Medien : Verschüttete Liebe

Sebastian Koch und Maria Schrader ringen in einem ARD-Film mit ihrer privaten Katastrophe

Thomas Gehringer

Moritz Jung blickt beruflich unter die Oberfläche, klettert hinab in Erdspalten, verteilt Sensoren, die möglichst jede Regung in der Tiefe wahrnehmen sollen, damit die Menschen vor einem Ausbruch rechtzeitig gewarnt werden können. In das eigene Innere dringt der Vulkanologe jedoch nur bedingt vor. Seine private Katastrophe ist bereits geschehen und Moritz Jung hat die Erinnerung daran verloren. Auch den Willen, sie wiederzufinden. Dass er verdrängt und schweigt, erträgt seine Frau nicht mehr. Der Film „Auf dem Vulkan“ platzt mitten hinein in die Beziehungskrise von Moritz und Eva Jung, ohne dass der offenbar schreckliche Anlass für ihre Entfremdung erläutert würde. Ihre Liebe scheint nicht völlig erkaltet zu sein, doch das Paar wirkt erschöpft, entkräftet von dem Versuch, die gemeinsame Katastrophe zu verarbeiten.

Das Fernsehfilmjahr im Ersten beginnt mit einer bemerkenswerten Besetzung: Sebastian Koch und Maria Schrader spielen die Hauptrollen in diesem Liebesdrama von Claudia Garde (Regie) und Jürgen Wolff (Buch). Vor einem Jahr stand Koch, Darsteller in „Das Leben der anderen“, auf der „Oscar“-Bühne, im Fernsehen ist er vor allem durch die Verkörperung zeitgeschichtlicher Personen zur Institution geworden: als Andreas Baader, Richard Oetker, Klaus Mann, Claus Schenk Graf von Stauffenberg und Albert Speer. Erfreulich, den historischen Herrn Jedermann mal wieder eine gegenwärtige, durch und durch erfundene Figur spielen zu sehen. Maria Schrader, die vor neun Jahren bei der Berlinale den silbernen Bären für „Aimée und Jaguar“ erhalten hatte, war zuletzt mit ihrem Regiedebüt „Liebesleben“ in den Kinos präsent.

Um ein Liebesleben geht es auch hier: Die Filmerzählung folgt Moritz Jung, der einen Forschungsauftrag auf Teneriffa annimmt, in dem Glauben, eine Trennung von seiner Frau sei unvermeidlich. Am Flughafen wird er von der attraktiven Sofia (Laura Manà) abgeholt, die sowohl als Rangerin im Naturreservat als auch als Aushilfe in der Pension arbeitet, in der der Vulkanologe untergebracht wird. Zudem ist sie alleinstehend und hat einen Sohn. Die Figur der Sofia wirkt wie bestellt, eine doch etwas durchsichtige Konstruktion.

Aber der Film bleibt ganz bei seinen Figuren, vollzieht in dieser Dreiecksgeschichte keine Ablenkungsmanöver. Anders gesagt: Ein Vulkan bricht nicht gerade aus. Dafür tasten Kamera (Benedict Neuenfels) und Regie konzentriert und präzise die Seelenlandschaft des Moritz Jung ab, wobei die Bilder von dem schroffen, kargen Vulkangebiet auf Teneriffa durchaus passend wirken. Jedenfalls wird hier eine beliebte Ferieninsel auf eigenwillige Weise fotografiert. Urlaubsidyllen und „Traumschiff“-Kulissen kommen nicht vor. Auch sind in den Gesichtern sowohl von Koch als auch von Schrader die Anstrengungen und die Jahre einer langen Beziehung zu sehen. Hier wurden keine Stars schöner geschminkt, als es die Geschichte erlaubt.

Sebastian Koch gibt anfangs den ausgesprochen mürrischen, menschenscheuen Wissenschaftler. Erst allmählich, durch die Nähe von Sofia und die Aussicht auf einen Neuanfang, findet er ins Leben zurück. Und durch die Nähe des Todes kehrt auch die verschüttete Erinnerung zurück. Das Filmende ist eine von zahlreichen Möglichkeiten, versöhnlich und traurig zugleich. Thomas Gehringer

„Auf dem Vulkan“: ARD, 20 Uhr 15

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