Medien : Vor Gericht

Justizskandale und Sensationsgier – eine Dokureihe

Simone Schellhammer

Bereits der Vorspann der 45-minütigen Filme schreit mit seinen Bildern den Zuschauer an: Mord, brutaler Sex, Leichen, Zuchthaus! Ähnlich wie bereits 2002 mit „Die großen Kriminalfälle“ präsentiert die ARD unter dem Etikett, berühmte bundesdeutsche Urteile aufzuarbeiten, eine Ladung grausiger Sensationsstorys. Mit Akribie, Hintergrundmaterial und juristischem Sachverstand werden finsterste Kriminalgeschichten erzählt, die die Fehler deutscher Gerichte aufzeigen wollen, letztlich aber vor allem Schock-Unterhaltung sind.

Es beginnt heute mit „Die Leiche ohne Kopf“, einem Mordfall von 1957 in Münster. Als die zerstückelte Leiche des Anstreichers Hermann Rohrbach gefunden wird, gerät seine Ehefrau unter Verdacht. Dass ihr Mann homosexuell war, spielte im Prozess keine Rolle. Stattdessen versuchte ein Gutachter nachzuweisen, dass die Ehefrau den Kopf des Toten in ihrem Ofen verbrannt habe. Dazu gibt es immer wieder Bilder einzelner Leichenteile zu sehen. Eine sehr zwiespältige, um nicht zu sagen verlogene Methode: Man gibt vor, als öffentlich-rechtlicher Sender solch drastische Bilder nicht ausschlachten zu wollen – und tut es dann durch eine Hintertür doch.

Stärker durch Spielfilmszenen geprägt ist die zweite Folge: „Mord beim Ave Maria“ (10. Januar) Darin geht es um die schöne Tschechin Eva Mariotti, die 1965 in Hamburg angeklagt wurde, eine reiche Witwe in Eppendorf erwürgt zu haben. Bei den Mordszenen, die mehrmals in verschiedenen Variationen nachgespielt werden, ist man froh, dass diese Filme wenigstens erst um 21 Uhr 45 laufen. Fast hardcoremäßig wird es in „Tödliches Rendezvous“ (17. Januar), einem Lustmord in der Nähe von Offenburg 1953. Im Prozess um den Schlachter Hans Hetzel wurden nicht nur Penisgrößen, sondern auch die Auswirkungen von Analverkehr vor Gericht besprochen. Der Film greift dieses Thema detailreich auf und spart nicht mit langen Einstellungen auf Fotos der nackten Leiche.

„Tod am Bahndamm“ (24. Januar) dokumentiert den Mord an der 17-jährigen Bremerin Carmen Kampa, die 1971 vergewaltigt und erwürgt wurde. Diese Folge ragt insofern aus der Reihe heraus, da ein Verdächtiger gegen den die Kriminalpolizei weiter ermittelt, erstmals zu einem TV-Interview bereit war. Eher standardmäßig ist jedoch auch hier das Bild für die langsam verstreichende Lebenszeit im Gefängnis: ein tropfender Wasserhahn. Und beinahe vermisst man bei „Tod am Bahndamm“ schon den ehemaligen „Stern“-Reporter und Krimiautor Friedhelm Werremeier, der bei zwei der anderen „Justizirrtum!“-Fälle als Zeitzeuge fungiert.

Wer nach all den nackten Leichen noch nicht genug hat und sich die Verbrechensfotos noch einmal genauer zu Gemüte führen will, kann sich dann auch noch an das 240-seitige Buch zur Fernsehreihe halten.

„Justizirrtum!“ ARD, 21 Uhr 45

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