TV-Film "Unterm Radar" über Terror in Berlin : Freiheit oder Sicherheit?

Wie verändert Terrorismus eine Gesellschaft? Der ARD-Film „Unterm Radar“ zeigt Deutschland als Überwachungsstaat.

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Wie weit darf der Staat gehen, um einen Terrorakt – wie diesen fiktiven auf einen Bus mitten in Berlin – aufzuklären oder besser noch zu verhindern?
Wie weit darf der Staat gehen, um einen Terrorakt – wie diesen fiktiven auf einen Bus mitten in Berlin – aufzuklären oder besser...Foto: WDR/Nik Konietzny

Was macht der Terrorismus mit der Gesellschaft? Diese Frage stand 1974 im Mittelpunkt von Heinrich Bölls Drama „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, das ein Jahr später von Volker Schlöndorff und Margarethe von Trotta verfilmt wurde. Der RAF-Terrorismus ist heute Geschichte, auch wenn der Deutsche Buchpreis gerade an Frank Witzel für seinen Roman „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ ging. Die Frage, wie die Gesellschaft auf terroristische Bedrohungen reagieren soll, ist heute allerdings genauso aktuell wie vor vierzig Jahren, wie der ARD-Film „Unterm Radar“ an diesem Mittwoch eindringlich zeigt.

Wie aktuell das Thema ist, hatten sich weder Autorin Henriette Buëgger noch Regisseur Elmar Fischer vorstellen können. Bei den Dreharbeiten im Februar dieses Jahres lag der Anschlag auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ in Paris gerade ein paar Wochen zurück. Die Bilder am Set von einem explodierten BVG-Bus mitten in Berlin wurden von einem entsprechend großen Medienecho begleitet. Im Film sterben sieben Menschen, es gibt 40 Verletzte. Zwar bestand kein Zweifel daran, dass es sich um Dreharbeiten handelte, doch nach den Anschlägen von London, Madrid, Paris wissen auch die Deutschen, dass der Terror längst die europäischen Metropolen erreicht hat. Gerade im Moment warnen Sicherheitsexperten, dass nach dem jüngsten Terroranschlag in der Türkei auch für Deutschland eine erhöhte Sicherheitsstufe gelten sollte.

Die Idee für das Drehbuch hat Buëgger bereits 2008 entwickelt. Damals wurden die gesetzlichen Voraussetzungen dafür geschaffen, dass Behörden wie das BKA mehr Spielräume erhalten. Im Film wird der Leiter der BKA-Terrorabwehreinheit Richard König (etwas zu nett gespielt von Fabian Hinrichs) den Satz sagen: „Früher haben wir nach einem Verbrechen den Täter gesucht. Heute suchen wir nach Indizien, dass ein Mensch zum Täter werden könnte.“

Terror im angeblichen Namen der Religion

Wie man das in einem Land mit über 80 Millionen Einwohnern umsetzen kann, darauf hat König keine Erklärung, mit der er sich zitieren lassen würde. Nach den Enthüllungen von Edward Snowden ist das aber auch gar nicht mehr nötig. Wie weit Überwachung gehen kann, ist inzwischen Allgemeinwissen. Der Film geht weit darüber hinaus. Weil die Behörden wussten, dass ein terroristischer Anschlag bevorsteht, hatte König mit seiner Anti-Terrortruppe vom Innenminister die Blankovollmacht erhalten, dass er alles tun dürfe, was nötig sei – so lange er „unterm Radar“ bleibe.

Die komplexe internationale Sicherheitslage, Terror im angeblichen Namen der Religion, der Überwachungsstaat, all das sind gewichtige Themen. Um daraus einen packenden Film zu machen, braucht es allerdings einen packenden emotionalen Ansatz. Im Zentrum der Story steht Richterin Elke Seeberg (Christiane Paul), deren Tochter Marie (Linn Reusse) verdächtigt wird, an dem Terroranschlag beteiligt gewesen zu sein. Maries Freund Khalid, mit dem sie gerade zusammenziehen wollte, kommt dabei ums Leben.

Elke Seeberg muss erkennen, wie viel sie vom Leben ihrer Tochter nicht wusste, von Moscheebesuchen, einer Reise nach Pakistan. Doch das ändert nichts daran, dass sie nicht an die Terrorschuld ihrer Tochter glaubt. Christiane Paul spielt eine Frau, die an sich zweifelt, die fürchtet, als Mutter versagt zu haben. Die Angst um ihre Tochter hat, die wie vom Erdboden verschwunden ist. Paul zeigt aber auch eine selbstbewusste Frau, die nicht aufgibt, sich nicht einschüchtern lässt, nicht vom BKA, nicht von den Medien. Und die sich selbst auf die Suche macht, trotz Dauerüberwachung und Einschüchterung.

Sorge, dass die Realität die Fiktion einholen könnte

Die zweite Konfliktlinie verläuft zwischen dem abgeklärten BKA-Mann Heinrich Buch (Heino Ferch) und Richard König. Jahre zuvor war Buch Königs Chef, bevor dieser in die USA ging und mit neuen Ideen und einer neuen Stellung als Buchs Vorgesetzter zurückkam. Buch, der an der Schuld von Marie Seeberg zweifelt, ist zwar nicht mehr Königs Mentor, doch von dem Vater-Sohn-Verhältnis ist noch immer etwas zu spüren, auch wenn König Buch mit dessen Alkoholproblem unter Druck setzt.

Während aus der Idee zu einem Drehbuch der Film wurde, hatte die Autorin immer die Sorge, dass die Realität die Fiktion einholen könnte. Einige Menschen werden sicherlich meinen, dass dies längst geschehen ist. Dass für eine vermeintliche Sicherheit die Freiheit längst aufgegeben wurde. Henriette Buëgger sieht das nicht so. Noch spielt „Unterm Radar“ für sie in der Zukunft, auch wenn diese möglicherweise nicht allzu fern ist.

„Unterm Radar“, ARD, Mittwoch, 20 Uhr 15

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