TV-Kritik "Die Anstalt" : Kabarett light taugt nicht als Frischzellenkur fürs Zweite

Eigentlich könnte Politkabarett dem scheintoten ZDF-Programm neues Leben einhauchen. Aber mit lauen Nummern wie in "Die Anstalt" geht das nicht, meint unser Kritiker.

Richard Weber
Logo des Zweiten Deutschen Fernsehens ZDF
Logo des Zweiten Deutschen Fernsehens ZDFFoto: dpa/Arno Burgi

„Oder wenn die Revolution von links kommt, wer braucht dann diese Sendung?“ Eine Aussage. Am Anfang der ZDF-Kabarett-Sendung "Die Anstalt". Teil der Eröffnungsnummer. Claus von Wagner verkleidet als gigantischer Farbstift. Kabarett-Kollege Max Uthoff kostümiert als Klischee-Scheich. Mit Kopftuch und Sonnenbrille. Stichwortartig geht es um Satire und Islam. Alternativlose Politik. Vorletzter Satz: „Wir melden, wenn die Gefahr von Demokratie vorüber ist.“

Saukritisch! Saumutig! Da müssen alle Mächtigen aber ganz schön was schlucken. Und einstecken. Verbale Satirewaffen, die verletzen. Schon in dieser kurzen Anfangsnummer zeigt sich das Problem der ganzen Sendung. Politische Worthülsen. Öffentliches Kommunikations-Blabla. Sätze, allgemein und nichtsagend. Sätze die jeder unterschreiben kann. Gegen die niemand was einwenden kann. Hochgejazzt als kritische Meinungsäußerung. Dem scheinbar dumpfen und unterhaltungsdauerberieselten Zuschauer knallhart vor die Birne geknallt.

Braucht das ZDF so eine Kabarett-Sendung light? Ok, eine der wenigen Alternativen, die gefühlt politische Satire-Sendung, die "Heute-Show". Ansonsten ist das ZDF schon viel echter und realer als das echte und reale RTL. Kochshow und Krimis. Und als vermurkste Vorhöfe der Medien-Amüsier-Hölle, der "ZDF-Fernsehgarten", "Volle Kanne", "Hallo Deutschland" und "Leute heute". So gesehen könnte "Die Anstalt" die dringend nötige Frischzellenkur für eine scheintote TV-Leiche sein. Aber nicht mit solchen Nummern.

Männer sind ganz schlimm

Der Stand-up-Comedian Abdelkarim muss sich, weil er Muslim ist, vom Anschlag auf die Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" distanzieren. Der Clou des Ganzen: Die Mitglieder des Tribunals sind Christen und Nicht-Christen. Und im Lauf der Nummer zeigt sich, das sie sich auch nicht von all den bösen und christlichen Terrorgruppen distanzieren. Nicht vom rechtsextremistischen und islamfeindlichen Attentäter Breivik in Norwegen. Nicht von Pegida. Nicht vom NSU. Und auch nicht von den Männern. Weil die Männer, alle Männer, eh die schlimmsten Gräueltaten verüben. Ein kabarettistisches Schlachtfest der Halbwahrheiten und Behauptungen.

Im Lauf der Sendung gibt es ein tolles Beispiel für wendige, Haken schlagende Argumentationsketten. Der US-Präsident Barack Obama. Beim Drohnenkrieg ist Obama ein blutrünstiger und barbarischer Mörder. Kurz danach. Beim Thema Griechenland ist Obama ein strahlender und moralischer Zeuge dafür, dass endlich Schluss sein muss mit dem finanziellen Ausquetsch-Terror der EU, der EZB und des IWF. Ein Musterfall für Meinungs-Differenzierung. Oder was nicht passt, wird passend gemacht.

Markus Lanz bleibt ungenannt

Gastkabarettist René Sydow hat einen Soloauftritt. Er hat einen Traum. Er bekommt Haarpflegetipps von Rudi Völler. Ein ziemlich unterirdischer Einstieg. Dann gibt’s einen Rundumschlag. Krieg und Finanzkämpfe. Banker und Börse. Und die Freiheit. Und in dieser seichten Kampf-Rede-Pfütze kriegt natürlich auch Bundespräsident Gauck kräftig eins drübergegossen. Gauck -  die Freiheitsstatue vom Rostocker Hafen. Auch andere Politiker werden gnadenlos kritisch durch lauen Kakao gezogen. Schäuble – die schwäbische Hausfrau. Kauder – reif für die Rente. Und Gabriel – der Dicke.

Zum Schluss noch eine unkomische Parodie auf Politik-Talks. Max Uthoff gibt den Markus Lanz. Natürlich ungenannt. In einer ZDF-Sendung wird nicht über einen anderen ZDF-Leistungsträger gespottet. "Die Anstalt" ist voll und ganz kritisch. Aber man pisst nicht ins eigene Nest. Dafür müssen "Fokus" und Spiegel" als Urinale herhalten.

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