TV-Doku über Profiler : Horror-Job

Auf dem Rasenmäher über sein Grundstück: Die Doku „Blick in den Abgrund“ zeigt krude Realitäten aus dem Profiler-Alltag.

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m Angesicht des Bösen. Manche Profiler wie Helinä Häkkänen-Nyholm sagen, vielleicht wäre ich ein glücklicherer Mensch, wenn ich nicht Profilerin wäre
Im Angesicht des Bösen. Manche Profiler wie Helinä Häkkänen-Nyholm sagen, vielleicht wäre ich ein glücklicherer Mensch, wenn ich...Foto: SWR/Belle Epoque Film

Da stellt sich Gänsehaut ein: Der deutsche Profiler Stephan Harbort sitzt Klaus-Dieter S. gegenüber. In einem Gefängnis, irgendwo in Deutschland. Stephan Harbort führt Gespräche mit Mördern, die er auf Mikrokassetten aufnimmt, die sich bei ihm zu Hause auf seinem Schreibtisch türmen. Es sind Gespräche, bei denen sich der Blick in den Abgrund auftut. Klaus-Dieter S. ist ein Serienmörder. Wahllos tötete er, bis zum Tod. Tot is’ gut“, sagt der große, füllige Mann mit kahl rasiertem Schädel und einem einzigen übergroßen Schneidezahn im Mund. Dann Harborts Frage, was er dabei gefühlt habe? „Nichts“. Leere in den Augen des Mannes. Leere und Indifferenz. Jenseits von Gut und Böse.

Sechs Profilern geht Filmautorin Barbara Eder in ihrem Dokumentar-Langfilm „Blick in den Abgrund“ nach, in verschiedenen Ländern. Wobei der Film per se nichts Neues liefert. Will er vermutlich auch gar nicht. Unzählige Spielfilme und Serien haben das Profiler-Dasein beleuchtet. Die erzählerische Haltung hier ist daher eine deskriptive, keine analytische. In einigen der Gesprächsszenarien mit den Profilern ist durchaus auch eine inszenatorische Hand spürbar. Nicht alles ist hier pure, reine Dokumentation.

Neben Stephan Harbort, der seiner Frau beim Abendessen von Täter und Fall erzählt, während das Fleisch auf den Tisch kommt und das Kind ins Bett gebracht wird, sind da die beiden älteren FBI-Profiler-Profis Roger L. Depue und Robert R. Hazelwood aus Virginia, USA, die meist zusammen porträtiert werden. Einmal sitzen sie gemeinsam auf der Couch im weißen Country-Holzhaus und sehen sich auf dem großen Flachbildschirm im Wohnzimmer Jonathan Demmes modernen Klassiker „Das Schweigen der Lämmer“ an.

Die Geschichte des perfiden Kannibalen Dr. Hannibal

Das hat einen besonderen Grund: Schon Thomas Harris, Autor des gleichnamigen Romans, hatte Roger und Robert interviewt, und daraus die Geschichte des perfiden Kannibalen Dr. Hannibal Lecter und der von Jodie Foster dargestellten FBI-Profilerin Clarice Starling entwickelt. Es sind die realen Erfahrungen der beiden realen Profiler, die letztlich die Grundlage für die Fiktion lieferten. „Es gibt keinen großartigeren Schauspieler als den Typ, der Hannibal Lecter gespielt hat. Der war herausragend“, sagt Roger L. Depue. Damit meint er Oscar-Preisträger Anthony Hopkins. Da sitzen sie nun, der Stolz auf ihre Arbeit ist unverkennbar. Im Stolz schwingt auch Resignation mit. „Keiner kennt die Antwort, keiner kann sagen, was Gewalt verursacht“, so Robert R. Hazelwood.

Brigadier Gérard N. Laburschagne ist ein weiterer der hier begleiteten Profiler, er arbeitet in Pretoria, Südafrika. In einem Seminarraum hält er einen Vortrag über einen seiner Fälle aus dem Jahr 2011. Zwei junge Menschen bringen in dem afrikanischen Örtchen mit dem Namen „Welkom“ einen anderen Menschen um und zerlegen ihn in seine Einzelteile. Einige Körperteile vergraben sie, andere, darunter einen Arm und den Kopf, nehmen sie mit nach Hause und legen sie ins Tiefkühlfach. Einer der beiden Täter ist eine junge Frau, die in Videoaufnahmen im Gerichtssaal zu sehen ist. Unbewegt hört sie sich dort Laburschagnes Fallanalyse an, wie er von ihrem Fetisch des Häutens berichtet. So hat sie die Kopfhaut vom Kopf des Opfers gelöst, hat Augen und Ohren entfernt. Hier zeigt die Doku grenzwertige Bilder, die anzuschauen hart ist.

Sie konnten den Horror dieses Jobs nicht länger ertragen

Die Profilerin Helina Häkkänen-Nyholm aus Helsinki kann selbst beim Angeln in den finnischen Fjorden nicht abschalten und erzählt ihrem Mann vom aktuellen Fall. Profiler, das erzählt dieser Film en passant, tragen diese schwere Arbeit in sich, mit sich herum, auch ins Privatleben, direkt in die Familie. „Ja, vielleicht wäre ich ein glücklicherer Mensch, wenn ich nicht Profilerin wäre“, sagt Helina Häkkänen. Sie macht den Beruf dennoch. Als er gerade auf dem Rasenmäher über sein Grundstück fährt, meint der alte Profiler-Hase Robert R. Hazelwood einmal, dass meist nach ein paar Jahren einige Kollegen den Dienst quittiert haben. „Sie konnten den Horror dieses Jobs nicht länger ertragen.“

„Blick in den Abgrund – Profiler im Angesicht des Bösen“, Dienstag, ARD, 22 Uhr 45

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