Vor der türkischen Parlamentswahl : Die Kraft des Widerstands als TV-Film

Zwei Berlinerinnen reisen für die „Chronik einer Revolte“ in die Türkei. Den Versuch, unparteiisch zu seien, unternehmen die beiden Dokumentarfilmerinnen nicht.

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Proteste in Istanbul. Den klassischen Antagonisten in dem Drama gibt Erdogan selbst, für den Ahmed, Rojda, Melek und die anderen nur das „Gesindel“ vom Gezi-Park sind.
Proteste in Istanbul. Den klassischen Antagonisten in dem Drama gibt Erdogan selbst, für den Ahmed, Rojda, Melek und die anderen...Foto: Arte

„Humor“ steht auf einem Zettel an der Pinnwand von Ayla Gottschlich und Biene Pilavci. Und tatsächlich haben die beiden Berlinerinnen neben Euphorie, Wut und Enttäuschung auch Humor gefunden in Istanbul. Als der Gezi-Park besetzt wurde, zeigte das türkische Staatsfernsehen lieber eine unverfängliche Tier-Dokumentation. Die Demonstranten reagierten mit fantasievollem Spott: Kleine, an die Wände gesprühte Pinguine sind nun eines der Symbole des Widerstands. Allerdings tragen die Graffiti-Pinguine – wie viele Demonstranten – Gasmasken, wegen der Tränengasattacken der Polizei. „Ansteckend und etwas unheimlich zugleich“ erscheint den beiden Filmemacherinnen der bunte Haufen, den sie im Sommer 2013 im Gezi-Park antreffen. Gottschlich und Pilavci sind mittendrin mit ihrer Handkamera, fangen die Energie, die Solidarität und auch die Gewalt auf der Straße ein. Sie habe anfangs „ganz doll Muffensausen“ gehabt, erklärt Pilavci im Film. Später sieht man sie mutig allein auf eine Polizeikette zulaufen, um die Uniformierten aus der Nähe zu drehen. Plötzlich fällt sie um, von einem Stein getroffen.

Wer aber sind die Menschen, die dort gegen die Politik des Präsidenten Tayyip Erdogan auf die Straße gehen? Die Autorinnen begleiten einige der Protagonisten des Widerstands ein Jahr lang mit der Kamera, bis zur Präsidentschaftswahl im Sommer 2014. Nun, wenige Tage vor den Parlamentswahlen in der Türkei am 7. Juni, zeigt Arte ihren auf 58 Minuten gekürzten Dokumentarfilm „Chronik einer Revolte“. Einen Tag nach der Wahl ist die mit 83 Minuten ausführlichere Version als „Kleines Fernsehspiel“ dann noch im ZDF zu sehen.

Die Auswahl an Protagonisten ist ein faszinierender Querschnitt durch eine moderne, debattierfreudige Metropolen-Generation und ein bisweilen auch humorvoller Einblick in ihre Lebensweise. Den kurdischen Studenten Ahmed begleiten die Autorinnen zu einem Philosophiekurs an der Universität, den Armenier Bimen zu seinem verlassenen Elternhaus auf der Jungfraueninsel. Rojda von den „Antikapitalistischen Muslimen“ trägt Schleier, fordert die Einführung der Scharia – und freut sich über die Leute von der Schwulen- und Lesbenbewegung, die ihr im Gezi-Park helfen, das Gebetszelt aufzubauen. Mit dem Journalisten Tamer erhält man als Zuschauer einen Eindruck von der Medienwelt der Türkei. Tamer hatte seine Arbeit verloren, weil er sich der Zensur nicht beugen wollte, heißt es. Jetzt arbeitet er bei einem prokurdischen Privatsender.

Auch seine Freundin Melek, eine Bauingenieurin, hat ihren Job lieber gekündigt, als sich an den Großprojekten der Regierung zu beteiligen. „Aus Trotz“ über das Frauenbild Erdogans hat sie einen Poledance-Kurs belegt. Die Autorinnen quittieren „Meleks Beitrag zur Feminismusdebatte“ mit „Erstaunen“. Und mit Sympathie: Meleks „Mut lässt meinen Wunsch kleiner werden, mir Eier wachsen zu lassen, um als Filmemacherin ernst genommen zu werden“, sagt Biene Pilavci.

Die Filmemacherinnen bleiben nicht im Hintergrund

Die Autorinnen bleiben in diesem Film nicht im Hintergrund. Gottschlich und Pilavci reisen „in die Heimat unserer Eltern“, sagen sie, auch in der Hoffnung, „dieses Land besser fassen zu können“. Vielleicht sei ja ein Leben in der Türkei möglich, in einem Land also, „in dem unsere türkischen Namen nicht auffallen“, sagt Pilavci. Den Mut und die Kraft des Widerstands bewundern die beiden Frauen wohl auch, weil sie Deutschland als „Wohlfühloase“ empfinden. Gerade die persönliche Herangehensweise ist eine Stärke des Films. Wegen der oft erfrischenden Kommentare und weil sie den Blick der zweiten oder dritten Migrantengeneration auf Deutschland und die Türkei reflektiert.

Ohne Zweifel ist diese „Chronik“ damit auch parteiisch. Auf welcher Seite Gottschlich und Pilavci stehen, daran lassen sie von Anfang an jedenfalls keinen Zweifel: „Wir lassen uns die Innenstadt nicht wegnehmen, und knutschen kann man hier auch am besten.“ Beide verstehen sich als Teil der Bewegung, die die Bebauung des Gezi-Parks mit einem Einkaufszentrum verhindern wollte. Den klassischen Antagonisten in diesem Drama gibt Erdogan selbst, für den Ahmed, Rojda, Melek und die anderen nur das „Gesindel“ vom Gezi-Park und vom Taksim-Platz sind.

„Chronik einer Revolte“, Arte, Dienstag, 23 Uhr 15

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