• Türkei-Berichterstattung im Fernsehen: Beim Putschversuch fehlte ein echter Nachrichtensender
Update

Türkei-Berichterstattung im Fernsehen : Beim Putschversuch fehlte ein echter Nachrichtensender

Der nächtliche Putschversuch in der Türkei offenbart erneut Schwächen in der Live-Berichterstattung. ARD und ZDF senden nur sehr sporadisch. Bei N-tv und N24 ist ebenfalls wenig zu sehen. Warum?

Markus Ehrenberg
Unruhiger Freitag Abend: "Tagesthemen"-Moderatorin Caren Miosga.
Unruhiger Freitag Abend: "Tagesthemen"-Moderatorin Caren Miosga.Foto: NDR/Thorsten Jander (M)

Als ob die Ereignisse und Bilder aus der südfranzösischen Metropole nicht schon schrecklich genug gewesen wären, tickerte die ARD kurz nach 22 Uhr erste Meldungen über den Bildschirm: Flugzeuge über Ankara, Brücken in Istanbul gesperrt. ARD aktuell warf die Sendung um, die "Tagesthemen" brachten auf den neuesten Stand, mit einer Korrespondenten-Schalte nach Ankara. Wobei zu dem Zeitpunkt gar nicht absehbar war, worauf es wirklich in der Türkei hinausläuft.

Was dann folgte, war eine ereignisreiche Nacht, mit vielen Schwächen in den klassischen Medien. Als Stunden später klarer wurde, dass der Putschversuch in der Türkei offenbar gescheitert war, waren ARD, ZDF oder auch Phoenix nicht mehr live an bord. Lediglich N24 berichtet bis gegen drei Uhr.

Dazu gab es eine Menge Kritik in den Sozialen Netzwerken, auf Twitter. Warum schaffen es deutsche Nachrichtensender eigentlich nicht, nah am Geschehen zu sein? N-tv war von ein bis sechs Uhr morgens nicht einmal nachrichtlich, geschweige denn live drauf, erst ab sechs Uhr wieder. Und da hat n-tv es geschafft, ein Interview dreimal zu wiederholen in anderthalb Stunden.

"Das Erste hat die Menschen schnell, umfassend und kompetent über die Lage in der Türkei informiert", sagt Kai Gniffke, Erster Chefredakteur ARD aktuell. "Bereits in den ,Tagesthemen' gab es erste Einschätzungen, danach folgten im Laufe des Abends und am frühen Samstagmorgen weitere Nachrichtensendungen zu diesem Thema.

So wurde der ,Tatort' für eine Extra-Ausgabe des ,Nachtmagazins" unterbrochen. Kurz darauf informierte das ,Nachtmagazin' die Zuschauer ausführlich mit Schaltgesprächen mit mehreren Korrespondenten über die Lage. In der Nacht folgten zwei weitere Ausgaben der ,Tagesschau'. Ab 8 Uhr 25 gab es am Samstagvormittag weitere Sondersendungen, für die das Kinderprogramm unterbrochen wurde. Auch Mittags und am Nachmittag produzierte ARD-Aktuell längere Sondersendungen."

Über Programmänderungen entscheidet nicht nur ARD aktuell

Von Beginn an sei ARD-aktuell jederzeit in der Lage gewesen, mit den Formaten "Tagesschau", "Tagesthemen" und "Nachtmagazin" auf die besonderen Ereignisse in variabler Länge zu reagieren, so Gniffke weiter. "Die Entscheidung, ob und in welcher Länge diese Sendungen ins Programm genommen werden, obliegt allerdings nicht der Redaktion ARD aktuell."

Auch zum Auftrag des Ereignis- und Dokumentationskanals Phoenix stellen sich Fragen. "Phoenix hat gestern Abend in der aktuellen Sondersendung um 23 Uhr 15 Minuten monothematisch über die Türkei berichtet. Darin war eine Schalte nach Istanbul zu Luc Walpot. Heute morgen haben wir ab 9 Uhr wieder das Programm geöffnet und werden bis 18 Uhr über die Ereignisse in der Türkei berichten. Am Sonntag gibt es um 13 Uhr eine weitere Sondersendung. Damit haben wir umfangreich und aktuell über die Türkei berichtet. Wir sind kein Nachrichtenkanal", sagte eine Phoenix-Sprecherin am Samstag dem Tagesspiegel.

Das ist sicherlich richtig. Die sich überstürzenden, dramatischen Ereignisse mitten in Europa in den vergangenen 48 Stunden haben auch die (Nachrichten-)Redaktionen außer Atem gehalten. Dennoch müssen sich gerade auch die öffentlich-rechtlichen Sender den Vorwurf gefallen lassen, vor allem zur Ferienzeit personell relativ schwach aufgestellt zu sein, um jederzeit angemessen reagieren, informieren und senden zu können.

N24 und n-tv haben ihre Entscheidungen während des Putschversuchs in der Türkei mittlerweile gegenüber dwdl.de erklärt. N-tv hatte die Live-Berichterstattung gegen eins beendet, N24 erst um 1 Uhr 30 eine Sondersendung gezeigt. Gerade in der Nacht, wo es weniger Zuschauer gibt, habe man gründlicher abwägen und die Mannschaft für die Live-Berichterstattung am nächsten Morgen schonen wollen, so etwa N24-Sendersprecherin Kristina Faßler.

Angemessen reagierte auf jeden Fall Anne Will. Die Moderatorin wird an diesem Wochenende aus ihrem Urlaub geholt und bringt am Sonntagabend eine aktuelle Talk-Ausgabe. Zunächst war geplant, über den Anschlag von Nizza zu sprechen, am Sonnabend geriet die Türkei in den Blickpunkt. Nun heißt es am Sonntag, 21 Uhr 45, in der ARD: "Putschversuch in der Türkei - Was macht Erdogan jetzt?"

Anne Wills Gesprächspartner sind Norbert Röttgen (CDU), Cem Özdemir (Die Grünen), Fatih Zingal, stellvertretender Vorsitzender der Union Europäisch-Türkischer Demokraten, Seyran Ates, Rechtsanwältin und Autorin, sowie Harald Kujat, General a.D.. Ursprünglich stand bei Will das Thema „Nach dem Anschlag von Nizza - Wie hilflos sind wir?“ auf der Tagesordnung.

Soziale Medien offenbar für Stunden gesperrt

Immerhin gibt es zwecks Informationen ja auch noch die Sozialen Medien. Aber auch die hatten in der Nacht von Freitag auf Samstag in der Türkei Probleme. Social-Media-Dienste wie Facebook, YouTube und Twitter waren offenbar für Stunden gesperrt worden.

Nicht zum ersten Mal in der Türkei. Ein 2014 beschlossenes Internetgesetz erlaubt es der türkischen Regierung, ohne richterlichen Beschluss Webseiten blockieren zu lassen. Gründe für Sperrungen können Beleidigung, Unanständigkeit oder Verletzung von Persönlichkeitsrechten sein.

65 Kommentare

Neuester Kommentar