aufgelaufenen Freundschaftsanfragen. Was soll der Schreibehrgeiz, denke ich und nehme alle an, die es wollen, die mich wollen. Meine Pinnwand füllt sich mit Bildergalerien der frischen Freunde. Einige bedanken sich, andere wollen mir Panflöten-Konzerte, Schauspielerdemos oder sich selbst auf einen Kaffee andienen.
Manchmal sage oder frage ich Facebook in unserer Anfangsphase private Sachen, ziemlich dummes Zeug, meist vor dem Einschlafen, warum ich überhaupt noch in der SPD bin, oder warum Männer, die Robert heißen, stets gutaussehend sind. Facebook schämt sich nicht fremd, übermittelt mir unermüdlich Kommentare und Anfragen. An die fünfhundert Freunde sind es nach einem Jahr. Ich beginne, sorgfältiger zu schreiben, die Leserschaft klarer zu adressieren. Ich lese mich ein, wer schreibt was, öffne die Links, verfolge die Debatten über die Debatten der Stunde. Christoph Schlingensief stirbt, die „R.I.P“-Lawine überrollt den Feed. „Schrecklich“, „Was für ein Verlust“, „Viel zu früh“. Allmählich verstehe ich Facebook besser. Ich stelle fest, dass politische Posts von Männern, kosmetische von Frauen und die sonntäglichen „Tatorte“ von allen kommentiert werden. Meine Pinnwand wird ein gehegter Ort, ich jäte die kleinen Entgleisungen und Sinnlosigkeiten, lasse Raum für schöne Sätze und geistreiche Threads. Ab und zu tritt im Café ein Mensch an den Tisch und sagt: „Wir kennen uns von Facebook.“
Bildergalerie: Wie bei Facebook gearbeitet wird
Wie bei Facebook gearbeitet wird(30 Bilder)
Das zweite wird unser schönstes Jahr: Wir sehen uns inzwischen täglich. Facebook schenkt mir Freude und Freunde, Inspiration und Information. Und wie praktisch der added value: jeder stets erreichbar, Geburtstags- und Partylisten, keine lästige Adresssuche für Einladungen oder Gratulationen und irgendwer ist immer noch oder schon wach. Spontane Einladungen – „bin um eins im Frida Kahlo, wer kommt?“ – werden zu fröhlichen Begegnungen. Ein unbekannter Freund preist einen unbekannten Doderer-Roman, der auch mir der liebste ist. Eine Freundin kündigt auf ihrer Seite an, nunmehr alle berühmten Namen falsch zu schreiben, und macht den Anfang mit Brett Pitt, Stunden später endet der über 300 Einträge umfassende Thread mit Ödem von Horvath. Wenn es am besten schmeckt, soll man aufhören.




















