TV-Wahlwerbespots : Wie kleinere Parteien mit ihrer Sendezeit umgehen

Porno, Emanzen, Wohnzimmer: ARD und ZDF müssen ausstrahlen, was "Die Partei", "Die Violetten" oder "Bibeltreue Christen" ihnen vorsetzen.

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Der ominöse Wahlwerbespot der "Partei".
Der ominöse Wahlwerbespot der "Partei".Screenshot: Tsp

Bibeltreue Christen, Nichtwähler, Rentnerpartei, Marxisten, Partei der Vernunft, Spaß-Partei, Die Violetten – wer in diesen Tagen nicht aufpasst, wird bei ARD und ZDF allabendlich mit Wahlwerbespots diverser zur Bundestagswahl zugelassener Kleinst-Parteien konfrontiert. Wobei Konfrontation das richtige Wort ist. Protagonisten und Ansichten der Splitterparteien sind durchaus gewöhnungsbedürftig. Ein paar Tage Wahlwerbespots-Gucken im Fernsehen, das ist vergleichbar mit einer Expedition zu den Eingeborenen am brasilianischen Amazonas. Anders als bei den Gesichtern und Parolen von SPD/CDU/FDP/Grüne, die das ganze Jahr über in Talkshows zur Genüge vorgeführt werden.

Wenn bei den kleinen Parteien überhaupt Gesichter zu sehen sind. Beim Wahlwerbespot der „Partei“, den das ZDF am Dienstagabend kurz nach dem „heute journal“ zum Thema „Familienpolitik“ ausstrahlen ließ, dürften Stammkunden des Zweiten in Schockstarre verfallen sein. Zu sehen waren, wenn auch nur schemenhaft, ein Mann und eine Frau, die heftig stöhnend den Beischlaf ausübten. Szenen aus einem Pornofilm offenbar. ZDF und ARD seien zur Ausstrahlung von Wahlwerbespots verpflichtet, sagt ein ZDF-Sprecher. Für deren Inhalt sind die Parteien verantwortlich. Darauf wird in Bild und Ton zu Beginn und am Ende der Wahlwerbespots hingewiesen.

Grenzen sind dem Treiben der insgesamt 21 kleinen Parteien bei ihren zwei Clips, die ihnen zugestanden werden, kaum gesetzt. Im ZDF-Staatsvertrag ist die Ausstrahlung von Wahlwerbespots geregelt. Alle Clips werden juristisch geprüft. Eine Ausstrahlung kann nur abgelehnt werden, „wenn es sich inhaltlich nicht um Wahlwerbung handelt oder der Inhalt offenkundig und schwerwiegend gegen die allgemeinen Gesetze verstößt“. Diese Verbotskriterien sah man beim ZDF nicht als erfüllt an – der Spot wurde ausgestrahlt. „Wir haben nicht über Geschmacksfragen zu entscheiden“, so ein Sprecher. Angeblich hätten sich nur drei Zuschauer beschwert. So ein Spot scheint in Deutschland weniger Leute aufzuregen als in den USA. Auf der Videoplattform Youtube wurde der Clip zunächst gelöscht, war kurze Zeit später aber wieder zu finden, allerdings unter Angabe des eigenen Alters. Bei Youtube gelten strenge US-Richtlinien, pornografisches Material wird generell gelöscht.

Verkaufe Werbezeit für Product Placement

Schon 2005 nervte „Die Partei“ das ZDF, weil sie im Gefolge der Schleichwerbediskussion einen Teil ihrer Wahlwerbezeit für Wirtschaftswerbung oder Product Placement versteigern ließ. Diesmal also eine Art Porno in der Wahlwerbung. Sonneborn erklärte, man setze „den glatten, inhaltsleeren Werbefilmchen der übrigen Parteien einen konsequenten, künstlerisch wertvollen Wahlspot entgegen“. Davon kann nicht nur das ZDF, sondern auch jeder Zuschauer halten, was er will. Es ist sowieso nicht davon auszugehen, dass auch nur einer der insgesamt 74 beim ZDF ausgestrahlten Spots die Entscheidung der Wähler beeinflusst. Weder Clip der Partei „Die Violetten“, die die Entdeckerfreude der Kinder preisen, noch der Spot der „Partei Bibeltreuer Christen“ (PBC), in der ein Mann mit gewöhnungsbedürftiger Frisur Vertrauen für seine Religion zu erheischen sucht. Oder der Clip von „Bündnis21RPP“, in dem die „innovative Reformpartei“ am Wohnzimmertisch 90 Sekunden Einblick in die „Zukunft mit uns“ gewährt, erfreut über die öffentlich-rechtliche Programmfreiheit. Zuguterletzt die Marxisten von der MLPD, die am Donnerstag gegen 18 Uhr ihren großen Auftritt in der ARD hatten: mit Bildern vom Finanzcrash, Bankentürmen und Hochwasserkatastrophen. Interessant auch der wohl frauenfeindlichste Spot aller Zeiten, der der „Freien Wähler“(zu sehen auf Youtube). Da erwirbt ein Mann auf einer Bank die Gunst einer Frau mit Floskeln aus dem Programm seiner Partei. Guter Stoff auch für Friedrich Küppersbusch, der solche Auswüchse in seiner WDR-Sendung „Tagesschaum“ bis zur Wahl begleitet: „Auch die strengste Emanze wird ganz rollig, wenn man ihr mal entspannt das Programm der freien Wähler vorliest.“

Es gibt noch viel Menschen- und Parteienkunde zu betreiben, bis zum 22. September. Deutlich mehr als bei den jeweils acht Spots der CDU (immer nur Merkel) oder SPD (kaum Steinbrück). Leider geben die Sender vorab nicht bekannt, welche Partei an welchem Tag zu welcher Stunde zuschlägt. Aus teilnehmender Beobachtung lässt sich nur sagen: Schade, dass der Wahlkampf bald vorbei ist.

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