Umstrittene Presserat-Entscheidung : "Herkunft nennen? Immer!"

Nicht alle Medien finden gut, dass der Presserat an der Praxis zur Berichterstattung bei Straftaten festhält. Manche wollen künftig sogar konsequent die Nationalität nennen.

von
Ein Mann wird am 01.01.2016 in Köln am Hauptbahnhof von Polizeibeamten abgeführt. Welcher Nationalität?
Insgesamt gab es 31 Beschwerden über die Berichterstattung zu den Übergriffen in Köln.Foto: Markus Böhm/dpa

Wann sollen Journalisten die Nationalität von Straftätern nennen und wann nicht? Der Deutsche Presserat stand hier bislang für relativ große Zurückhaltung – und bleibt dabei. Medien sollen auch künftig nur dann Religion oder Nationalität von Straftätern nennen, wenn es einen „begründeten Sachbezug“ zur Tat gibt. Der Deutsche Presserat lehnte es am Mittwoch ab, die entsprechende Richtlinie 12.1 im Pressekodex zu ändern. Nicht alle Medien erfreut das. Bei vielen bleibt diese Richtlinie umstritten.

Die „Sächsische Zeitung“ erwägt sogar, die Herkunft von Straftätern in der Berichterstattung generell anzugeben. Chefredakteur Uwe Vetterick, der an der Sitzung des Presserats teilgenommen hatte, schlug vor, künftig konsequent die Nationalität zu nennen, egal ob es sich dabei um Deutsche handele oder um Ausländer. Vetterick begründete das mit den Ergebnissen einer repräsentativen Befragung der „Sächsischen Zeitung“: Sie habe gezeigt, dass viele Leser davon ausgingen, die Täter seien Asylbewerber, wenn in der Berichterstattung keine Nationalität genannt werde. Die neue Regelung könnte solche Missverständnisse vermeiden helfen.

Auch „Bild“-Chefredakteurin Tanit Koch bekräftigte ihre Kritik an der Richtlinie. Dahinter stecke eine Art Generalverdacht gegenüber der Bevölkerung, mit gewissen Fakten nicht umgehen zu können. „Wir halten das für falsch, weil die Menschen merken, wenn ihnen etwas verschwiegen wird.“ Helge Matthiesen, Chefredakteur des „General-Anzeigers“ aus Bonn, teilt diese Kritik: „Die Richtlinie ist antiquiert“, sagte er. „Der Presserat hat sich einer Lösung verweigert.“

"Kein Sprachverbot und kein Maulkorb für Redaktionen"

"Unsere Kundenstruktur ist nicht homogen, und die Meinung unserer Kunden ist es auch nicht", sagt ein Sprecher der dpa zum Thema Diskriminierungsrichtlinie. "Bei der dpa nutzen wir die Richtlinie für eine angemessene Berichterstattung, und bei uns wird keine Nationalität oder Kultur verschwiegen, wenn sie dem Verständnis der Meldung dient." Aber wenn sie unnötig ist, gebe es auch keinen Grund, sie zu nennen. "Bei der Heterogenität der Kunden gibt es natürlich zuweilen Zweifelsfälle. Dann nennen wir die Nationalität im Notizblock, und die Kunden können entscheiden, ob sie den Artikel ergänzen oder nicht. Wir machen uns nicht die Illusion, dass es eine Variante gibt, die alle glücklich macht.“

Die Bundesgeschäftsführerin der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union (DJU), Cornelia Haß, indes begrüßte das Festhalten des Presserates an der Richtlinie. „Die Richtlinie bleibt, wie sie ist“, sagte Lutz Tillmanns, Geschäftsführer des Presserats zur dpa. „Es gab eine ganz breite Mehrheit dafür.“ Zuvor hatte das Selbstkontrollorgan in nicht-öffentlicher Sitzung diskutiert. „Wir sind überzeugt, dass wir sie nicht ändern müssen“, sagte Tillmanns. „Sie ist kein Sprachverbot und kein Maulkorb für Redaktionen.“ Es gebe allerdings bei vielen Medien eine große Unsicherheit. „Wir haben das nicht nur zur Kenntnis genommen. Wir wollen den Redaktionen jede erdenkliche Hilfestellung geben.“ Gedacht sei unter anderem an einen Leitfaden mit Kriterien für Entscheidungen im Redaktionsalltag: „Er soll zügig fertig werden, innerhalb der nächsten Monate.“

Der Chefredakteur der „Rhein-Zeitung“, Christian Lindner, bedauerte hingegen die Entscheidung: „Wir werden uns an die Richtlinie 12.1 nicht mehr gebunden fühlen.“ Lindner kündigte eigene Empfehlungen für seine Redaktion an, „die hilfreicher sein werden als die aus der Zeit gefallene Richtlinie 12.1“. Und er betonte: „Wir werden unseren Redakteuren die Sicherheit geben, dass sie künftig keine Probleme bekommen, wenn es aufgrund unserer eigenen Richtlinie Rügen oder Missbilligungen des Presserates geben sollte.“

Autor

30 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben