TV-Programmies vor schwieriger Zukunft : Das Internet lässt sich nicht ausdrucken

Nichts verkauft sich an deutschen Kiosken besser als TV-Zeitschriften. Wie aber kommt das neue Fernsehen ins Blatt?

Sophie Krause
Dekolleté-Wunder. Auch bei "TV 14", dem Marktführer unter den Programmies, geht nichts ohne junge, attraktive Frau auf dem Cover,
Dekolleté-Wunder. Auch bei "TV 14", dem Marktführer unter den Programmies, geht nichts ohne junge, attraktive Frau auf dem Cover,Foto: promo

Die meistverkaufte Publikumszeitschrift Deutschlands ist nicht die „Bunte“, nicht der „Spiegel“ und nicht der „Stern“. Es ist die „TV14“, die mit mehr als zwei Millionen verkauften Exemplaren alle zwei Wochen auf deutschen Couchtischen liegt. Nicht überraschend, verbrachten die Deutschen 2016 durchschnittlich 223 Minuten täglich vor dem Fernseher.

Während die Sehdauer regelmäßig steigt, sinken die Verkäufe der Programmzeitschriften. Am Kiosk gibt es aktuell 35 verschiedene „Programmies“, wie die Branche sie nennt. Von seinem Flaggschiff „TV14“ verkaufte der Bauer Verlag zuletzt rund vier Prozent weniger Exemplare als im Vorjahreszeitraum. Der Traditionstitel „Hörzu“ (Funke) verlor 2,7 Prozent und verkaufte zuletzt noch 931 000 Exemplare.

Im Mai brachte Spiegel Verlag einen eigenen Titel auf den Markt. „Spiegel Fernsehen“ sollte Free-TV und Video-on-Demand-Angebote (VoD) wie Netflix, Amazon und Sky Go miteinander verknüpfen und sich an „anspruchsvolle Zuschauer“ richten. Doch das ausschließlich in Hessen getestete Heft floppte. „Aufgrund fehlender wirtschaftlicher Perspektive wird es keinen bundesweiten Marktstart des Magazins geben“, sagte eine Verlagssprecherin dem Magazin „Horizont“.

"Spiegel Fernsehen" sollte als Hybridformat funktionieren

Mit dem Titel testete der Spiegel Verlag, was für die Branche als unausweichlich gilt – ein Hybridformat aus linearem und non-linearem Fernsehen. Denn der Markt verändert sich: Mit Streaminganbietern, Videoportalen und Mediatheken haben sich die Nutzungsgewohnheiten der Zuschauer verändert. Ein Drittel der unter 24-Jährigen nutzt Streamingdienste. Plattformen wie werstreamt.es und canistream.it erleichtern das Zurechtfinden im schier unendlichen Angebot, die Internet Movie Database (IMDb), die Enzyklopädie des Kinos, kennt fast jeden Film und fast jede Serie.

Trotz der Konkurrenz aus dem Netz und dem umkämpftem Segment herrscht in den Verlagen – nach eigenen Angaben – Jubelstimmung. Lutz Carstens, Chefredakteur der „TV Spielfilm“ (Burda), sagt: „Wir freuen uns über den Qualitätsschub, der stattgefunden hat. Das sieht man auch im deutschen TV-Angebot, man macht sich wieder sehr viele Gedanken über Formate, serielles Erzählen und über Ästhetik im fiktionalen Bereich. Das ist eine Bereicherung des Bewegtbildmarktes.“ 1998 hatte die „TV Spielfilm“ eine Rekordauflage von 2,7 Millionen Exemplaren. Damals profitierte das Blatt vom Aufkommen des Privatfernsehens, das mit neuen Spielfilmen und Unterhaltungsformaten den Fernsehmarkt umkrempelte. Doch zuletzt verkaufte Burda nur noch knapp 800 000 Hefte.

Inzwischen sind nicht nur die TV-Sender aus dem Dornröschenschlaf erwacht. Auch die Verlage ziehen nach: Mit der „TV Spielfilm Live“-App streamen heute zwei Millionen Menschen TV-Programme. Im Heft werden die Neuheiten der Streamingdienste auf drei Seiten besprochen. „Wir waren immer Hybrid“, sagt Carstens, „wir haben ja immer über Kino, DVD und Mediatheken berichtet, insofern ist das für uns nichts Neues.“ Eine Ausweitung des Themas VOD im Heft sei denkbar. „Wächst dieser Markt und wachsen die Eigenproduktionen, werden wir dem Rechnung tragen.“ Am Hybridformat führt kein Weg vorbei, glaubt Carstens, angesichts der wachsenden Bewegtbildnutzung.

Reichen VoD-Besprechungen?

Auch die Redaktion der „TV Digital“ (Funke), deren Käufer mit durchschnittlich 41 Jahren ebenso jung sind wie die „TV Spielfilm“, hat VoD-Besprechungen und Mediatheken-Hinweise ins Blatt geholt. Mit 1,5 Millionen Exemplaren ist das Heft die Nummer zwei unter den TV-Magazinen in Deutschland. Die Redaktion plant, das Thema VoD auszuweiten. „Wir sind ja erst am Anfang einer langen Reise mit der Marke TV Digital“, sagt Stephan Zech, Verlagsleiter von „TV Digital“. Die dazugehörige Tablet-App „Discover TV Digital“ ist ein erster Schritt. Sie listet das Programm nicht wie herkömmliche TV-Zeitschriften, sondern sortiert lineare und non-lineare Hinweise nach den individuellen Vorlieben ihrer Nutzer.

In den meisten TV-Zeitschriften ist von diesen Entwicklungen nichts zu spüren. Nur zögerlich öffnen sich die Verlage für Streaming. „Innovativ sein bedeutet immer auch hohe Investments, hohes Engagement der Redaktion und des technischen Teams“, sagt Zech. „Natürlich kann man versuchen, Kostensynergien zu heben und etablierte Verfahren möglichst schlank aufzustellen. Dann hat man aber nicht mehr genug Ressourcen, um neue Wege zu beschreiten.“ Die Verlage hätten immer ihre Zielgruppen im Blick, vermutet Lutz Carstens. Mehr als die Hälfte der „Hörzu“-Leser sind 60 Jahre alt oder älter. Studien zur Bewegtbildnutzung wie die der Beratungsfirma Deloitte zeigen, dass die regelmäßige Nutzung von VoD-Abos, Mediatheken und Pay-TV bei den über 50-Jährigen deutlich sinkt, während die Nutzung des linearen Fernsehens mit dem Alter der Zuschauer steigt. Diese Zielgruppe interessiert sich womöglich gar nicht für Streaming.

Ohnehin fragen Beobachter, warum Programmzeitschriften sich überhaupt mit Netflix und Co. befassen sollten – für die Jugend ist das, als wolle man das Internet ausdrucken. Lutz Carstens verweist auf die Kernkompetenz der Programmies: „Wenn Sie heute bei YouTube in das Serienfenster schauen, dann finden Sie zu weit über 90 Prozent klassische Fernsehware. Für die junge Generation, die ,Circus Halligalli’ streamt, ist eine Fernsehzeitschrift nicht überflüssig, weil sie darin erfahren, wer in der Sendung heute auf dem Sofa sitzt.“

Stephan Zech glaubt: „Es gibt keine Abneigung gegen das Papier an sich, sondern es geht um die Frage, wie relevant für die Leser das ist, was drin steht.“ Mit wachsender Auswahl an Serien und Filmen wachse auch der Wunsch nach Orientierung, um das Richtige zu finden. Die Zukunft wird zeigen, ob die jüngere Zielgruppe das auch so sieht, oder nicht lieber gleich das Internet fragt.

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