Versöhnung : Opfer trifft Täter

Eine Witwe besucht die Familie des Attentäters, der ihren Mann umgebracht hat. Ein Erstlingswerk über den schwierigen Prozess der Annäherung zwischen Israelis und Palästinensern.

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Genug geweint. Die israelische Witwe im Haus der Familie des Attentäters. Foto: NDR
Genug geweint. Die israelische Witwe im Haus der Familie des Attentäters. Foto: NDRFoto: NDR/Fabian Zapatka/laif Agentur

„Warum hat er das getan?“ Warum geht ein junger Mann morgens aus dem Haus, verabschiedet sich von seinen Eltern wie an jedem anderen Tag. Sagt noch, er käme nicht so spät zurück von der Arbeit und zündet ein paar Stunden später den Sprengstoffgürtel unter seinem Shirt? Acht Jahre nach einem Attentat in Israel sind die deutschen Regisseurinnen Stephanie Bürger und Jule Ott ins Westjordanland gefahren und haben versucht, zu verstehen, was nicht nachzuvollziehen ist. „Nach der Stille“ – das erstaunliche Ergebnis ist am Dienstag im Ersten zu sehen, leider wieder auf einem späten Sendeplatz, der mittlerweile Standard für politische Dokumentationen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen geworden ist.

Der Israeli Dov Chernobroda war Pazifist und Humanist, kämpfte für Verständigung und glaubte an den Dialog zwischen Israelis und Palästinensern. Am 31. März 2002 kam er bei einem Selbstmordattentat in Haifa ums Leben. Der 24-jährige Palästinenser Shadi Tobassi aus dem Westjordanland sprengte sich in dem arabischen Restaurant in die Luft, in dem Dov gerade zu Mittag aß. 15 weitere Menschen starben.

Die Filmemacherinnen wollten wissen: Wie leben die Menschen in diesem Konflikt? Was weiß die eine Seite vom Leid der anderen? Sie treffen die Israelin Yaël Armanet-Chernobroda, Dovs Witwe. Yaël möchte weitertragen, wofür sich ihr Mann eingesetzt hatte. Sie besucht die Familie des Attentäters in den besetzten Gebieten. Die Familie Tobassi traut sich, die Israelin in ihr Wohnzimmer nach Jenin einzuladen. Der Film erzählt die schrittweise Annäherung beider Familien, die getrennt durch eine Mauer und zahlreiche Checkpoints das gleiche Schicksal teilen: Sie müssen ein Leben nach dem 31. März 2002 führen. Herausgekommen ist trotz kleinerer Schwächen – wohl erklärbar wegen einer gewissen Unsicherheit gegenüber der arabischen Kultur – die beeindruckende Studie einer schwierigen Annäherung, die paradigmatisch für den großen, jahrzehntelang währenden Konflikt im Nahen Osten steht. Dieser war zuletzt auch im viel zu wenig beachteten BBC-Mehrteiler „Das gelobte Land“ auf Arte thematisiert worden. „Nach der Stille“ ist ein erstaunliches Erstlingswerk, unterstützt vom „Cinema Jenin“, einem verfallenen Kino, das seit einem Jahr von palästinensischen und internationalen Helfern wiederaufgebaut wird. Ob denn die Familie etwas geahnt habe, fragen die Regisseurinnen, als sie Zakaria Tobassi, Vater des Attentäters, treffen. Der Vater rät ihnen freundlich, Kopftücher zu tragen, wenn die beiden Frauen in den Himmel kommen möchten. Und nein, er habe nichts bemerkt, sagt der religiöse Mann.

„Nach der Stille“, Dienstag, ARD, 22 Uhr 45

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