• TV-Satiriker Oliver Kalkofe im Interview: „Nichtgucker haben weniger Macht als Nichtwähler“

TV-Satiriker Oliver Kalkofe im Interview : „Nichtgucker haben weniger Macht als Nichtwähler“

Oliver Kalkofe über Einschaltquoten, Humor bei ARD und ZDF, das Sat-1-Gesicht Harald Schmidt und 20 Jahre TV-Wahnsinn mit der „Mattscheibe“.

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„Das ist doch krank!“ Am Freitag (20 Uhr 15) läuft auf Tele 5 die Jubiläums-Gala „The Final Kalkdown – 20 Jahre Mattscheibe“, ausnahmsweise moderiert von Jörg Thadeusz. Mittendrin, Oliver Kalkofe, 48. Der Grimme-Preis gekrönte Satiriker kämpft in Form von Verkleidungen und satirischen Kommentaren zu Ausschnitten von Fernsehsendungen gegen „TV-Verbrechen und Volksverblödung“.
„Das ist doch krank!“ Am Freitag (20 Uhr 15) läuft auf Tele 5 die Jubiläums-Gala „The Final Kalkdown – 20 Jahre Mattscheibe“,...Foto: dpa

Herr Kalkofe, retten Sie die Fernseh-Satire?

Wieso?

Wenn man an gute Satire im deutschen Fernsehen denkt, fällt einem nach dem Abgang von Harald Schmidt nicht viel ein. Oliver Welke und die „heute show“ vielleicht.

Die ist großartig, ich gucke jede Folge, freue mich tierisch, dass Oliver Welke ein passendes Format gefunden hat. Er hat ja lange gesucht. Wir haben gleichzeitig beim „Frühstyxradio“ bei Radio ffn in Hannover angefangen, kennen uns aus dem Publizistik-Studium in Münster.

Das ZDF ist groß, Tele 5 klein. Stört es Sie, verglichen mit Welke, dass „Kalkofes Mattscheibe“ beim Mini-Sender läuft, der sonst viel Trashfilme abspielt?

Nein, das ist mir egal. Ich fühle mich bei Tele5 so glücklich wie noch kaum zuvor bei einem Sender. Bei der großen ARD beispielsweise war es gar nicht schön.

Inwiefern?

In „Die wunderbare Welt des Sports“ habe ich Sportfernsehen in allen Facetten parodiert. Da haben sich die Sportchefs der verschiedenen ARD-Anstalten beschwert. Man hat alle drei Folgen gezeigt, aber schon nach der ersten war klar, dass Schluss war. Nun stehen sie im Giftschrank der ARD. Wenn die ARD heute eine Sendung mit mir macht, dürfen die eigene Ausschnitte nicht zeigen, sondern müssen Kalkofe-Material bei Tele5, Pro7 oder Sky kaufen. Das ist doch krank.

Tele5 hat mehr Humor als die ARD?

Absolut. Das ist ein kleiner Independent-Sender mit Mut zum Experiment. Dort wird nicht jede Idee zu Tode diskutiert, sondern einfach mal ausprobiert. Ich kann bei Tele5 seit anderthalb Jahren inhaltlich völlig frei arbeiten und habe mehr zu tun als in den zehn Jahren zuvor. Und am Ende wird es sogar gesendet!

Stuckrad-Barre, Walulis, Ulmen, Kalkofe, in München scheinen Kreative zumindest neuen Spielraum zu bekommen.

Das geht auch noch so weiter. Hier dürfen die wieder etwas versuchen, an die man sich bei den großen Sendern nicht mehr ran traut. „Walulis sieht fern“ war der Anstoß, da hat sich die ARD erst ran getraut, als es bei Tele5 den Grimme Preis gewonnen hat, und auch dann nur wieder versteckt auf EinsPlus.

Und was ist mit Harald Schmidt?

Bei Tele5? Inhaltlich ohne Frage passend, wäre aber wohl schlichtweg zu teuer für den Sender. Dazu müsste man dann zu viele andere Experimente und Sendungen für einstellen, meine inklusive. Oder das Budget von Tele5 müsste sich verdoppeln. Außerdem: Harald Schmidt gehört zu Sat1.

Das hat doch zuletzt nicht geklappt.

Weil sie es falsch angestellt haben. Gebt ihm einen Drei-Jahres-Vertrag. Schaut nicht auf die Quote. Harald Schmidt ist das Gesicht von Sat1. Die haben keine Gesichter mehr. Schmidt ist immer da, täglich in der Presse. Auch wenn die Quote schlecht ist, der Marktwert ist Gold. Stattdessen produziert Sat1 nur noch billigen Müll und holt sich dann aber für Wahnsinnssummen Pocher und Cindy aus Marzahn und macht Promi-Big-Brother, eines der schlimmsten und lieblosesten Formate der letzten Jahre. Man sieht, dass man mit viel Geld und wenig Herzblut auch einen großen Haufen Scheiße produzieren kann. Das Geld, das da verheizt wurde, sollte man lieber spenden.

Ich muss Sie nicht fragen, ob sich das Fernsehprogramm in den vergangenen 20 Jahren verändert, sogar verbessert hat.

RTL macht seit zehn Jahren das gleiche Programm in der Endlosschleife, aber halbwegs stabil. Sie haben sich ihre Gesichter aufgebaut. Sat1 hat alle Konturen verloren, Pro7 ist US-Comedy-Abspielkanal mit Raab-Klum-Bonus. Ich muss leider sagen: Seit 20 Jahren lässt sich kaum eine gute Entwicklung im deutschen Fernsehen erkennen. Ich habe stets gehofft, es wird besser. Das Gegenteil passiert.

Sie schauen sich das alles täglich an. Sind Sie Masochist?

Nicht wirklich. Vor 20 Jahren habe ich mich über den Fernseh-Wahnsinn aufgeregt. Im Vergleich zu heute war das aber noch lustiger, fast charmanter Wahnsinn. Wir hatten zehn Volksmusiksendungen die Woche. Volle Power Marianne und Michael und die Lustigen Mutanten. Die schunkelten in bunten Trachten und sangen ohne hinzufallen – okay, die waren halt ein bisschen doof, meinten es aber nicht unbedingt böse.

Ein schräges Lob.

Schauen Sie, was wir heute im Fernsehen haben. Durch „Big Brother“ und Casting-Shows hat sich das Fernsehprogramm vor zehn Jahren zum ersten Mal fundamental verändert. Danach, mit der großen Finanzkrise, haben die Sender angefangen, weniger und billiger zu produzieren. Die Folge ist Scripted-Reality-Trash. Wir sehen den ganzen Tag über grauenhaften Irrsinn, den ein großer Teil der Zuschauer auch noch für Realität hält. Die meisten denken halt immer noch: Was da läuft, das wird schon stimmen. Das Fernsehen würde uns doch nicht einfach so anlügen.

Mit dem, was da läuft, müssen die Privatsender Geld verdienen.

Jedes Medium hat aber auch eine gewisse Verantwortung. Man kann den Leuten nicht einfach vor die Füße kotzen und sagen: Fresst das, es ist uns egal, wie es euch danach geht. Was da am Nachmittag gezeigt wird, ist furchtbar. Zum Beispiel Amtsrichter Gassmann, der sich sein Geschlechtsteil in einen Hot Dog legt und im Hotelzimmer von frustrierten Hausfrauen fotografieren lässt, die davon ganz wuschig werden. Und dergleichen mehr. Früher haben wir zu dieser Tageszeit Serien geguckt, mit einer Art von Moral, mit Anfang und Ende. Mit vernünftiger Sprache. Wir sehen heute in der Schiene eine Welt, die wir nicht haben möchten.

Schauen Sie denn nicht die Öffentlich-Rechtlichen?

Das ist ja die Schande: Genau die müssten eigentlich dagegen eine vernünftige Alternative bieten. Das wäre deren Aufgabe. Stattdessen läuft dort gleichzeitig eine bescheuerte Telenovela nach der anderen und trutschige Boulevard- und Kaffeeklatschmagazine. Die guten Sachen werden bei ZDFneo oder in der Nacht versteckt.

Gönnen Sie ARD und ZDF doch die Einschaltquote…

Die Quote ist eh’ ein Irrsinn. Diese GfK-Zahlen sind sehr gut erhoben. Man muss die Daten nur richtig auswerten. Wir erhalten durch sie viele verlässliche Informationen, nur eine nicht: das ist die Einschaltquote. Das sind lediglich Schätzwerte, gemessen auf eine Art die unsere heutige Mediennutzung überhaupt nicht widerspiegelt. Mediatheken-Nutzung, Internet, Festplatte, das wird alles nicht gezählt. Heute sehen immer weniger Menschen noch lineares Fernsehen. Und bei der Vielfalt der Sender sind 6000 Geräte in 6000 Haushalten nicht wirklich repräsentativ, wenn es darum geht, einen Marktanteil zu ermitteln.

Sie meinen die Millionen Nichtgucker jeden Tag.

Nichtgucker haben noch weniger Macht als Nichtwähler. Nichtwähler werden wenigstens in der Statistik erwähnt. Nichtgucker können auch in den Wald gehen und Pilze sammeln oder auf dem Balkon einen fahren lassen. Sie werden nicht wahrgenommen. Sie sind quasi nicht da. Aber sie zahlen trotzdem den Rundfunkbeitrag, ob sie wollen oder nicht.

Haben Sie schon mal mit Senderverantwortlichen über diesen Unsinn der Quote gesprochen?

Klar. Die wissen das doch. Alle. Sie wissen aber auch: Wenn sie dieses bestehende Quoten-System umstürzen, gibt es Chaos. Das ist halt die einzige Währung, die wir haben.

Wenn Sie sich über das Fernsehen und das System immer derart echauffieren, wie lange wollen Sie das noch machen?

Gerne weitere 20 Jahre. Das Schöne ist doch, ich darf mich beim Fernsehen aufregen und habe die Medizin dazu, meine „Mattscheibe“, meine Texte. So lange ich auf den Bildschirm passe, mache ich weiter. So weh das auch manchmal tut.

– Das Gespräch führte Markus Ehrenberg.

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