Vom Glück nur ein Schatten : Hommage an die Trümmerfrau

Maria Furtwängler kämpft sich durch „Schicksalsjahre“, ein ZDF-Melodram nach dem Buch von Uwe-Karsten Heye.

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Die Russen kommen! Der Krieg ist endlich vorüber, doch für Ursula, ihre Mutter Martha und die Kinder drohen sogleich neue Gefahren (v. l. n. r. Mika Seidel, Maria Furtwängler, Lea Müller, Rosel Zech). Foto: ZDF
Die Russen kommen! Der Krieg ist endlich vorüber, doch für Ursula, ihre Mutter Martha und die Kinder drohen sogleich neue Gefahren...Foto: Thomas Kost

Nach dem erfolgreichen Historiendrama „Die Flucht“ aus dem Jahr 2007 ist Maria Furtwängler nun erneut als eine deutsche Mutter während des Zweiten Weltkriegs zu sehen. Wieder wird das Leben ihrer Figur durch den Horror der Nazizeit auf den Kopf gestellt, wieder ist sie auf der Flucht und wieder beruht das Ganze auf einer wahren Begebenheit. Die Buchvorlage zu „Schicksalsjahre“ stammt von Uwe-Carsten Heye, dem ehemaligen Redenschreiber Willy Brandts und Regierungssprecher von Gerhard Schröder, der unter dem Titel „Vom Glück nur ein Schatten“ die Geschichte seiner Familie erzählt hat.

1938 heiratete Ursula Engler in Berlin gegen den Willen ihrer strengen Mutter den Varieté-Sänger Wolfgang Heye und bekommt mit ihm zwei Kinder. Doch dann zieht Wolfgang (Pasquale Aleardi) mit der Wehrmacht in einen Krieg, an den er nicht glaubt. Zweimal desertiert er, kommt zunächst ein Jahr ins Gefängnis, danach in eine Strafkompanie. Ursula sucht inzwischen mit den Kindern bei ihren Eltern in Danzig Zuflucht, was einer persönlichen Kapitulation gleichkommt. Auch innerhalb der Familie sind die Frontverläufe spürbar. Während ihr Vater (großartig: Günther Maria Halmer) sich als „Halbpole“ trotzig gegen seine Vereinnahmung als Volksdeutscher wehrt, sind ihre Mutter (Rosel Zech) und ihr Bruder (Wanja Mues) glühende Anhänger des Führers. Ursula arbeitet als Sekretärin im Reichspropaganda-Amt in Danzig und verdient so den Lebensunterhalt für ihre Eltern und ihre Kinder. Als Pianistin begleitet sie einmal sogar die „Lili Marleen“-Sängerin Lale Andersen am Klavier. Schließlich muss sie sich von ihrem fahnenflüchtigen Mann scheiden lassen. Nach Kriegsende gilt Wolfgang als gefallen. Nur vier gemeinsame Jahre hatte das Paar.

Vor den russischen Truppen nach Rostock geflohen, beginnt sie als Sekretärin für die sowjetische Militäradministration zu arbeiten und lernt dort die Sängerin Norah (Dorka Gryllus) kennen. Sie ziehen als Patchworkfamilie zusammen und entscheiden sich 1950, aus der DDR zu fliehen. So landen sie schließlich in Mainz, wo die eine in einer Druckerei und die andere am Opernhaus arbeiten kann. Die Gegensätzlichkeit ihrer beider Lebenskonzepte wird für Ursula jedoch irgendwann unerträglich, und so trennen sich die Wege der beiden Frauen. Erst nach Jahren ruft die ehemalige Geliebte wieder an, weil sie erfahren hat, dass Wolfgang lebt. Er wohnt in Stuttgart, er ist verheiratet. Fast ein Jahr dauert es, bis Ursula mit ihren Kindern dorthin fährt, um herauszufinden, was aus ihm und ihrer Liebe geworden ist.

Drehbuchautor Thomas Kirchner („Das Wunder von Berlin“), der sich eng an die Buchvorlage gehalten hat, möchte jener „schweigenden Mehrheit ein Gesicht geben, die all diese teils menschenverachtende Totalität zugelassen hat, aber deren Verzicht, deren Duldsamkeit, deren Aufbauwillen und -geist letztlich auch wieder den momentanen Reichtum unseres Landes begründeten“.

Das heißt, es geht auch um Schuld und Mitläufertum, um Mut und um Opportunismus. Wie um nichts falsch zu machen, kommt deshalb sehr bald, fast übereilt, ein Satz, den Ursula an ihre erwachsenen Kinder richtet: „Wir sind Teil dieser Schuld.“ Und auch am Ende muss noch einmal ihr überdeutlicher Appell stehen: „Ihr dürft es nie mehr so weit kommen lassen.“

Um das Drehbuch wurde lange gerungen. Wenn Produzent Nico Hofmann („Hindenburg“, „Die Flucht“) von Furtwänglers „bedingungslosem Engagement, ihrer Genauigkeit und Akribie in den vielen Diskussionen zur Vorbereitung des Films“ spricht, kann man sich vorstellen, dass die Schauspielerin ihrem Ruf, besonders kritisch zu sein, hier offenbar gerecht wurde. Sie selbst erzählt davon, wie Hofmann bei den kreativen Auseinandersetzungen als letzte Drohkulisse manchmal gesagt habe: „Also wenn du das nicht spielen willst, dann macht das halt die Katja.“ Damit war wohl Katja Riemann gemeint, was aber nichts daran ändert, dass Furtwängler, die in fast jeder Szene zu sehen ist, vom ZDF als „Idealbesetzung“ gelobt wird.

Allerdings gibt sie ihrer Figur unter der Regie von Miguel Alexandre so viel Selbstbewusstsein und Glamour, dass es schwerfällt, sie als einfache, unpolitische Frau zu sehen, die am Ende ihres Lebens voller Selbstvorwürfe war. Auch die aufwendige Ausstattung und die stilvollen Kostüme, die streckenweise der Zeitschrift „Landlust“ entnommen sein könnten, sind manchmal ein bisschen dick aufgetragen. Dennoch ist „Schicksalsjahre“ vor allem im zweiten Teil ein berührendes Stück Zeitgeschichte und eine Hommage an die Frauen, die nach dem Krieg das Leben weitergetragen haben.

„Schicksalsjahre“, Sonntag und Montag, ZDF, 20 Uhr 15

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