Umfragethema "Flüchtlinge" : "Wir erleben eine emotionale Polarisierung"

Umfrageninstitute wie infratest dimap messen die Stimmung in der Bevölkerung. Beim Thema "Flüchtlinge" machen sich die Leute gerne Luft

Christof Bock
Sehnsuchtsort Deutschland. Aber kommen zu viele Flüchtlinge? Das Thema polarisiert, wie Umfragen zeigen
Sehnsuchtsort Deutschland. Aber kommen zu viele Flüchtlinge? Das Thema polarisiert, wie Umfragen zeigenFoto: dpa

Die Umfragen von Demoskopen sind für Politik und Medien ein wertvoller Gradmesser, wie die Stimmung in der Bevölkerung ist. Ganz nah dran sind die Menschen im Call Center, die die Bürger daheim anrufen und um ihre Meinung bitten. Obwohl es in der Regel nur um ein „Ja“ oder „Nein“ geht, machen sich die Leute beim Thema "Flüchtlinge" gern Luft. „Es gibt mehr Redebedarf“, sagt Nico Siegel, Managing Director der TNS Infratest Sozial- und Politikforschung und Geschäftsführer von infratest dimap, im dpa-Interview. Es sei „eine emotionale Polarisierung in beide Richtungen“ festzustellen.

Herr Siegel, auf welche Stimmung treffen Ihre Interviewer am Telefon?

Wir haben gestern mit rund zwei Dutzend Interviewern und Interviewerinnen gesprochen, und zwar in einem unserer Telefonstudios in Berlin, wo wir unter anderem den „ARD-DeutschlandTrend“ durchführen. Im „ARD-DeutschlandTrend“ erheben wir ja ausschließlich Fragen, die sich um das politische Geschehen drehen. Das Feedback war: Was wir bei den Ergebnissen sehen, spiegelt sich auch im Interviewverlauf. Die Diskussion ist sehr emotional, es gibt zunehmend zwei Lager. Es passiert einerseits, dass wir im Interviewverlauf sehr negative Rückmeldungen bekommen. Also: „Wir haben schon ohnehin zu viele Ausländer. Wie soll denn das alles funktionieren? Frau Merkel muss weg!“, heißt es dann auf der einen Seite. Auf der anderen Seite heißt es: „Frau Merkel macht einen sehr guten Job. Wir brauchen doch mehr Zuwanderung, um den Fachkräftemangel zu bewältigen. Man sollte eigentlich viel mehr gegen die rechten Ränder tun, Pegida et cetera.“ Wir erleben letztendlich eine emotionale Polarisierung in beide Richtungen.

Wie äußert sich das konkret?

Die Emotionalisierung zeigt sich unter anderem dadurch, dass die Menschen, die ja eigentlich auf eine geschlossene Frage antworten sollen, etwa „Macht es Ihnen Angst, dass im Moment viele Flüchtlinge nach Deutschland kommen?“, dann nicht sagen „Ja“ oder „Nein“, sondern anfangen zu reden. Die wollen dann erzählen. Und das zeigt vor allem, dass wir eine hohe emotionale Betroffenheit in der Bevölkerung sehen. Die ist außerordentlich hoch und auch deutlich höher, als das in „normalen“ Zeiten der Fall ist. Das zeigt, dass die Flüchtlingsdiskussion die Menschen enorm bewegt. In welche Richtung, ist sehr unterschiedlich.



Es gibt also mehr Redebedarf als gewöhnlich?

Es gibt mehr Redebedarf, weil es viele Menschen gibt, die in ihrem mittelbaren und unmittelbaren Umfeld bestimmte Betroffenheit für sich in Anspruch nehmen können, weil in ihrer Gemeinde, in ihrem Dorf, in der Stadt an bestimmten Stellen Zugewanderte und Flüchtlinge untergebracht werden - oder eben auch - in den neuen Bundesländern - es Menschen gibt, die sich sehr besorgt äußern über das Ausmaß von Demonstrationen mit überwiegend rechtem Potenzial. Beides. Jedenfalls: auch im privaten Umfeld der Menschen wird sehr viel über das Thema „Flüchtlingskrise“ diskutiert.

Können Sie sich erinnern, dass es ein Thema gab, dass die Leute derart emotionalisiert hat?

Mit Sicherheit hat das Thema "Deutsche Einheit" vor 25 Jahren viele Gemüter noch deutlich mehr bewegt, und mit Sicherheit haben auch Themen wie die Einführung des Euro oder zuletzt die Griechenland-Krise die Menschen „politisch aufgewühlt“. Aber was wir in den letzten Wochen im Zusammenhang mit der Flüchtlingspolitik beobachten, ist doch deutlich überdurchschnittlich.

Also findet eine Mobilisierung statt?

Antwort: Was wir feststellen, ist: Manchmal bei Fragen zur aktuellen Politik sagt ein bestimmter Prozentsatz: „Naja, also nicht schon wieder das Thema.“ oder „Ich antworte schon, aber es ist eigentlich nichts Neues.“ Im Moment sehen wir das Umgekehrte. Niemand winkt ab und sagt: „Das Thema Flüchtlinge kann ich nicht mehr hören. Da will ich nichts zu sagen.“ Es bewegt die Leute auch in dieser Hinsicht. Es mobilisiert sie politisch. Das Interesse scheint da ein Stück weit zu steigen. Das muss nichts Nachhaltiges sein. Aber im Moment ist durchaus die Flüchtlingsdiskussion eine politische Diskussion, die die Menschen in Deutschland schwer bewegt. Das ist an sich auch ein Wert an sich, unabhängig davon ob man die derzeitige politische Führung in Sachen Flüchtlingspolitik eher positiv oder eher negativ bewertet.

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