TV-Streitgespräch : "Ihr müsst raus aus Gaza"

Bei „Hart aber fair“ sollten die Gäste deutsche Haltungen zu Israel debattieren – doch dies scheint im deutschen Fernsehen derzeit kaum möglich zu sein.

Caroline Fetscher
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Aufgeladen statt eingeladen. Michel Friedman und Ulrich Kienzle tauschen letzte Argumente aus.Foto: WDR

Die übliche Frage seiner Schlussrunde – „mit welchem Gast würden Sie gern eine Bergtour machen?“ – musste „Hart aber fair“-Moderator Frank Plasberg seinen Gästen erlassen. Dafür war der kleine Talkshow-Kessel zu heiß gekocht, er brodelte.

Nein, Michel Friedman ist nicht der israelische Botschafter in Deutschland oder ein Vertreter des israelischen Militärs, sondern ein deutscher Journalist jüdischen Glaubens. Im Grunde sollte das den Debattanten bewusst sein. Doch die Eingeladenen waren hier auch die Aufgeladenen, aufgeladen mit erbitterter Emotion. Friedman geriet besonders dem Palästinenser-Verteidiger Norbert Blüm zum unfreiwilligen Vertreter eines Landes, dessen Staatsbürger er nicht ist. „Ihr müsst raus aus Gaza!“ ereiferte sich Blüm. Warum er dauernd betone, wer Jude ist und wer nicht, erkundigte sich Friedman, der recht alleine da saß.

Gehen sollte es um die Frage: „Blutige Trümmer in Gaza - wie weit geht unsere Solidarität mit Israel?“ Dazu erläuterte der WDR online, die Deutschen fragten sich, ob es tabu sei, „Israel offen zu kritisieren.“ Tabu ist hier ja gar nichts, das hat auch diese Stunde wieder bewiesen. Durcheinander geht immer noch vieles in den Köpfen, und dafür war die Sendung ein weiteres Symptom. Neben Friedman und Blüm diskutierten Ulrich Kienzle, einst Reporter für die Region Nahost, Udo Steinbach vom Zentrum für Nah- und Mittelost-Studien der Universität Marburg, sowie Rudolf Dreßler, von 2000 bis 2005 deutscher Botschafter in Israel. Kienzle missfällt es, wenn getötete israelische Zivilisten zu „Opfern des Terrorismus“ erklärt werden, während Tote im Gazastreifen als Opfer „israelischer Selbstverteidigung“ bezeichnet werden, Friedman widersprach, die Hamas-Kämpfer seien durchaus mit den Taliban zu vergleichen. Weitere Argumente gingen in allgemeinem Geschrei unter.

Mehrmals lief Plasberg auf die Streitenden zu, wie ein Lehrer, der auf dem Schulhof Aufsicht hat. Beleidigt erklärte Steinbach, ihm mache es nichts aus, wenn man ihn als „Nazischwein“ beschimpfe, obwohl das keiner getan hatte. Von Neonazis distanzierten sich alle, da müsse man „hart durchgreifen“, nickte auch Blüm. Dann wieder rief er empört aus, Christen könnten ja gar keine Antisemiten sein, „denn Jesus war Jude!“ Das sei viel zu wenig bekannt. Der Einwurf, gerade Christen hätten doch Jahrhunderte lang Juden verfolgt, ging in der nächsten Welle grimmiger, gegenseitiger Anwürfe unter.

Ein solcher Grad der Erregung ist selbst beim zerschossenen Tschetschenien oder angesichts der fünf Millionen Toten im kongolesischen Bürgerkrieg im deutschen Fernsehen unvorstellbar. Kurz nach der Sendung schickte das Netzwerk „Honestly Concerned“, das aktuellen Antisemitismus beobachtet, eine Rundmail an seine Abonnenten. Es sei für Juden vielleicht wieder „Zeit den Koffer zu packen“, ängstigt man sich dort. Reflexion, Analyse jedenfalls blieben diesem Abend fremd, den Nebel, der gelichtet werden sollte, hat man hier weiter verdichtet. Mit Israel, mit Gaza hatte das Ganze wenig zu tun, dafür umso mehr mit den Unbewussten in Deutschland. Caroline Fetscher

www.wdr.de/tv/hartaberfair/

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