TV-Thriller von Dominik Graf : Der Kriminalist

Dominik Grafs „Zielfahnder“ am Samstag zeigt, was ihn von anderen Regisseuren unterscheidet. Im Mittelpunkt des Thrillers: das Ermittler-Gespann Ronald Zehrfeld und Ulrike C. Tscharre.

Jan Freitag
Grafs Dauerdarsteller Ronald Zehrfeld und Ulrike C. Tscharre bekommen es im ARD-Krimi „Zielfahnder“ mit osteuropäischer Bandenkriminalität zu tun
Grafs Dauerdarsteller Ronald Zehrfeld und Ulrike C. Tscharre bekommen es im ARD-Krimi „Zielfahnder“ mit osteuropäischer...Foto: ARD Degeto

Ein Häftling ist geflohen. Typ organisiertes Verbrechen rumänischer Herkunft und so gefährlich, dass ihm gleich zwei deutsche Zielfahnder in die Karpaten nachjagen, wo sie es nicht nur mit regionaler Rechtsauffassung, sondern einem Brauchtum zu tun kriegen, das alles erlernte Polizeihandwerk schwer auf die Probe stellt. Dieser Fall grenzüberschreitender Ermittlung ist selbst im Land der 100 000 Kommissare an 1000 Tatorten alles andere als Routine. Den wahren Unterschied im ARD-Film „Zielfahnder“ machen jedoch weder die Handlung noch ihr Spielort. Den wahren Unterschied macht Dominik Graf.

Wie so oft nach einem Drehbuch von Rolf Basedow, mit dem Graf ein Dutzend bleibender Werke realisiert hat, ist dem Regisseur aus München dramaturgisch, atmosphärisch, vor allem ästhetisch erneut ein Meisterstück gelungen, wie es gerade in Grafs Stammrevier selten ist: dem Fernsehen. Schon seltsam: Deutschlands Nestor des gediegenen Films, der dem Publikum als Publizist sein Metier erklärt, dem Nachwuchs als Professor das Handwerk und allen anderen als Mitglied zweier Akademien die Kunst – ausgerechnet dieser Großintellektuelle hat einen putzigen Hang zum Profanen.

Und zwar nicht nur in Bezug auf die Plattform, sondern mehr noch dessen bevorzugtes Genre: den Krimi. „Weil er einen verlässlichen Rahmen erzählerischer Kontinuität bietet, dessen Regeln man einhalten oder brechen, aber nie ignorieren kann“, so hatte Graf den Hang zum selbsterklärten „Heimatterrain“ einmal erläutert.

An dieser Selbsttreue vor kriminalistischem Hintergrund bastelt der Schauspielersohn, seit er sechs Jahre nach seinem preisgekrönten Regiedebüt „Der kostbare Gast“ von 1979 fürs Erste den „Fahnder“ entwickeln durfte. Von da an hat er seine kriminalistische Fertigkeit in herausragenden Krimis vom Schimanski-Einsatz „Schwarzes Wochenende“ bis zum vielleicht besten „Tatort“ in 46 Jahren „Frau Bu lacht“ und präzisen Unterweltstudien à la „Hotte im Paradies“ oder „Der Rote Kakadu“ verfeinert. Und mit derselben Zuverlässigkeit hebt sich nun sein „Zielfahnder“ vom herkömmlichen Rest des Metiers ab.

Ein Grund ist sein Markenkern. Die Marotte, Tendenz Manierismus, scheinbar Wichtiges und scheinbar Unwichtiges scheinbar falsch zu gewichten. Während Durchschnittskrimis den Tathergang gern lückenlos erklären, damit sich auch beim aufmerksamkeitsdefizitärsten Konsumenten nur ja kein Abschaltimpuls entwickelt, rast Alexander Fischerkoesens Kamera im Eiltempo durch die Fallschilderung.

Zappen nach Feierabend, einfach so

Zugleich jedoch verharrt er halbe Ewigkeiten im Nebensächlichen: hier der seltsame Gesang rumänischer Hochzeitsgäste, dort das Melken einer Ziege im Bergambiente, minutenlange Ereignislosigkeit aus gutem Grund: So artifiziell Grafs Panoptiken des Außergewöhnlichen im Normalen gelegentlich wirken – auch mit 64 Jahren ist der Genrefilmveteran weder an fröhlichem Täterraten noch künstlichen Spannungsbögen interessiert; er will von der Tat auf die Protagonisten verweisen, von den Protagonisten auf die Atmosphäre, von der Atmosphäre auf die Gesellschaft und von dort zurück zu den Taten der Protagonisten.

Wie in all seinen Filmen benutzt er dafür ständige Zooms auf alles, was Szenen andernorts nur dekoriert. Wie beim gefeierten Zehnteiler „Im Angesicht des Verbrechens“ kriegen es Grafs Dauerdarsteller Ronald Zehrfeld, Ulrike C. Tscharre und Arved Birnbaum als robuste Bullen mit osteuropäischer Bandenkriminalität zu tun.

Und als genösse der Adel noch immer Privilegien, gewährt ihm die ARD dafür auch noch mehr Zeit als zur Primetime üblich. Nach epischen 112 Minuten liegen Täter, Opfer, Umfeld zwar branchentypisch auf dem Präsentierteller der Schlusssequenz. Die Reihenfolge jedoch, was gut ist und was böse, was bleibt, was wird – all dies müssen sich die Zuschauer schon selbst zusammenreimen.

Wie wahrhaftig Grafs Arbeit oft ist, zeigt aber eine völlig beiläufige Szene zuvor. Ronald Zehrfelds Zielfahnder macht darin etwas, das Filmfiguren praktisch nie tun: Er sieht fern. Zappen nach Feierabend, einfach so. Was anderen Regisseuren bloß Sendezeit stiehlt, ist für diesen Beleg der Alltäglichkeit des polizeilichen Umgangs mit den Extremen. Und weil der fernsehende Polizist bis zum Abspann nicht mit seiner schönen Kollegin im Bett landet, zeigt sich abermals: Wenn fiktionales Verbrechen bedeutsam wird, stammt es meist von Dominik Graf. Alles andere ist nur Krimi.

„Zielfahnder – Flucht in die Karpaten“, ARD, Samstag, 20 Uhr 15

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