Medien : „Verachten Sie den Hörer?“

Der RBB baut sich ein neues Kulturradio. Prominente sagen dem Sender, was das Programm leisten muss

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Es gab mal eine Zeit, so Ende der 80er Jahre, als die PopWellen die Formatierung erfanden. Das Programm wurde erst kleingehäckselt und dann paketiert. Angeblich zum Zwecke der Orientierung, tatsächlich aber schaffte damals das Radio das Zuhören ab. Das „Tagesbegleitmedium" war erfunden. Ein Dutzend Jahre und etliche Zeitgeister später will nun der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) das gleiche Schicksal dem aus Radio Kultur und Radio 3 fusionierten Kulturprogramm angedeihen lassen, das zum 1. Dezember starten soll.

Das jetzt vorliegende Konzept – es soll am 8. September vom Rundfunkrat abgesegnet werden – sieht am Wochentag für die zwölf Stunden von sechs bis 18 Uhr eine strenge Formatierung vor. Alle zehn Minuten ein bisschen Wort und ein bisschen Musik, „leichte Klassik" vor allem, begleitet von Allzweck-Moderatoren. In dieses Fließprogramm integriert sind Buch- und CD-Tipps, Frühkritik, „Zeitpunkte", Kurzfeatures und Kurzhörspiele, Rätsel, „Portrait des Tages", Modeerscheinungen, Politik, Musikspiele, Religion und Kirche, massenhaft Nachrichten etc.pp.

Ein Zwitter aus Klassik- und Info-Radio ist geplant. Für kompetente Fachredaktionen ist dabei kein Bedarf mehr, ebenso wenig passt Sperriges auch in der Präsentation in ein derart glattgebügeltes Schema. Von 18 Uhr an und an den Wochenenden darf es auch mal ein bisschen länger dauern, aber nur ganze vier Musik-Termine erstrecken sich am Samstag und Sonntag über zwei Stunden, die weder für die Oper noch für Konzert-Mitschnitte ausreichen. Das Hörspiel muss sich mit 55 Minuten zufrieden geben, was das Repertoire enorm einschränkt.

Verschwunden sind „Noten zur Literatur" und „Kultur-Journal", die „Galerie des Theaters", „Morbach live" (die alte Musik ist der einzige Wachstumsmarkt im E-Musik-Bereich!) und die „Goldberg-Variationen" gibt es voraussichtlich nur noch einmal die Woche. Das sind allesamt Sendungen, die nachdenklich und professionell Analysen betreiben, Hintergründe ausleuchten, Meinung produzieren und damit Orientierung geben.

Ob mit dieser Einstellung auf „veränderte Hörgewohnheiten" tatsächlich ein jüngeres Publikum erreicht werden kann und nicht nur das angestammte zu Deutschlandradio Berlin und zum Deutschlandfunk verscheucht wird, wird sich zeigen.

Der Tagesspiegel hat Vertreter der Kultur in Berlin und Brandenburg gefragt nach ihren Wünschen an ein Kulturradio, das diesen Namen verdient. jbh

Joachim Sartorius, Intendant der Berliner Festspiele: Als Konsument schätze ich den Erziehungsauftrag eines Kulturradios, das sich der Gleichschaltung mit dem entzieht, was uns sonst so umsäuselt. Wenn ich mir ein Kulturprogramm wünschen dürfte, wäre ich maßlos: Jede künstlerische Sparte bekäme einen festen geräumigen Platz, an dem sie sich ausbreiten könnte mit allem Hintergrund, aller genauen Analyse.

Alban Nikolai Herbst, Autor und Publizist : Ich möchte zuhören dürfen. Momente von Spannung erleben bei langen, thematisch durchgängigen Sendungen, die mich dann ruhig auch mal ärgern können. Nichts ist unbekömmlicher, als ständig Buttercremetorte ins Maul gestopft zu bekommen. Adorno hat gesagt: „Die schönen Stellen nehmen überhand". Leider hat er Recht.

Hortensia Völckers, Künstlerische Geschäftsführerin der Kulturstiftung des Bundes: Ich möchte aufgeklärt, überrascht, informiert, bezaubert werden. Kultur im Radio muss uns Zuhörer aus der Planung werfen können, so dass wir nicht aus dem Haus gehen, im Auto sitzen bleiben oder gar den Tag einteilen nach den Sendungen, die wir nicht verpassen wollen. Unentbehrlich für gutes Radio sind kompetente Redakteure und Moderatoren: Sie brauchen nicht nur eine eigene akustische Handschrift, sondern auch soliden professionellen Hintergrund.

Susan Neiman , Direktorin des Einstein-Forums in Potsdam : Das Radio sollte eine Alternative zur MTV-Kultur sein: längerfristige Debatten aufgreifen, vertiefen und durch die Perspektive der Kultur uns jene Möglichkeiten bieten, für die wir politisch agieren: für das „Prinzip Hoffnung", für die Vision einer besseren Welt, fürs emotionale und intellektuelle Wachhalten.

Christoph Stölzl: Ich möchte konfrontiert werden mit Neuem, das ich nicht aus den Feuilletons kenne. Das Radio könnte Pfadfinder sein, um Talente und unbekannte Dinge zu entdecken. Es müsste einen Teppich weben aus wunderbaren Worten und hochkarätiger Musik, von Beethoven, Joan Baez oder Aretha Franklin. Dann wird der zappende Hörer erwischt in seiner Alltagssituation und erfährt Interessantes von unverwechselbaren Stimmen mit einer eigenwilligen Sicht auf die Dinge, die sie selbst erlebt haben.

Frank Schneider, Intendant des Konzerthauses: Ein Lebensbegleitungsweghörradio im Gleichgültigkeits-Mainstream brauche ich nicht. Ich bekenne mich zum Hinhören. Ein Kulturradio muss einen gewissen Extremismus pflegen, sonst ist es keines. Es muss radikal auf die Qualität von Wort und Musik setzen, darf das Publikum nicht unterfordern, sich konsequent der Elite versichern, sonst geht es unter als Dudelwelle zwischen zwanzig anderen Dudelwellen und gibt sich der Bohlenisierung der E-Musik preis.

Barbara Kisseler, Staatssekretärin in der Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur : Ein Kulturprogramm sollte intensiv kultur- und gesellschaftspolitische Themen begleiten, nicht nur als Bericht über Podiumsdiskussionen, sondern Fragen eigenständig aufwerfen und untersuchen. Und das in einer Sprache, die auch Menschen verstehen, die keinen Hochschulabschluss haben. Das geht nicht in drei Minuten, das braucht vielleicht zehn bis 15 konzentrierte, differenzierte Minuten, für die man gern seine Arbeit unterbricht und zum Fenster hinausschaut. Wenn die klassische Musik auch nur noch in Bröckchen zerhackt wird, geht in grinsender Pseudo-Heiterkeit ihr Wesen verloren.

Nele Hertling, Noch-Intendantin des Hebbel-Theaters : Kultur braucht Zeit. Sowohl die Musik, die nicht nur aus einzelnen Sätzen besteht, sondern auch am Tage aus ganzen Werken, als auch das nachdenkliche, fundierte Wort. Gut ausgebildete, seriöse Journalisten haben keine Lust, nur Schnipsel zu verwalten. Ich wünsche mir feste, wiederfindbare Plätze für ausführliche thematische Sendungen, in denen im Gespräch, in Reflexion und Betrachtung das kulturelle Geschehen Berlins begleitet wird - auch in Vorberichten, die so das große Publikum erreichen können.

Ivan Nagel, Publizist : Der Wettbewerb nach unten beginnt nicht erst morgen. Bald gibt es im Radio keine Rede mehr ohne Gedudel und keine Musik ohne Gebrabbel. Dem Hörer wird nur noch ein Satz von den drei Sätzen eines Flötenkonzerts zugemutet - konsumierbar gemacht von einer lispelnden Frauenstimme: „Der rothaarige Priefter war ein Verehrer venefianischer Damen aller Beruftfeige." Sollte das Radio seinen Hörern nicht Hinhören statt Weghören zumuten: Aufmerksamkeit statt jener Dämlichkeit, mit der uns andere Medien (und Mitmenschen) überfallen? Ausnahmen gibt es noch: die klugen, wohlinformierten Berichte der BBC aus der ganzen Welt; oder Musikserien voll Genauigkeit und Liebe (zum Beispiel Joachim Kaiser über Beethoven), die uns kundiges, dankbares Verstehen lehren. Ich frage die Herren und Damen in den höchsten Rundfunketagen: Warum verachten Sie den Hörer?

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