Medien : Unbequem, unberechenbar

40 Jahre „Monitor“, das sind vier Jahrzehnte kritischer Magazin-Journalismus / Von Claus Richter

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„Wenn sie predigen wollen, gehen sie in die Kirche“, so pflegte Claus Hinrich Casdorff, der Gründervater von „Monitor“, seine jungen Redakteure zu begrüßen und seine alten zu ermahnen. Dahinter stand die Ablehnung, ja Verachtung für den in Deutschland verbreiteten Gesinnungsjournalismus, der die Grenzen zwischen Meinung, Analyse und Bericht bewusst verwischt. Casdorff und andere Pioniere im jungen Fernsehjournalismus der Bundesrepublik hatten ihr Handwerk noch bei der britischen Besatzungsmacht in Gestalt der BBC gelernt.

Das Nachrichtenmagazin, ob elektronisch oder gedruckt, ist eine Erfindung der angloamerikanischen Demokratien, konzipiert als Kontrollinstanz der Öffentlichkeit. Die BBC stand auch Pate bei der Gründung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, der sich durch Staatsferne und Unabhängigkeit von irgendwelchen Interessen auszeichnen sollte. Daran zu erinnern ist nötig, denn nicht zuletzt mit dem kritischen Journalismus der Magazine steht und fällt dieser Anspruch.

Das gilt heute wie vor 40 Jahren, als „Monitor“ erstmals auf Sendung ging, unter anderem mit einem musikuntermalten, kommentarlosen Bericht zum Besuch der Queen in Deutschland und einem Kreuzfeuerinterview mit Prinz Louis Ferdinand von Preußen. Seine Hoheit, nach eigener Aussage von Freunden nur „Louis“ genannt, antwortete übrigens vor 40 Jahren auf die Frage, was er in Deutschland vermisse, lapidar: „Selbstvertrauen“. So kurz können Magazinjahrzehnte sein.

„Monitor“ blieb auch danach kein reines Politmagazin. Offen für die ganze Bandbreite gesellschaftlicher Themen war sich die Redaktion stets der Gefahr bewusst, ganz im Sinne von Rudolf Augstein, das Wichtige zugunsten des Interessanten zu vernachlässigen. Eins aber blieb kennzeichnend: die Unabhängigkeit und der Wille, unbequem zu sein, nach allen Seiten auszuteilen, Schwachstellen aufzuspüren, den Verantwortlichen auf die Finger zu schauen und auf die Füße zu treten. Wenn ein Magazin keine Dementis, einstweiligen Verfügungen, Fernsehrats-Beschwerden oder parlamentarische Anfragen auslöst, nimmt es seine Arbeit entweder nicht ernst oder ist zu furchtsam. Dabei braucht sich „Monitor“ wenig Sorgen zu machen. Mit derlei ist seine Geschichte gepflastert.

16 Jahre leitete Claus Hinrich Casdorff das Magazin, danach folgten Gerd Ruge, Klaus Bednarz und Sonja Mikich, im Vergleich zu anderen Magazinen bemerkenswert wenige Chefs für 40 Jahre. „Monitor“ blieb so etwas wie der primus inter pares in der ARD-Magazinwelt, wegen der Qualität der Beiträge, aber auch, weil es gestandene, nicht zufällig auslandserfahrene Journalisten prägten.

Dies allerdings auf eine Weise, die sich von den Anfangsjahren unterschied. „Monitor“ wurde meinungsfreudiger bis an den Rand eines Meinungsmagazins. Klaus Bednarz bekannte einmal, er wundere sich selbst, dass er jahrelang Pazifismus verbreiten durfte. Ob dies nur erstaunlich oder schon fragwürdig ist, darüber lässt sich auch unter Wohlmeinenden trefflich streiten.

„Monitor“ jedenfalls fand seine Gemeinde, eine stattliche zumal, und praktizierte Standpunktfestigkeit auch nach innen, zum Beispiel gegenüber der Leitung des WDR. Bei Abnahmen besetzte die Redaktion den Schneideraum, auch zahlenmäßig sehr geschlossen. So mancher Chefredakteur hat sich sehr einsam gefühlt, nicht nur bei den berüchtigten Glossen, die zum Beispiel das Millionenheer der Lottospieler und den damaligen Finanzminister in Panik versetzten. Von „Fälscherwerkstatt“ war die Rede, so wie 20 Jahre zuvor Franz Josef Strauß von der „Roten Reichsfernsehkammer“ sprach.

Leider – oder Gott sei Dank? – haben sich so schrille Töne gelegt. Die Zeiten, in denen Magazinstücke die Nation erregten, sind vorbei, aber nicht, weil „Monitor“ weniger Biss hätte, sondern weil die Verhältnisse sich schlicht gewandelt haben. Die sechziger und siebziger Jahre, der Kalte Krieg, Wahlkämpfe um Freiheit oder Sozialismus sowie heftige ideologische Richtungskämpfe boten politischen Magazinen reichlich polarisierendes Material. Die Politik war das Schicksal, heute ist das Schicksal der Politik die Wirtschaft.

Bei weitgehender programmatischer Angleichung der ehemaligen Lager geht es um die mehr oder weniger schmerzhafte Rückabwicklung des Wohlfahrtsstaats, um die Bewältigung der schwersten Finanz- und Beschäftigungskrise seit Bestehen der Republik. Auch wenn es manche Medienkritiker und Macher noch nicht wahrhaben wollen: Richtungsmagazine haben wie Ideologien ausgedient.

Der Souverän, das Publikum, weiß das und urteilt entsprechend. Wer unverdrossen auf Parteilichkeit und Richtung setzt, den bestraft regelmäßig die Quote. Gefordert sind saubere, unvoreingenommene Recherche, Investigatives, Berichte aus der Lebenswirklichkeit der Menschen. „Monitor“ verdient seinen anhaltenden Erfolg, wenngleich sich die Kollegen mit der Unberechenbarkeit gelegentlich schwer tun.

Dennoch schätze ich als Leiter des Konkurrenzmagazins „Frontal“ und ehemaliger „Monitor“-Redakteur das Aufmüpfige, das noch in seinen Schwächen Unverwechselbare. Das gemeinsame Ziel ist Aufklärung und die Sensibilität gegenüber Veränderungen unseres journalistischen Umfelds. Neue Gesetze drohen insbesondere die Arbeit kritischer Magazine einzuschränken, wobei die Justiz heute schon die Pressefreiheit weniger liberal interpretiert, als dies vor Jahren der Fall war. Um so befremdlicher, dass die ARD daran geht, „Monitor“ und seine Schwestern zu beschneiden.

30 Minuten statt 45 – das ist mehr als eine Kürzung, es beschädigt den Charakter eines Magazins.

Trotz alledem, liebe Sonja und Kollegen, bleibt streitbar und umstritten. Dem „Erinnerer“ Monitor, dem „Mahner“, noch viele Jahre.

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