TV-Serie : Der Arzt für gewisse Wunden

George Clooney wurde hier berühmt, Quentin Tarantino führte Regie – nach 15 Jahren endet die Klinikserie „Emergency Room“

Harald Keller
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Die Ärzte von "Emergency Room".Foto: Pro7

Vor 39 Jahren erschien in den USA ein Reportageroman mit dem Titel „Fünf Patienten“. Ein Auszug: „Die Aufnahmestation ist so ausgerüstet, dass alle acht Minuten ein neuer Patient behandelt werden kann, rund um die Uhr. Das Personal ist darauf vorbereitet, jeden fünften dieser Notfallpatienten aufzunehmen, alle vierzig Minuten eine Neuaufnahme. Das ist ein höllisches Tempo, aber es ist Standard in den Krankenhäusern.“

Geschrieben hatte dieses Buch der ausgebildete Arzt Michael Crichton, der freilich nicht als Mediziner, sondern als Bestsellerautor („Jurassic Park“) und Regisseur von Filmen wie „Westworld“ Weltruhm erlangen sollte. Seine Erfahrungen als angehender Arzt verarbeitete er zu einem Drehbuch, das lange Jahre keinen Produzenten fand – bis Steven Spielberg Interesse zeigte. Crichton hatte an einen Kinofilm gedacht, doch Spielbergs Produktionsfirma erkannte in dem Stoff die Basis für eine Fernsehserie. 1994 startete sie unter dem Titel „Emergency Room“ und brachte es während einer Laufzeit von 15 Jahren auf 332 Folgen.

Wenn Pro Sieben am Mittwoch das zweistündige Finale dieser Serie zeigt, werden Erinnerungen wach – nicht nur, weil sich einige Figuren der ersten Stunde ein letztes Stelldichein geben. Autor John Wells folgt dem Schema der Premierenfolge, die ein 24-stündiges Geschehen zusammenfasste. Es begann damit, dass der diensthabende Arzt (Anthony Edwards) zu nächtlicher Stunde von seiner Pritsche gescheucht wurde, um einen alkoholisierten Patienten zu versorgen. Der Betrunkene war ausgerechnet ein Kollege, der Kinderarzt Doug Ross. Gespielt wurde er von George Clooney, der dank dieser Rolle zum Weltstar aufstieg und in der letzten Staffel noch einmal in der 19. Folge zu sehen war.

Clooney erfuhr den größten Popularitätsschub, aber auch andere Ensemblemitglieder wie Lucy Liu, Kirsten Dunst oder Ving Rhames ließen noch von sich hören. Umgekehrt waren sich hochkarätige Stars nicht zu schade, Gast- oder Dauerrollen bei „ER“ zu übernehmen - zu viele, um sie alle zu nennen. Stellvertretend genannt seien die Hollywoodveteranen Ernest Borgnine, Red Buttons und Mickey Rooney sowie ihre jüngeren Kollegen Ray Liotta, Julie Delpy, Forest Whitaker, John Leguizamo und Angela Bassett. Auch unter den Regisseuren sind bekannte Namen wie Mimi Leder, Jonathan Kaplan – und Quentin Tarantino.

Wie schon der Pilotfilm, wurde die letzte „ER“-Episode „And in the end …“ von Rod Holcomb inszeniert. Alle Beteiligten laufen noch einmal zu Hochform auf und zeigen, was diese Serie so besonders machte und ihr eine rekordverdächtige Zahl an Fernsehpreisen einbrachte.

Wesentliches Merkmal war der grimmige Realismus der Serie. Hier flossen Blut, Schweiß und Tränen; manch ein Jungmediziner musste erst einmal seinen Ekel überwinden. Die Ärzte sahen sich stetem Stress und emotionalen Wechselbädern ausgesetzt und zeigten sich als Menschen mit Schwächen und Fehlern. Nicht zuletzt finden Fehler ihre Ursache, wie der 2008 verstorbene Crichton schon in seinem Buch festhielt, im US-Gesundheitssystem. Die Autoren von „ER“ brachten dies immer wieder zur Sprache, vor allem Versorgungslücken und die ungenügende Krankenversicherung. Ein Problem, mit dem sich auch Präsident Obama immer noch herumplagt.

Sozialkritisch, engagiert, glaubwürdig, realistisch, innovativ – mit „ER“ wurde großartiges Erzählfernsehen geschaffen. Den brillanten Autoren ist zu verdanken, dass die Serie diverse Personalwechsel überstand. Immer wieder gelang es, neue Figuren einzuführen und mit derart spannenden Biografien und Charaktermerkmalen auszustatten, dass das Publikum nie das Interesse verlor. Dem hohen Niveau der Drehbücher entsprach die formale Umsetzung, Experimente wurden gewagt: Es gab eine Live-Episode, eine Folge, die rückwärts erzählt wurde. Sensationell waren die langen, verzwickt choreografierten Steadicam-Einstellungen, die allen Beteiligten ein Höchstmaß an Präzision abverlangten. Die Kinoregisseure Brian De Palma und Martin Scorsese ernteten endlose Bewunderung für solche Sequenzen – bei „ER“ wurde dergleichen, bei weitaus geringerer Probenzeit, wöchentlich zustande gebracht. Und ebenso schauspielerische Leistungen, die so manchen Oscar-Preisträger in Verlegenheit bringen müssten.

Bis zuletzt hat „ER“ eine besondere Frische und Dynamik bewahren können. Das Ende ist bedauerlich, weil hier inhaltlich und ästhetisch Maßstäbe gesetzt wurden, an denen sich vergleichbare Serien - man denke an aseptische, paarungsorientierte Weißkittel-Schnulzen wie „Grey''s Anatomy“ messen lassen müssen.

Immerhin streut Autor John Wells zum Abschluss ein wenig Hoffnung: Rachel Greene (Hallee Hirsh), die Tochter des verstorbenen „ER“-Arztes Mark Greene, bewirbt sich im „County General“ um eine Ausbildungsstelle. Plant da jemand bereits „ER – The Next Generation“? Es wäre nicht das Schlechteste …

„Emergency Room“,  Mittwoch, Pro7, 22 Uhr 15

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