"Unter Verdacht" : Schönes Sibirien

Der 23. „Unter Verdacht“-Film verknüpft die Themen Migration, Altenpflege und Sozialbetrug.

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Hiergeblieben. Pflegerin Dagmar (Eva Gosciejewicz) hindert Senior Oleg Kindrachuk (Ryszard Ronczewski) am Verlassen des Heims.
Hiergeblieben. Pflegerin Dagmar (Eva Gosciejewicz) hindert Senior Oleg Kindrachuk (Ryszard Ronczewski) am Verlassen des Heims.Foto: Arte

Verdächtigen mit russischen Straflagern zu drohen, ist sicher keine vorbildliche Vorgehensweise, aber im Film verfehlt sie nicht ihre Wirkung. „Sibirien soll ja sehr schön sein“, sagt Kommissar Langner (Rudolf Krause), was bei seinem Gegenüber, einem Mann mit russischem Pass, Nervosität auslöst. Anschließend bringen die höfliche Frau Dr. Prohacek (Senta Berger) und ihr staubtrockener Kollege Langner den Strippenzieher im Hintergrund formvollendet zu Fall.

Dr. Reiter machen das Herz und ein Immobilienfonds zu schaffen

Wie sich die Großkopferten im letzten Verhör winden, wie sie von zuvor belächelten Beamten vorgeführt und scheibchenweise demontiert werden, das gehört zum regelmäßigen Zuschauer-Vergnügen in der Krimireihe „Unter Verdacht“. Ebenso wie die Gewissheit, dass der Kampf gegen Vetternwirtschaft und kriminelle Geschäftsmodelle nie enden wird. Was man in dieser Folge mit dem Titel „Grauzone“ auch am Vorgesetzten Dr. Reiter (Gerd Anthoff) erkennt, dem zwischendurch das eigene Herz und eine 200.000 Euro schwere Einlage in einem dubiosen Immobilienfonds zu schaffen machen. Einmal kippt er gar in Prohaceks Büro um, doch am Ende tänzelt Reiter beschwingt über die Flure des Münchner Polizeipräsidiums, weil er sich einmal mehr fein herauswinden konnte. Gott sei Dank, man würde ihn vermissen.

Der 23. „Unter Verdacht“-Film handelt vom Geschäft mit der Altenpflege und beginnt mit einem Unfall: Max Söllner (Roland von Kummant) vom städtischen Sozialreferat befragt ein altes, aus Russland stammendes Ehepaar. „Sie sind unsere letzte Rettung“, sagt der Mann in dem Gespräch, das Söllner auf Video aufzeichnet. Vor der Haustür gerät Söllner mit einem anderen Mann aneinander – und läuft vor ein Auto. Der Kontrahent nimmt Söllners Tasche mit. Er ist der Leiter eines Pflegedienstes, der in dem Gebäude zahlreiche Russlanddeutsche betreut.

Prohacek wird als "Verkehrspolizei" abgestempelt

Zur selben Zeit befragen Dr. Prohacek und Langner den Polizisten Peter Söllner (Marc Oliver Schulze), der bei einer Verkehrskontrolle ausgerastet ist. Er wollte den offenkundig angetrunkenen Abgeordneten Hubert Cuntze (Jürgen Tarrach) mit Gewalt zu einer Alkoholprobe zwingen. Peter Söllner ist Max’ Bruder und steht unter besonderem Stress. Dass er seine nach einem Verkehrsunfall gelähmte Frau seit einiger Zeit selbst pflegt, hat er auf der Dienststelle verschwiegen. Zusammenhänge, gar ein Verbrechen sind da bei Weitem noch nicht zu erkennen. „Macht’s ihr jetzt auf Verkehrspolizei?“, spottet Reiter, weil Prohacek im Todesfall Max Söllner ermitteln will.

Eine alternde Gesellschaft, Migration, Pflege-Notstand und Sozialbetrug, dubiose Geschäfte mit Immobilien – das Drehbuch von Isabel Kleefeld (Adolf-Grimme-Preis für „Arnies Welt“) und Oliver Pautsch verknüpft viele Themen miteinander. Trotz der etwas komplizierten Konstruktion wirkt der Film von Regisseur Andreas Herzog nicht überfrachtet. Belehrende Dialoge sind selten, die Pflege-Szenen wirken nicht aufgesetzt. Und auch die Spannung bleibt angesichts eines überaus perfiden Geschäftsmodells erhalten, das erst ganz zuletzt komplett entschlüsselt wird.

„Unter Verdacht – Grauzone“, Arte, Freitag, 20 Uhr 15

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