Vertriebsprobleme bei Zeitungen : „Wir finden derzeit nicht genug Zusteller“

In Berlin gibt es im Moment Schwierigkeiten beim Vertrieb der Abozeitungen. Woran das liegt, erklärt Dieter Bähr, Chef der Berliner Zustell- und Vertriebsgesellschaft.

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Das Objekt der Begierde. Es braucht eine Menge Logistik, bis der Abonnent am Morgen seine Zeitung aus dem Briefkasten holen kann.
Das Objekt der Begierde. Es braucht eine Menge Logistik, bis der Abonnent am Morgen seine Zeitung aus dem Briefkasten holen kann.Foto: imago

Lieber Herr Bähr, wer ist für die Zustellung der Morgenzeitungen in Berlin zuständig?

Wir als BZV, als Berliner Zustell- und Vertriebsgesellschaft sind für die Zustellung aller Berliner Zeitungen („Berliner Morgenpost“, Tagesspiegel, „Berliner Zeitung“) und auch der überregionalen Zeitungen zuständig. Wir bedauern es sehr, dass einige Abonnenten am Morgen nicht ihre Zeitung im Briefkasten haben. Jede Zeitung, die nicht zugestellt wird, ist sehr ärgerlich. Wir arbeiten mit Hochdruck daran, diesen Zustand zu ändern und wieder eine zuverlässige Zustellung zu gewährleisten.

Sind nur einzelne oder sind alle Abonnementstitel betroffen?

Dieter Bähr ist Geschäftsführer der Berliner Zustell- und Vertriebsgesellschaft für Druckerzeugnisse mbH
Dieter Bähr ist Geschäftsführer der Berliner Zustell- und Vertriebsgesellschaft für Druckerzeugnisse mbHFoto: promo

Es betrifft alle Titel, allerdings wirken sich die Probleme nur auf weniger als drei Prozent aller Abonnenten aus. Die Zustellprobleme beschränken sich derzeit auf einige wenige der insgesamt 26 Bezirke in Berlin, überwiegend im Westen der Stadt. Das liegt unter anderem daran, dass es in diesen Bezirken traditionell weniger Nachfragen an Nebenjobs gibt. Allerdings sind die Zustellprobleme in den wenigen betroffenen Bezirken so massiv, dass derzeit einzelne Straßenzüge nicht beliefert werden. Wir prüfen deshalb auch die Möglichkeit, Interessenten an einer Zustelltätigkeit aus anderen Bezirken zum Beispiel aus dem Osten der Stadt über einen Shuttleservice in die unterbesetzten Bezirke zu fahren.

Tatsächlich sind ja nicht nur die Verlage in Berlin, sondern Zeitungshäuser in ganz Deutschland mit dem Problem konfrontiert. Woran liegt es?

Zusteller für Tageszeitungen werden immer schon nur wenige Stunden am Tag frühmorgens eingesetzt. Denn aus Gründen der Aktualität schließen die Redaktionen traditionell möglichst spät und der Leser will natürlich seine Zeitung möglichst früh am Morgen in den Händen halten. Der Job des Zustellers ist deswegen eine Tätigkeit, die als Nebenjob ausgeübt wird, und nicht in Vollzeit. Für diese Minijobs gibt es für geringfügige Beschäftigung eine monatliche Verdienstgrenze. Lohnerhöhungen durch die Einführung des gesetzlichen Mindestlohns und die Erfüllung der gesetzlichen Vorgaben bei der Vergütung der Zusteller führen dazu, dass unsere Zusteller bereits mit geringer Arbeitszeit ihre Verdienstgrenzen erreichen. Daraus ergibt sich ein zusätzlicher Personalbedarf an Zustellern, um Zustelltouren besetzen zu können. Hinzu kommt die außergewöhnlich große Grippewelle, die zu krankheitsbedingten Ausfällen führt. Damit hat sich der Personalbedarf noch zusätzlich verschärft und führt zu den beschriebenen Zustellstörungen in einigen Bezirken.

Saisonal bedingt ist es besonders schwierig, all den zusätzlichen Bedarf und die krankheitsbedingten Ausfälle kurzfristig durch neue Zusteller aufzufangen. Wir finden derzeit nicht genügend Zusteller, die bereit sind, frühmorgens bei Wind und Wetter im Winter eine Zeitung auszutragen.

Ist der geringe Lohn der Auslöser, dass nicht genug Zusteller gewonnen werden können?

Wir bezahlen den im neuen Mindestlohngesetz vorgesehenen Branchenlohn für die Zeitungszustellung. Das neue Lohnniveau ist höher und wird von unseren bestehenden Zustellern akzeptiert, daran liegt es also nicht. Inklusive der steuerfreien Nachtzuschläge ist der Lohn ja auch nicht als gering zu bezeichnen. Vor allem der erhöhte Personalbedarf durch die in der vorherigen Antwort ausgeführten Gründe hat die schwer kalkulierbaren Probleme mit sich gebracht. Hinzu kommt noch der über die Jahre starke Anstieg an Minijobs auch in Branchen, welche tatsächlich Vollzeitstellen schaffen könnten. Damit ist das Potenzial am Arbeitsmarkt für uns geschrumpft.

Zusteller bekommen 6,38 Euro pro Stunde

Wie hoch ist denn der Mindestlohn für die Zusteller?

6,38 Euro pro Stunde, hinzu kommen bei Nachtarbeit steuerfreie Nachtzuschläge von mindestens zehn Prozent, bei der BZV in Höhe von 25 Prozent.

Das ist weniger als in anderen Branchen. Warum?

Der Gesetzgeber hat für Vertriebe, die ausschließlich Presseprodukte ausliefern, eine Übergangsregelung geschaffen. Der Lohn wird in zwei Schritten bis 2017 auf 8,50 Euro angehoben werden. Mit dieser Regelung wurde versucht zu berücksichtigen, dass sich die Wirtschafts- und Sozialpolitik nicht negativ auf die wirtschaftlichen Grundlagen der Pressefreiheit auswirkt. Es gab Befürchtungen, dass die Abonnenten in einigen Gebieten nicht mehr zu betriebswirtschaftlich abbildbaren Konditionen mit Zeitungen beliefert werden können.

Was planen Sie, um die Zustellung in Zukunft sicherzustellen?

In vielen Gebieten, in denen wir vor einigen Wochen Probleme hatten, funktioniert die Zustellung inzwischen wieder einwandfrei. Dafür sind aufgrund der Grippewelle andere Gebiete hinzugekommen, in denen wir Ausfälle verzeichnen. Um dies flächendeckend zu erreichen, ist die Suche nach neuen Zustellern durch eine Vielzahl unterschiedlicher Maßnahmen erheblich verstärkt worden: Zum Beispiel umfangreichere Anzeigenschaltung in allen Mediengattungen (incl. Anzeigenblätter, etc.) der Verlage, Prämienaktion „Zusteller werben Zusteller“, verstärkte Online-Marketing-Aktivitäten auf den besucherstarken Online-Seiten aller Titel, professionelles Bewerbermanagement und -training. Zudem werden alternative Zustellstrukturen aufgebaut, um kurzfristige Lösungen für die Belieferung der Abonnenten umzusetzen. Auch wollen wir verstärkt sozialversicherungspflichtige Beschäftigungen in der Gleitzone schaffen, sogenannte Midijobs, um unser Arbeitsmarktpotenzial zu erhöhen. Wir suchen also Zusteller und freuen uns über Bewerberinnen und Bewerber, die sich gerne auf unserer Internetseite www.bzv-berlin.de informieren und bewerben können.

Wie hoch ist die Zahl der Kunden, die schon auf E-Paper umgestiegen sind?

Viele der betroffenen Kunden haben während der Zustellprobleme auf das E-Paper als Alternative zurückgegriffen, dies haben die Verlage für den jeweiligen Zeitraum selbstverständlich kostenfrei eingerichtet. Nach erfolgreichem Wiederherstellen der Zustellung greifen aber nahezu alle bisherigen Print-Kunden wieder auf ihre gedruckte Zeitung zurück.

Die Fragen stellte Joachim Huber.

Dieter Bähr ist Geschäftsführer der BZV, der Berliner Zustell- und Vertriebsgesellschaft für Druckerzeugnisse mbH.

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