TV-Zeitreise : High Tea

Die erfolgreiche britische Fernsehserie „Downton Abbey“ kommt ins ZDF. Geboten wird eine Qualitäts-Soap über eine Adelsfamilie kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs.

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Wie eine Reise in eine untergegangene Zeit: Lord Grantham (Hugh Bonneville) und seine aus den USA stammende Ehefrau Cora (Elizabeth McGovern). Foto: ZDF
Wie eine Reise in eine untergegangene Zeit: Lord Grantham (Hugh Bonneville) und seine aus den USA stammende Ehefrau Cora...Foto: Nick Briggs

Das waren Zeiten: „Wiedersehen in Brideshead“ (1981), „Das Haus am Eaton Place“ (1971) sowie zahlreiche Jane-Austen- und Geschwister-Brontë-Adaptionen. Zeitreisen in untergegangene Epochen, in eine Welt verlorener Werte und abhanden gekommener Moralansprüche. Früher, damals, einst – als alles besser war, als auf die Menschen und die Dinge noch Verlass war. So der Anschein. Eben wie zu Zeiten von „Downton Abbey“. Nun läuft – zweieinviertel Jahre nach ihrer Erstausstrahlung im englischen Fernsehsender ITV im Herbst 2010 – die Erfolgs- und Ausnahmeserie im deutschen Fernsehen: Das ZDF zeigt sie zu Weihnachten, alle sieben Folgen der ersten Staffel. Endlich! Lange, allzu lange musste der deutsche Fernsehzuschauer darauf warten, wurde die Serie doch weltweit allenthalben ausgestrahlt und in 200 Länder verkauft. Das hat selbst Longseller „Derrick“ mit seinen über 110 Ländern nicht geschafft.

In England lief derweil bereits die dritte „Downton Abbey“-Staffel, mit gleich bleibendem Erfolg. 25 Folgen gibt es bisher. Die vierte Staffel befindet sich in Vorproduktion. Ein Epos über eine Familie, welches narrativ im Jahre 1912 einsetzt, noch vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges, entwickelte sich in Großbritannien zum Straßenfeger in Durbridge-Manier. Wahrscheinlich sitzt selbst die Queen vor dem Bildschirm im Buckingham Palace.

Der geradezu sensationelle, singuläre Erfolg der Serie ist ein Phänomen. Eines, das eine Sehnsucht zu befriedigen scheint. Nach Traditionen. Nach einem ein wenig aus der Mode gekommenen Genre auch. „Downton Abbey“ stellt gewissermaßen eine Art Vorläufer zu Erfolgsserien à la „Dallas“ oder „Denver“ dar: Eine Qualitäts-Soap über die Hochs und Tiefs einer Großfamilie, über Liebschaften und Intrigen, über soziale Unterschiede und daraus resultierende Missstände. Kern der epischen Erzählung ist die feine adelige Upper Class, die Familie der Crawleys, die auf Downton Abbey lebt. Robert Crawley, Lord Grantham (Hugh Bonneville), ist das Familienoberhaupt, ein sanfter, verständiger, gutherziger Mann, der vor vielen Jahren die Amerikanerin Cora (Elizabeth McGovern) ehelichte und mit ihr drei Töchter zeugte, eine schöner als die andere.

Besonders die aparte Lady Mary (Michelle Dockery) hat es der Männerwelt, die auf Downton Abbey ein- und ausgeht, angetan. Und da wäre die einfachere Lower Class, das Personal, die Dienerschaft, die vom Butler Charles Carson (Jim Carter, „My Week with Marilyn“) über die Hausdame Mrs Elsie Hughes (Phyllis Logan) und den wunderbar unprätentiös und zutiefst humanistisch agierenden Kammerdiener John Bates (Brendan Coyle) bis hin zu den Kammerzofen und Küchenmädchen biografisch genau durchdekliniert ist. Eine jede dieser Figuren hat ihr Eigenleben, ihre Geschichte. Die Krönung dieser famosen Darstellerriege: Die einzigartige Maggie Smith („Tod auf dem Nil“, „Das Böse unter der Sonne“) in dem Part der Violet Crawley, Countess von Grantham, Mutter des Lords. Störrisch und besserwisserisch, hochnäsig und snobistisch, viktorianisch bis auf die Knochen. Ein messerscharfer Blick von ihr kann Schweigen auf ganz Downton hervorrufen. Eine Bravourleistung, für die die inzwischen 78-jährige Maggie Smith mit dem Emmy ausgezeichnet wurde.

Betörend schön und voller Pracht die Ausstattung, das Dekor, die Kostüme. Von der Landschaft und dem eigentlichen Schloss – gedreht wurde und wird auf dem realen Highclere Castle im südwestlich von London gelegenen Hampshire – einmal ganz abgesehen. Alles ist von allerhöchster Präzision, vollendeter Detailgenauigkeit und historischer Authentizität. Die Roben rascheln, die samtroten Tapeten atmen den Duft dieser aristokratischen Welt. Ein Genuss für die Sinne. Und darauf basiert schließlich das ganze Unternehmen: Das Drehbuch von Julian Fellowes – oscarprämiert für Robert Altmans „Gosford Park“ – ist absolut wasserfest, kein Dialog zu viel, keine Szene obsolet, alles sitzt und passt und ist von einer bestechenden Stringenz. Darauf können Regie (Brian Percival, Ben Bolt, Brian Kelly) und das wunderbare Darstellerensemble aufbauen.

„Downton Abbey“, dieses süßliche Panoptikum eines Untergangs, mit Golden Globes und Emmys verdient dekoriert, ist rares Qualitätsfernsehen, ist Britishness vom Allerfeinsten.

„Downton Abbey“, Erste Staffel, sieben Folgen, ZDF, Sonntag, 17 Uhr 05 sowie 25. Dezember, 16 Uhr 35, und 26. Dezember, 17 Uhr 10

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