• TV-Kritik zu "Wie viele Ausländer verträgt Deutschland?": Im ZDF viel Lärm um Nichts

TV-Kritik zu "Wie viele Ausländer verträgt Deutschland?" : Im ZDF viel Lärm um Nichts

Die Frage ist scharf gestellt: "Wie viele Ausländer verträgt Deutschland?" Beantwortet wird sie im ZDF am Dienstagabend vor allem mit hektischen Schnittorgien, verkürzten O-Tönen, mit merkwürdigen Straßenumfragen, Experten-O-Tönen und unpassenden Statistiken.

Richard Weber
Jeden Dienstag, 20.15 Uhr, laufen im ZDF unterschiedliche Reportagen unter dem Obertitel ZDFzeit.
Jeden Dienstag, 20.15 Uhr, laufen im ZDF unterschiedliche Reportagen unter dem Obertitel ZDFzeit.Foto: dpa

"Wie viele Ausländer verträgt Deutschland?" Provokanter Titel. Weckt Interesse. Nur liefert das ZDF wirklich eine fundierte, mediale Auseinandersetzung über deutsche Ausländerfeindlichkeit? Jeden Dienstag, 20 Uhr 15. Obertitel ZDFzeit. Der wöchentliche Sendeplatz, ein Sammelsurium unterschiedlicher Themen und Beitragsformen. Claus Klebers "Hunger" und "Durst"-Reportagen. "Der große Baumarkt-Test". "Prinz Harry - Der wilde Windsor". Johann Wolfgang von Goethe hat dieses quotenheischende Mischmasch schon vor 200 Jahren erahnt. "Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen" (Faust – Vorspiel auf dem Theater).

Jetzt werden also die Probleme der Deutschen mit Ausländern gebracht. Die ersten 56 Sekunden, hektische Schnittorgie, verkürzte O-Töne, Symbolbilder, populistische Thesen, zugespitzten Fragen. Erstes Thema: Kriminalität. Und natürlich ist das mal wieder ein "heißes Eisen". Was würde das Deutsche Fernsehen ohne die viel geliebten, viel verwendeten und viel versendeten Floskeln anfangen?

Ging es in der Frage nicht um was ganz anderes?

Aufmerksamkeit erregende Bildern – Klauereien in der U-Bahn, Diebstahl im Supermarkt, Betrug am Bankautomaten, Einsatz gegen Taschendiebe. Dazu unheilvoll der Off-Kommentar: „Vorurteile! Ängste! Fakten! Diebe bei der Arbeit. Nichts scheint vor ihnen sicher zu sein. Der Verdacht. Es sind vor allem Ausländer.“ Dann wird’s verbal erschreckend. Über 70 Prozent der Taschendiebstähle von Ausländern verübt. Belastende Fakten. Die Frage: „Sind Ausländer krimineller als Deutsche?“ Es entsteht der Eindruck, als ob diese Frage ganz Deutschland beschäftigt. Rhetorisch nicht ungeschickt. Man stellt Fragen, die so keiner stellt und beantwortet sie mit Aussagen, die so gar nicht passen. Kriminologe Christian Pfeiffer führt aus, dass schwere Delikte immer mehr abnehmen, obwohl es immer mehr Migranten in Deutschland gibt. Ging es vorher nicht irgendwie um Taschendiebstähle? Und um Ausländer? Ausländer sind keine Migranten.

Dann noch eine aktuelle Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen. 54 Prozent der Befragten glauben nicht, dass Ausländer häufiger Straftaten begehen als Deutsche. Puh! Die gerade im Beitrag formulierte Scheinfrage kann also mit "Nein" beantwortet werden. Nach diesem Schema werden auch die Fragen "Verliert Deutschland seine Kultur?", "Ist das Boot voll?", "Sind Muslime schwerer zu integrieren?" und "Wollen die nur abkassieren?" verwurstet. Zum Schein gestellt und dann mit Straßenumfragen, Experten-O-Tönen und Statistiken bestätigt oder widerlegt.

Alle "Ausländer"-Gruppen werden über einen Kamm geschoren

Wie meistens werden auch hier Einwohner der EU, Asylsuchende, Flüchtlinge, Emigranten, Migranten, Gastarbeiter und Einwanderer über einen großen Einheitskamm geschoren. Dazu kommen Reizworte und typischer Zündstoff. Einbürgerungstest. Hamburg-Snobs, die kein Flüchtlingsheim in der Nachbarschaft haben wollen. Döner, Deutschlands Lieblings-Imbiss. Streit um Moschee-Bauten. Der Facharbeitermangel. Kanak Sprak. Die Bundesliga, ohne Ausländer nicht spielfähig. Alles wichtige Themen. Hier unter Wert verkauft und verkommen zu einer ruhelosen Nummernrevue. Vorgeblich vielfältiges Journalisten-Allerlei. Politisch sehr korrekt, aber auch sehr langweilig. Zum Schluss noch einmal Goethe: "Wenn du eine weise Antwort verlangst, musst du vernünftig fragen."

ZDFzeit, Wie viele Ausländer verträgt Deutschland? Der Streit um Zuwanderung und Asyl

 

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