TV-Film : Der fremde Vater

Der neue „Bloch“ erzählt, wie ein Schlaganfall eine Familie verändern kann. Der ARD-Film ist einer der letzten, in dem der im Januar gestorbene Vadim Glowna zu sehen ist.

von
Früher l iebten sie dieselbe Frau, heute soll Bloch (Dieter Pfaff, rechts) seinem Freund Lorenz Haller helfen, nach einem Schlaganfall wieder zurechtzukommen. Der Film zeigt Vadim Glowna in einer seiner letzten Rollen vor seinem Tod im Januar 2012. Foto: SWR
Früher l iebten sie dieselbe Frau, heute soll Bloch (Dieter Pfaff, rechts) seinem Freund Lorenz Haller helfen, nach einem...Foto: SWR/Stephanie Schweigert

Es ist eine tiefe Entfremdung. Eine zwischen Vater und Tochter. Eine zwischen sich und der Welt. Und, nicht zuletzt, eine von sich selbst. Vor einem knappen Jahr erlitt Lorenz Haller (Vadim Glowna) einen Schlaganfall. Seitdem ist nichts mehr so, wie es zuvor einmal war. Der Seniorchef einer Firma für Antriebstechnik, einem traditionellen Familienunternehmen, hat sich sehr verändert. Vor allem seine Tochter Jenni (Lisa Maria Potthoff) erkennt ihn kaum mehr wieder. Haller ist ihr gegenüber indifferent geworden, „wie ein Fremder, der seinen Körper übernommen hat“. Zuvor hatte er sich von Jennis Mutter getrennt und ist mit einer jüngeren Frau zusammengezogen, mit Saskia (Inka Friedrich), die wie Jenni auch in der Firma arbeitet. Doch Lorenz Haller bemalt lieber große leere Hauswände der Firma mit Johnny-Cash-Motiven, als sich um den Betrieb zu kümmern. Er ist ein anderer geworden.

So wendet sich Hallers Tochter Jenni an Maximilian Bloch (Dieter Pfaff). Denn von ihrer Mutter Margarete Haller (Eleonore Weisgerber) weiß sie, dass sich ihr Vater und Block von früher kennen. Vielleicht kann der Psychotherapeut ja helfen? Doch Bloch und Haller haben seit Jahrzehnten keinen Kontakt mehr, der Graben zwischen ihnen ist zu tief. Und das hat Gründe. Doch Bloch lässt sich erweichen und beginnt wider besseren Wissens, den Kontakt zu seinem ehemaligen Freund Lorenz zu suchen.

„Bloch - Der Fremde“ – von Regisseur Elmar Fischer nach einem Drehbuch von Autor Jörg Tensing inszeniert – zeichnet ein durchaus feinfühliges Porträt eines gestandenen, in die Jahre gekommenen Mannes, dessen Persönlichkeit sich durch einen Schlaganfall maßgeblich wandelt. Doch dies ist nur der Aufhänger der Handlung. Darunter liegen die sowohl vom Vater als auch von der Tochter verdrängten und nie bearbeiteten geschweige bewältigten Verletzungen, die durch das instabile und unoffene Familiengeflecht entstanden sind. Jenni hat sich ihren Wunschvater zurechtgebogen, hat ihn sich erdacht, einen Vater, der Lorenz Haller jedoch nie war. Denn dieser hat sich um seine Tochter nie wirklich gekümmert. Dieser Handlungsstrang wird ebenso erzählt wie jener, der Bloch und Haller zurückführt in die Vergangenheit, in die 70er Jahre, als sie beste Freunde waren. Auch aus dieser Zeit rühren ungeklärte Verletzungen, die bis heute anhalten. Das ist alles in einzelnen Sequenzen – etwa jenen von Bloch und Haller im Grünen auf der Bank sitzend und sinnierend – sehr schön und differenziert herausgearbeitet. Das hat Tiefe und berührt.

Unter die Handlungsstränge sind immer wieder – sehr passend gewählte – Songs und Gitarren-Einlagen unter anderem von Johnny Cash gelegt, die aus dem Off zu hören sind und an eben jene gemeinsame Vergangenheit von Bloch und Haller erinnern, an damals, die 70er, als sie noch lange Haare hatten, Jeans trugen, die Songs mit der Gitarre nachspielten und beide dieselbe Frau liebten und sich darüber schließlich für immer entzweiten: Lieder wie „One (Love)“ oder Verszeilen wie „Don´t Let Me Wait for a Lifetime“ sind zu hören und gleich auf mehrere Personen und deren Beziehungsgeflecht untereinander übertragbar – da ist die Tochter, die darauf wartet, dass ihr Vater nach seinem Schlaganfall wieder „normal“ wird; da ist Haller selbst, der sich abhandengekommen ist; und da ist nicht zu guter Letzt auch Bloch, der vielleicht doch einen verlorenen Freund wiederfindet, nach 35 langen Jahren, bevor es ganz zu spät ist.

„Bloch - Der Fremde“, im Juli 2011 in Baden-Baden und Umgebung gedreht, ist, zusammen mit Rudolf Thomes „Ins Blaue“, einer der letzten Filme, in denen der im Januar 2012 im Alter von 70 Jahren verstorbene Schauspieler Vadim Glowna zu sehen ist. Es ist eine sehr nachdenkliche, eine sehr leise Rolle. Wie ein Abschied.

„Bloch - Der Fremde“, ARD, 20 Uhr 15

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben