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TV-Drama : Klaus Maria Brandauer spielt einen Demenz-Kranken

07.05.2013 17:22 Uhrvon
Eine große Liebe, die sich an der Krankheit beweisen muss: Judith (Martina Gedeck) und Ernst (Klaus Maria Brandauer).Foto: SWRBild vergrößern
Eine große Liebe, die sich an der Krankheit beweisen muss: Judith (Martina Gedeck) und Ernst (Klaus Maria Brandauer).Foto: SWR - Foto: SWR/Petro Domenigg

Fernab von Pathos und Peinlichkeit: Klaus Maria Brandauer und Martina Gedeck im Demenz-Drama. Eine Gefahr umgeht der Schauspieler dabei auf bemerkenswerte Weise.

„Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus welchem wir nicht vertrieben werden können“, schrieb der Dichter Jean Paul 1812. „Irgendwann“, sagt Ernst Lemden einmal, „werde ich vergessen, wer Du bist.“ Judith Fuhrmann (Martina Gedeck) möchte nichts davon hören, möchte so weiterleben wie jetzt. Allzu verständlich, haben sich der renommierte Kunsthistoriker Lemden (Klaus Maria Brandauer) und die zwanzig Jahre jüngere Kunst-Restauratorin doch erst vor einiger Zeit kennen und lieben gelernt. Genau an dem Ort, der sie beruflich miteinander verbindet, der Ort ihrer beider Passion: im Museum, in Wien. Die beiden Kunstliebhaber kommen sich näher, der ältere rhetorisch gewandte Intellektuelle charmiert die jüngere Frau.

Sie werden ein Paar. Einige Monate später ziehen sie zusammen.

Es dauert nicht lange, da verändert sich Ernst. Es sind zunächst nur Kleinigkeiten: Als sie auf das Land fahren, um seine Tochter Katja (Birgit Minichmayr) und seinen Sohn Theo (Philipp Hochmair) zu besuchen, verfährt Ernst sich. So oft schon ist er genau diese Strecke gefahren. Als er am langen Bankett anlässlich der Geburt von Katjas Kind eine seiner stets erwarteten, wohlfeil ausformulierten Reden halten soll, da entfällt ihm wiederholt der Name des Kindes. Stattdessen fällt ihm, verlegen die Lücke überspielend, nur ein: „Kennt ihr die drei Vorteile von Demenz? Erstens: Man lernt immer neue Leute kennen. Zweitens: Man kann zu Ostern seine Ostereier selber verstecken. Und drittens: Äh, ja, man lernt immer wieder neue Leute kennen.“

„Die Auslöschung“ – in Szene gesetzt von Regisseur Nikolaus Leytner, nach einem Drehbuch von Agnes Pluch und Leytner selbst – behandelt ein akutes gesellschaftliches Phänomen: Demenz, und die zunehmende Zahl der davon betroffenen, vorwiegend älteren Menschen. Aufgrund der sich verändernden Bevölkerung hat ein langsamer Prozess der Enttabuisierung, der Thematisierung der Demenz eingesetzt. Auch in der Kunst: Der Kino-Dokumentarfilm „Vergiss mein nicht“ (2012) etwa erzählt aus der autobiografischen Sicht des jungen Dokumentarfilmers David Sieveking über seine an Demenz erkrankte Mutter. Am Schluss von „Vergiss mein nicht“ ist die schwerkranke Frau im Sterbebett zu sehen.

Auch „Die Auslöschung“, namhaft besetzt und vollkommen unaufgeregt angelegt, ist in gewisser Hinsicht ein Wagnis. Klaus Maria Brandauer spielt einen etablierten, hoch kultivierten Mann, der sich vor allem auch über seinen Intellekt definiert. Genau diesen Intellekt droht er nun, Stück für Stück, Jahr um Jahr, zu verlieren. Am Ende weiß er nichts mehr, erkennt er niemanden mehr. Alle Kunst, alle Namen sind verloren. Es ist die Vertreibung aus dem Paradies der Erinnerung.

Brandauer spielt sehr präzise. Die Gefahr, in die Geste abzurutschen, in die unfreiwillig komische Pose, ist hier nicht gegeben. Seine Darstellung dieses Kunsthistorikers Ernst Lemden, der zu Beginn seine Brille in den Kühlschrank legt, das Geschenk für Katjas Sohn nicht mehr findet, ist glaubwürdig und wahrhaftig. Und hierdurch bewegend. Die anderen Ensemble-Mitglieder, vorneweg Martina Gedeck, ergänzen und unterstützen dies adäquat.

Einmal besucht der stets vernachlässigte und nie anerkannte Sohn Theo seinen Vater Ernst, der bereits im Rollstuhl sitzt und in einer anderen Welt lebt. Theo, bisher brotloser Künstler, nun erfolgreicher Weinhändler, erkennt der Vater ganz kurz, nur einen kostbaren Moment: Er erkennt und anerkennt ihn. Es ist für den erwachsenen Sohn das erste Mal, dass sein Vater stolz auf ihn ist. Eine sehr eindringliche Sequenz.

Dieses von Klaus Maria Brandauer und Martina Gedeck getragene Drama eines Vergessenden ist, fernab von Pathos und Peinlichkeit, von Kitsch und Klischee, ohne Zweifel einer der besten und wichtigsten Fernsehfilme des Jahres 2013.

„Die Auslöschung“, ARD, 20 Uhr 15; „Die Welt des Vergessens, ARD, 21 Uhr 45

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