• TV-Experiment: Der Kapitalismus siegt – oder „Newtopia“ versinkt im märkischen Sand

TV-Experiment : Der Kapitalismus siegt – oder „Newtopia“ versinkt im märkischen Sand

Der Sat-1-Chef ist von "Newtopia" begeistert. Die Quoten sind okay, aber eine Show über Existenzformen ist das nicht. Sondern ein bisschen "Big Brother" und ein bisschen "Dschungelcamp"

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Da geht's zum TV-Experiment. Nahe Königs Wusterhausen haben die "Newtopia"-Macher eingenistet
Da geht's zum TV-Experiment. Nahe Königs Wusterhausen haben die "Newtopia"-Macher eingenistetFoto: dpa

Sat-1-Chef Nicolas Paalzow spricht von der „Vision einer neuen Gesellschaft“. Damit meint er weder seinen Sender noch das Fernsehpublikum, nein, er spricht von „Newtopia“. Vor drei Wochen ist das sogenannte Sozialexperiment des Privatsenders gestartet, in dem laut Sat-1-Eigenwerbung die „Träume von einer besseren Welt auf die knallharte Realität“ treffen. Erst einmal ist die auf ein Jahr angelegte Sendung ein TV-Experiment. Wie viele Zuschauer wollen Vorabend für Vorabend zusehen, wie 15 Aktivisten in den Wäldern Brandenburgs versuchen, abgeschottet von der bestehenden Gesellschaft eine neue Gesellschaftform aufzubauen oder wenigstens auszuprobieren? Während der 15 ersten Ausstrahlungstermine schalteten durchschnittlich über zwei Millionen Zuschauer ein, das entspricht in der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen einem Marktanteil von über zwölf Prozent. Damit hat der Sender diesen Wert im wichtigen Vorabend-Slot glatt verdoppelt.

„Newtopia ist ein voller Erfolg für Sat 1“, sagte Paalzow im dpa-Interview. Nun können drei Wochen auf 52 gerechnet nur eine sehr vorläufige Aussage sein, zumal die Quoten abgeflacht sind. Daraus ein Scheitern abzuleiten, ist verfrüht. Sat 1 riskiert viel, die Produktion nahe Königs Wusterhausen ist logistisch, personell wie finanziell aufwendig. Das amortisiert sich erst auf der langen Strecke.

Sat-1-Chef Nicolas Paalzow sieht "Newtopia" in der Erfolgsspur
Sat-1-Chef Nicolas Paalzow sieht "Newtopia" in der ErfolgsspurFoto: dpa

"Newtopia" ist eine Mischung aus "Big Brother" und "Dschungelcamp"

Wer „Newtopia“ verfolgt, bekommt noch keine Antwort, ob die Menschen im Fernsehcamp wirklich an dem Experiment interessiert sind, Existenzformen – Kapitalismus oder Kommunismus oder Konformismus – leib- und livehaftig zu diskutieren, zu exemplifizieren. Aktuell geht es in der Mischung aus „Big Brother“ und „Dschungelcamp“ um Befindlichkeiten und Beziehungen. Hans hackt sich beim Holzhacken einen rein, Isolde zieht fast blank, Candy ist ein Überall-Pinkler. Na ja, das neue Gesellschaftsmodell geht im Alltag der Nichtigkeiten und Wichtigkeiten unter.

Die Medienwissenschaftlerin Joan Kristin Bleicher hat sich die Auftaktwochen von „Newtopia“ angesehen und kommt zu dem ernüchterten Schluss: „Das eigentliche innovative Experiment, einen neuen Staat zu gründen, lässt sich angesichts der vorhandenen Rahmenbedingungen nur schwer realisieren.“ Wie solle eine neue Gesellschaft funktionieren, wenn nach wie vor die Regelungen einer bestehenden Gesellschaft eingreifen würden? Abwarten, ruft da der Sat-1-Chef: „Die Vision von einer neuen Gesellschaft nimmt mit den ersten Fortschritten der Pioniere mehr und mehr Raum ein.“ Klar ist: Der Sender sitzt an den Hebeln, grober gesagt: Die Kandidaten sind Marionetten, die an den Schnüren des Kommerzsenders hängen. Denn das größte Experiment von „Newtopia“ kulminiert immer noch in der herausfordernden Frage: Verdient „Newtopia“ Geld? Davon allein hängt die Existenz ab. Auch dieser Kommunismus überlebt nur im Kapitalismus.


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