Von Derrick bis Doku : Wieviel Fernsehen darf Youtube?

Dokumentarfilmer Stephan Lamby ermuntert ARD und ZDF, alle verfügbaren Wege zum Zuschauer zu nutzen. Der Spaß hört für ihn dann auf, wenn Youtuber mit den Werken anderer Werbegelder kassieren wollen.

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Kritik an Israel gleich Antisemitismus? Die Doku, die Arte und WDR nicht ausstrahlen wollen, fand über „Bild“ den Weg zu Youtube – auch ohne Ausstrahlungsrechte.
Kritik an Israel gleich Antisemitismus? Die Doku, die Arte und WDR nicht ausstrahlen wollen, fand über „Bild“ den Weg zu Youtube –...Screenshot: Youtube

Herr Lamby, Youtube soll mehr dagegen tun, dass Fernsehproduktionen einfach so bei YouTube eingestellt werden. Ein Youtuber hatte eine TV-Doku mit dem Verweis eingestellt, durch die Rundfunkgebühr sei er quasi Miteigentümer daran. Tatsächlich ist Youtube das große TV-Archiv der Menschheit mit Dokus und Derrick, mit „heute-show“ und „TV-Hits für Kids“. Wie ruinös ist das für die Macher, also zum Beispiel für Dokumentarfilmer wie Sie?

Wir finden das meistens gar nicht gut, wenn Menschen, die ich persönlich gar nicht kenne, ohne Absprache mit uns unsere Fernsehproduktionen bei Youtube online stellen. Das sind manchmal nur Doku-Freaks, oft aber auch Leute, die mit den Filmen Geld machen, indem sie Werbung schalten. Da hört der Spaß auf.

Sie finden es nicht gut, das klingt ziemlich harmlos.

Ich bin gespalten. Wenn ein Film mit großem Aufwand hergestellt und dann von Menschen ohne die entsprechenden Rechte veröffentlicht wird, untergräbt das die wirtschaftliche Basis von Film- und Fernsehproduktionen. Aber wir sind auch Publizisten und als solche daran interessiert, dass unsere Inhalte gesehen werden. Gelegentlich tolerieren wir die Verstöße daher, wenn ein Film – ohne kommerzielles Interesse – über Youtube mehr Aufmerksamkeit bekommt.

Derzeit wird vor allem über die Dokumentation „Antisemitismus in Europa“ diskutiert, weil Arte und der WDR sie nicht ausstrahlen wollen. Für einen Tag stand sie bei „Bild“, nun auch bei YouTube. Finden Sie das in Ordnung?

Ich habe zwar die Diskussion aufmerksam verfolgt, aber von dem Film nur ein paar Minuten gesehen. Das reicht nicht, um zu beurteilen, ob eine solche Urheberrechtsverletzung angemessen ist oder nicht.

Sind Sie schon einmal gegen solche Verstöße vorgegangen?

Ja. Ein Blogger hatte eine Produktion von uns bearbeitet und verunstaltet. Wir haben Youtube darüber informiert, dort wurde es geprüft und dann von der Plattform genommen.

Die Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm moniert, dass speziell ARD und ZDF zu wenig unternehmen, um die Rechte zu schützen, sowohl die der Sender als auch der Autoren und Produzenten. Teilen Sie diese Kritik?

Das lässt sich pauschal nicht beantworten. Es kommt darauf an, wer die Rechte hält. Wenn dies die Sender sind, ist es an ihnen, auf unrechtmäßige Veröffentlichungen zu achten und notfalls auch juristisch gegen Verstöße vorzugehen. Es gibt sicherlich einzelne Sender, die wenig dagegen unternehmen.

Ärgert Sie das?
Ich ärgere mich, wenn ein Youtube-Nutzer ohne jedes Recht und ohne Absprache in einen Film Werbung davor- und dazwischenschaltet, um Geld mit unserer Arbeit zu verdienen. Die Budgets gerade bei Fernsehproduktionen stehen nach wie vor unter Druck, die Autoren bekommen häufig ohnehin nicht das, was sie bekommen sollten. Das ist es etwas Anderes, als wenn jemand etwas auf Youtube veröffentlicht, um es nach der TV-Ausstrahlung der Allgemeinheit zugänglich zu machen. Das kann in Einzelfällen eine lässliche Sünde sein, die kommerzielle Nutzung ohne Genehmigung ist es hingegen nicht.

Nutzen Sie Youtube auch als Archiv und zur Recherche?

Natürlich. Nicht jeder Film ist in einer Mediathek zu finden. Wenn ich sehen will, was jemand vor drei Jahren öffentlich gesagt hat, dann suchen wir selbstverständlich auch auf YouTube.

Auch die Sender unterhalten Youtube-Kanäle.

Das machen wir von Eco Media mit unserer Debatten-Plattform dbate.de auch. Sie baut sogar wesentlich auf Youtube auf. Wir haben keine eigenen Server, sondern nutzen dafür Youtube, auch für die Filme auf unserer Webseite. Aber natürlich nur mit Produktionen, an den wir die Rechte haben beziehungsweise in Absprache mit den Sendern.

Und das findet Youtube gut?

Was sollten sie dagegen haben? Das wirtschaftliche Modell von dbate basiert nicht primär auf Werbung. Wir lizensieren von den Videotagebüchern und Skype-Interviews an andere Online-Plattformen oder Fernsehsender, zum Beispiel für Spiegel Online oder ZDFinfo. Das geht aber auch nur für Produktionen mit entsprechenden Rechten, so wie etwa die langen Interviews mit Frauke Petry oder Heiko Maas, von denen nur ein paar Minuten in die ARD-Dokumentation „Die nervöse Republik“ geflossen sind.

Sollten die Sender also noch mehr auf YouTube machen?

Dieser Ausspielweg gewinnt an Bedeutung. Wenn man nicht nur Interesse an der Produktion und Bezahlung von Filmen hat, sondern auch an der Veröffentlichung und an Debatten, dann sollte man alle verfügbaren Wege nutzen. Und da das für Youtube, Facebook, Twitter und so weiter gilt, sollten sich die Sender und Produktionsfirmen verstärkt darum kümmern. Ich jedenfalls finde das gut.

Das Gespräch führte Kurt Sagatz

Stephan Lamby gehört zu den bekanntesten Dokumentarfilmern Deutschlands und wurde mit diversen Preisen ausgezeichnet. Er leitet zudem die Produktionsfirma Eco Media.

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