Medien : Unterkomplex

„Absolute Mehrheit“: Stefan Raab lädt zum Meinungskampf im Flohzirkus.

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Und der Präses blicket stumm ... Unter den Augen von Bundespräsident Joachim Gauck arbeitet sich Stefan Raab durch seine Show „Absolute Mehrheit“. Foto: Henning Kaiser/dpa
Und der Präses blicket stumm ... Unter den Augen von Bundespräsident Joachim Gauck arbeitet sich Stefan Raab durch seine Show...Foto: dpa

Wer bei „Günther Jauch“ Platz nimmt, der will Erster sein, der will den meisten Applaus im Studio und bei den Millionen am Bildschirm. Jede Talkshow ist ein Wettstreit der Meinungen. Hier wird Stimmung gemacht, hier wird um Stimmen gekämpft. Wer bei „Absolute Mehrheit  – Meinung muss sich wieder lohnen“ Platz nimmt, der will im Prinzip nichts anderes. Die neue Talkshow bei Pro 7 hebt den Wettbewerbscharakter nicht nur hervor, sie kommerzialisiert ihn sogleich. Wer das Publikum im Finale zu wenigstens 50 Prozent überzeugt, der steckt 100 000 Euro ein. Grober Unfug? Fernsehen, das die Demokratie prostituiert? Meinung gab ich – Geld nahm ich?

Stefan Raab kann und muss mit solchen Vorwürfen nichts anfangen. Die Themen seiner Premiere waren Steuergerechtigkeit, Energiewende und Soziale Netzwerke. Allesamt Jauch-tauglich. Dass sich beim ARD-Matador Film und Diskussion abwechseln, ist gelebte und leicht überlebte Tradition. Raab hat den Spielfaktor, das Thrill-Moment eingeführt. Wo Jauch nach einer Stunde ein Ende und meist kein Ergebnis hat, da will Raab nach anderthalb Stunden einen Höhepunkt als Ergebnis – den Sieger des Abends küren. Bei „Absolute Mehrheit“ war es da zwanzig nach zwölf geworden. Fünf Kandidaten waren angetreten, nach zwei Runden drei Finalteilnehmer übrig geblieben.

Stefan Raab bestellt und kauft nicht Meinungen für Geld, wie Bundestagspräsident Norbert Lammert kritisiert hatte, Raabs Talkshowspiel ist raffinierter, denn es ist das Publikum, das entscheidet, nach welchen Kriterien auch immer. Für die Polit-Teilnehmer ist es lebensgefährlich, nur nach dem Geld zu schielen. Das Beispiel von SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück lässt die Warnschilder grell leuchten. Unterm Strich: Raabs Sendung belohnt den Meinungskampf, nicht die Meinung. Performance besiegt Profil, Auftrumpfen das Argument.

„Absolute Mehrheit“ steht in der Gefahr, dass Politik plötzlich ganz einfach wird. So einfach wie eine Castingshow. Konsequent entscheiden die Zuschauer per SMS und Telefon, konsequent müssen sie für die Stimmabgabe bezahlen (und können ein Auto gewinnen). Und bei der Bundestagswahl werden sie viel rationaler entscheiden als beim Emo-Shooter von Pro 7.

Der anfangs nervöse und stets breitbeinige Stefan Raab musste erkennen, dass die Parteien Maß genommen und ihn nicht über die Maßen ernst genommen haben. Ob Regierung oder Opposition, ins seriös dekorierte Kölner Studio kam nur die zweite, dritte Reihe: Michael Fuchs (Unionsfraktionsvize), Jan van Aken (stellvertretender Linken-Vorsitzender), Thomas Oppermann (SPD-Fraktionsgeschäftsführer), Wolfgang Kubicki (FDPChef Schleswig-Holstein) und die Unternehmerin Verena Delius. Schmidtchen statt Schmidt. Warum sich die „jungen, politisch interessierten, gut gebildeten Meinungsführer“, die laut Raab alle Raab schauen wollen, damit zufriedengeben sollen, bleibt Moderators Geheimnis. 

Der Lästerbubi, der nach eigener Aussage anderswo nur Phrasendrescher sieht und hört, hat gleich noch eine Klatsche bekommen: Auch seine Gäste neigen zum populistisch bewährten Billigsatz. Raab hat das Phrasen-Bingo nicht verhindert, nicht aufgebrochen. Er muss sich zudem entscheiden – Kommentator oder Moderator? Sein Assi am Bühnenrand, der „Pro Sieben Sat 1“-Nachrichtenchef Peter Limbourg, verstand sich darauf, die Diskussion und den Moderator toll zu finden. Vielleicht dachten Spielführer Raab und Schiri Limbourg, sie würden Löcher in dicke Bretter bohren. Tatsächlich haben sie weitere Löcher in den Redekäse geschossen. Flohzirkus statt Circus Maximus der politischen Showunterhaltung.

Das ist beruhigend: Fernsehen im Format einer politischen Talkshow ist eine echte, eine achtbare Leistung. Stefan Raab hat seine Herausforderung noch nicht bestanden. „Absolute Mehrheit“ ist zu sehr von der Spielanlage beherrscht. Raab sprach oft von einem „sehr komplexen Thema“, komplex sollte es aber nie werden. Drüberfliegen, Scherz machen, Zwischenstand, weiter im Witz. Spaßiger als Jauch, schneller, kurzweiliger, keinesfalls substanzieller. Der FDP-Lautsprecher Talkprofi Kubicki hat schlussendlich gewonnen, mit 42,6 Prozent. Die 100 000 Euro gehen in den Jackpot.

Nun sind Raabs Ehrgeiz, alles zu können und alles besser zu können, gefragt. Stefan Raab ist ein Kampfschwein. No pain, no gain. Das muss seine Devise für die Fortsetzung sein. Denn verdient haben diesen Talk alle: Raab, Politiker, Pro 7, Zuschauer. „Absolute Mehrheit“ holte respektable 1,79 Millionen, „Günther Jauch“ respektable 5,54 Millionen Zuschauer. die Raab-Show punktete deutlicher beim jungen, die ARD-Sendung beim älteren Publikum. In der Summe konnte das Talk-Fernsehen am Sonntag fast 7,5 Millionen Bürger für Politik interessieren. Viel Quote für wenig Inhalt. Geht doch.

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