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Twitter tut weh : Piratin wirft nach TV-Auftritt hin

03.12.2012 12:01 Uhrvon
Für ihren Live-Auftritt bei der ZDFinfo-Sendung „log in“ kassierte die gehörlose Julia Probst gehässige Tweets. Screenshot: TspBild vergrößern
Für ihren Live-Auftritt bei der ZDFinfo-Sendung „log in“ kassierte die gehörlose Julia Probst gehässige Tweets. - Screenshot: Tsp

UpdateDie Piratin Julia Probst ist gehörlos. Als "Lippenleserin" arbeitet sie fürs Fernsehen, auf Twitter wurde sie so zur Berühmtheit. Doch nach einem Auftritt in der ZDFinfo-Sendung "log in" wird sie über den Kurznachrichtendienst verspottet - und zieht daraus Konsequenzen.

Tief enttäuscht saß die Piratin Julia Probst in einem Hotelzimmer in Berlin und beendete eine politische Karriere, die noch gar nicht richtig begonnen hatte: „Ich habe beschlossen, dass ich mich sehr wahrscheinlich zurückziehe von allem, was mir wichtig ist“, twitterte sie. „Sollen doch andere den Scheiß selber machen – genau die Menschen, die über mich lästern und falsche Gerüchte in die Welt setzen, sich laut über meinen Sturz freuen.“

Julia Probst ist 31, Aktivistin und gehörlos. Während der Fußball-WM 2010 wurde Probst bekannt, weil sie unter @EinAugenschmaus einen „Ableseservice“ anbot – sie las Trainern und Spielern von den Lippen ab.

2011 zählte der US-Fernsehsender ABC sie zu den wichtigsten Twitterern, weltweit. Die Medien berichteten über die außergewöhnliche Frau, die Fußball toll findet und sich bloggend und twitternd für Barrierefreiheit und Inklusion einsetzt. Doch Probst wollte mehr. Ende September wurde sie auf dem Parteitag der Piraten in Baden-Württemberg auf den dritten Listenplatz gewählt. Sollte die Partei bei der Bundestagswahl 2013 über die Fünf-Prozent-Hürde kommen, säße Probst im Parlament – als erste gehörlose Abgeordnete. Und wieder waren die Medien da. „Löws Lippenleserin rüttelt am Bundestag“, titelte der „Stern“, „Sie zeigt“s allen“ schrieb die „Zeit“.

Am vergangenen Mittwoch hatte Julia Probst ihren ersten Liveauftritt im Fernsehen, bei „log in“. In der ZDFinfo-Sendung ging es um die Zukunft der Piraten; Ulf Poschardt von der „Welt“ war da, der bayerische Pirat Bruno Kamm und die Journalistin Annett Meiritz. Probst sah gut aus, sie trug einen orangenen Blazer, Jeans, Pumps. Den Applaus konnte Probst nicht hören, „aber ich habe ihn gespürt“. Sie kann sprechen, ihre Stimme ist hoch und hört sich ein bisschen verzerrt an. Am Morgen nach der Sendung las sie folgende Tweets: „Pass mal auf, @EinAugenschmaus wusste vielleicht bis gestern gar nicht, wie blöd sie wirkt, wenn sie ihre Laute von sich gibt“, dann: „… Und wenn @EinAugenschmaus klug ist, stellt sie es ab, wenn nicht, muss sie damit leben, daß Leute drüber lachen!“ @Xylophilon ist der Autor, 69 Follower hat er. Julia Probst folgen mehr als 22 000 Menschen – und so fiel schnell auf, als ihr Account nicht mehr da war. „Ich wollte meine Follower nicht vor den Kopf stoßen“, sagt sie. „Aber ich brauche eine Auszeit.“ Probst hat ihren Twitter-Account nicht gelöscht, nur deaktiviert. „Vielleicht“, schrieb sie, „ trete ich von meiner Kandidatur zurück.“

Anfangs verschwieg sie, dass sie gehörlos ist – sie wollte als Julia Probst wahrgenommen werden und nicht als Mensch mit Behinderung. Anderen mag das Internet Angst machen, für Julia Probst bedeutet es, gleich zu sein. Gleich zu sein mit jenen, die ihre Stimme beherrschen.

Zwei Tage nach der Sendung sitzt sie vor dem Berliner ZDF-Studio, dort, wo sie vermeintlich gestürzt ist. In ihrem Blog hat Probst geschrieben: „Das ganze Team war toll.“ Auf ihrer Umhängetasche ist ein Button, „Flausch“ steht da drauf. In der Netzwelt bedeutet „Flausch“ Lob, viele haben Probst geflauscht. Die Piratin Anke Domscheit-Berg twitterte: „Ich hoffe sehr, dass @EinAugenschmaus nicht nur auf Twitter, sondern auch als Politikerin wieder auftaucht. Wir brauchen sie!“ Julia Probst sagt, dass ihr dieser Zuspruch guttue. „Jeder, der in der Öffentlichkeit steht, ist angreifbar, das ist mir bewusst.“ Aber es gebe Bereiche, die seien tabu. Ihre Stimme ist so ein Bereich. Sie weiß, dass sie mit Training besser sein könnte, aber sie mag Logopäden nicht besonders. „Vielleicht sollte ich es trotzdem tun, dann wäre ich weniger angreifbar.“

Inzwischen haben hunderte Probsts Blogeintrag kommentiert. „Dein Auftritt war super“, ist da zu lesen. Und: „Lass dich nicht entmutigen!“ Die Auszeit muss kein Ende bedeuten, das „sehr wahrscheinlich“ in ihrem enttäuschten Eintrag ist kein „definitiv“. Der Zuspruch scheint Probst gerührt zu haben. Inzwischen ist ihr Twitteraccount wieder aktiv - ein bisschen zumindest. "Mir geht es gut und ich möchte mich bei euch allen für euren Zuspruch bedanken", schreibt Julia Probst vor wenigen Stunden. Bei der Auszeit möchte Sie jedoch bleiben: "Ich nehme mir aber eine Auszeit und schaue dann, wie es weitergeht. Der Account ist also nur reaktiviert, noch nicht ganz 100% in Betrieb."

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