TV-Kritik "Die Anstalt" : "Witzecheck" für geklaute Gags

So lustig ist "Die Anstalt" gar nicht, denn die guten Gags sind geklaut. Noch schlimmer: Die Sendung schürt das Ressentiment gegen die "Lügenpresse" - und bedient sich beim "Faktencheck" bei den kritisierten Medien. Wie geht das zusammen?

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Die Autoren Dietrich Krauß (l) und Claus von Wagner freuen sich über den Grimme-Preis in der Kategorie "Spezial" 2015. Braucht "die Anstalt" einen Witzecheck?
Die Autoren Dietrich Krauß (l) und Claus von Wagner freuen sich über den Grimme-Preis in der Kategorie "Spezial" 2015. Braucht...

Am Mittwoch nannte die Medienseite der „Süddeutschen Zeitung“ die Sendung „Wetten, dass...?“ eine „Rate-Show“. Vor einem halben Jahr lief die letzte Ausgabe, in den Monaten zuvor konnte man zwar raten, wie lange sich das ZDF noch die Moderation von Markus Lanz antun wollte – aber eine „Rate-Show“ im eigentlichen Sinne war „Wetten, dass...?“ nie. Oder aber ich habe jahrzehntelang etwas ganz schlimm durcheinander gebracht.

Erinnerungen verblassen, so ist das nun mal. Thomas Gottschalk gilt seit kurzem ja auch nicht mehr als legendärer „Wetten, dass...?“-Moderator, sondern als ein Mann, der unkontrolliert viel zu viel Geld für nicht erbrachte Leistungen bekommen hat. Was war seine Sendung im ARD-Vorabendprogramm noch mal gleich? Eine Talkshow? Eine Quizsendung? Welche Bezeichnung wählt die Medienseite der „Süddeutschen“?

Kein syrischer Flüchtlingschor in der Anstalt

Fernsehen – darauf haben wir an dieser Stelle schon des öfteren hingewiesen – ist ein kompliziertes Medium, viel komplizierter als man gemeinhin denkt. Und vielleicht kann man viele Sendungen auch einfach nicht mehr in Schubladen stecken, wie man das in den geordneten 80er Jahren noch tun konnte: Was war „Breaking Bad“ für eine Serie? Was für eine Art von Show ist „Schlag den Raab“? Wie nennt man das, was Jan Böhmermann Woche für Woche abliefert? Und was ist eigentlich „Die Anstalt“?

Ja – ich habe mir „Die Anstalt“ schon wieder angeschaut, obwohl aufmerksame Leser dieser Kolumne zum einen meine Haltung zu der Sendung kennen, und zum anderen sich vielleicht an mein Versprechern erinnern, mich nicht mehr damit beschäftigen zu wollen. Aber es soll ja auch Leute geben, die sich gerne mit einem Hammer auf den Kopf hauen lassen.

In der Ausgabe vom vergangenen Dienstag trat immerhin kein syrischer Flüchtlingschor auf und auch ansonsten gab es keine zynischen Knalleffekte, mit denen die Macher das amüsier- und empörungswillige Studiopublikum zum Heulen bringen konnten. Stattdessen bekamen Max Uthoff und Claus von Wagner diesmal Unterstützung von zweitklassigen Kabarettisten, denen diesmal auch weniger Raum geboten wurde. Es ging hauptsächlich um den BND, Spione, Überwachung, Geheimdienste, den Verfassungsschutz. Am Tag nach der Sendung stellt das ZDF auf seiner Homepage ein PDF zur Verfügung mit den „Hintergründen“ der Sendung – die Überschrift lautet „Die Anstalt – Der Faktencheck“; Fernsehzuschauer kennen so etwas zum Beispiel von „hart aber fair“.

Die Anstalt bedient sich bei der "Lügenpresse"

Der Faktencheck zur „Anstalt“ listet die Quellen auf, aus denen man sich in der Sendung bedient. Zum Verständnis: „Die Anstalt“ hat in der Vergangenheit ihren Teil dazu beigetragen, dass einige Deutsche das Wort „Lügenpresse“ synonym für Medien benutzen – so oft haben Uthoff und von Wagner sich über Journalisten lustig gemacht (auch in der Sendung vom vergangenen Dienstag). Der „Faktencheck“ listet insgesamt über 100 Quellen auf. 71 davon sind weder Whistleblower noch „unabhängige Medien“ oder Blogs – sondern „Spiegel“, „Süddeutsche Zeitung“, „Tagesspiegel“, „Die Zeit“, „Die Welt“ und einige andere, die doch im Verständnis der Anstalts-Macher und ihrer Fans eigentlich systemstützende, faule, voneinander abschreibende Putin-Gegner sein müssten. Oder der Faktencheck ist als Riesen-Meta-Gag gemeint – dann habe ich ihn allerdings nicht verstanden.

Aber vielleicht wäre ein „Witzecheck“ zur Sendung auch eine ganz gute Idee. Denn einen der wenigen guten Gags vom Dienstag haben die Autoren geklaut: Als Uthoff in seiner Rolle als „James Bnd“ mit Q spricht – dem genialen Tüftler – greift er ihm in die Tasche, zieht einen Stift raus, und fragt, was dieses irre Dinge denn könne. Darauf antwortet Q, dass das sein Stift sei. In einem James-Bond-Film besuchte der Agent einmal Q, ließ sich neue Wunderwaffen vorführen, nahm ein Sandwich vom Tisch und fragte sich, was das wohl sei, worauf Q meinte, dass das sein Mittagessen sei.

Aber, hey, ihr macht halt Fernsehen. Den richtigen Job, den machen wir.

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