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TV-Experiment missglückt : Sat 1 stellt "Newtopia" ein

Schwache Quoten zwingen den Privatsender, das seit Ende Februar laufende Projekt nahe Königs Wusterhausen aufzugeben

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Ende eines TV-Experiments: Sat1 beendet die Sendung "Newtopia", am Freitag läuft die letzte Sendung aus Königs Wusterhausen.
Ende eines TV-Experiments: Sat1 beendet die Sendung "Newtopia", am Freitag läuft die letzte Sendung aus Königs Wusterhausen.Foto: dpa

Experiment beendet: Sat1 stellt "Newtopia" ein. Am 24. Juli wird der Privatsender die letzte Folge der Reality-Show mit dem Untertitel "Vollkommenes Glück oder totales Chaos?" zeigen, wie Sat 1 am Montag mitteilte. Geschäftsführer Nicolas Paalzow sagte, "das Experiment ist beendet. Zusammen mit Talpa Germany hat Sat 1 viel Sendezeit, Herzblut und Ideen in die Fortsetzung von ,Newtopia' gesteckt. Leider ohne den erhofften Erfolg. Aber nur wer wagt, gewinnt." Paalzow gab das Versprechen, dass sich Sat 1 auch weiterhin trauen werde, mutige TV-Ideen auf den Bildschirm zu bringen." Die Pioniere ziehen am Mittwoch aus. Ab Montag, 27. Juli, zeigt Sat 1 montags bis freitags um 19 Uhr das Daily Drama "In Gefahr - ein verhängnisvoller Moment".

"Newtopia" sollte bis Februar 2016 dauern

Das Fernsehprojekt war ursprünglich auf ein Jahr angelegt und hätte damit bis Februar 2016 laufen müssen. Auf einem abgeschirmten Gelände nahe Königs Wusterhausen südöstlich von Berlin versuchen die Kandidaten seit Ende Februar, eine neue Welt nach eigenen Regeln aufzubauen. Sie sind dabei umgeben von Kameras, der Privatsender zeigt werktags einen Zusammenschnitt. Die Quoten entwickelten sich immer mehr nach unten. Von 2,80 Millionen Zuschauern zum Auftakt blieben bis Juli weniger als die Hälfte übrig. Von der "Newtopia"-Anfangstruppe mit 15 Leuten sind nach Senderangaben nur noch zwei dabei, Derk und "Vaddi" Steffen. In dem Camp gab es viele Abgänge und Zugänge. Seit dem Start haben mehr als 30 „Pioniere“ in „Newtopia“ gelebt. Am schnellsten war der Essener Student Lenny wieder draußen. Sein „Newtopia“ endete aus Liebeskummer bereits nach zwei Tagen wieder. Aus der Außenwelt besuchten rund tausend Menschen das Camp. Von den Bewohnern erlangte am ehesten der (nervige) Lebenskünstler „Candy“ aus Berlin den Status eines D-Prominenten.

Bis zur 100. Sendung im Juli wurden 88 Geschäftsideen entwickelt und davon 30 umgesetzt. Ein großer Reichtum wurde bisher nicht erzielt. Mitte Juli waren 4046 Euro und vier Cent in der Kasse. Für den Bürgermeister von Königs Wusterhausen, Lutz Franzke (SPD), steht fest: „Mit dem Tod von „Newtopia“ werden die lokalen Unternehmen nicht mitsterben.“ Für viele sei es aber ein gutes Zubrot gewesen. Dazu zählten Fahrdienste oder Caterer. „Es war eine Chance, die Region bekannt zu machen.“ Die letzte Folge werde er sich aufnehmen, kündigt Franzke an.

Sat-1-Chef Paalzow hatte sich kürzlich noch optimistisch über das Durchhaltevermögen seines Senders bei "Newtopia" geäußert. jedenfalls bis zum Ende des Produktionsjahres. Jetzt ist noch nicht mal zur Halbzeit Schluss. Die Sendung beruht auf einer Idee von John de Mol, in den Niederlanden, wo das gleiche Konzept "Utopia" heißt, war die Show beim TV-Publikum sehr gut angekommen. Die Livestreams auf der Website „newtopia.de“ und in der „Newtopia“-App sollten noch am Montag abgeschaltet werden. Zuschauer, die für die Zugänge gezahlt haben, sollen ihren zuletzt überwiesenen Monats- oder Wochenbeitrag in voller Höhe erstattet bekommen.

Sat1 drehte das Format zur Soap

"Newtopia" kämpfte seit längerem nicht mehr nur um akzeptable Quoten, sondern um den Ruf des so genannten Fernsehexperiments. Eingriffe einer Produktionsmitarbeiterin in den Ablauf, Aufstand und Auszug einiger Kandidaten, und dann musste auch die erkrankte Kuh Clyde zum Tierarzt geschafft werden. Oder stimmt diese Betrachtung gar nicht? Ist ein solches TV-Experiment eben auch deswegen ein Experiment, weil nicht alles glattläuft? Die Teilnehmer sollten nach eigenen Regel zwischen Kapitalismus und Kommunismus ihr Zusammenleben gestalten. Das ist vorher noch nie so probiert werden, da gehören Pleiten, Pech und Pannen doch zur Dramaturgie. Muss aber klappen, muss vom Publikum angenommen werden. Was immer weniger der Fall war. Sat 1 reagierte und steuerte "Newtopia" weg von TV-Utopia und hin zum Daily Drama. Althippie Rainer Langhans wurde eingeflogen, war nach einigen Tagen der Enttäuschung aber wieder auf dem Weg zu seinem Münchner Harem. Das Umswitchen zum Daily Drama, zur Fernsehsoap, brachte "Newtopia" in die gefährliche Nähe parallel laufender Soaps wie "Berlin - Tag & Nacht" (RTL 2) oder "Alles was zählt" (RTL). Da ist es nur konsequent, dass Sat 1 den Sendeplatz künftig mit "In Gefahr - ein verhängnisvoller Moment" bespielt. Mehr tägliches Fernsehdrama geht nicht.

Das Ende von "Newtopia" kann Schadenfreude hervorrufen, muss es freilich nicht. Denn die Konsequenz daraus wird weiterer Programm-Opportunismus des kommerziellen Fernsehens sein. Senden, was andere senden. Das Privatfernsehen akzeptiert seine Krise, indem es jeden Formatmut sinken lässt.

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