Was den Spreewaldkrimi ausmacht : „Märchen, Mord und alte Seilschaften“

Thomas Kirchner, Erfinder der Spreewaldkrimis im ZDF, über eine mythische Region und ihre aktuellen Probleme.

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Zwei junge Menschen starben bei einer Explosion im Hochwald. Verdächtigt wird Ex-Soldat Timo Schwalm (Rick Okon, hinten). Kommissar Krüger (Christian Redl) ermittelt im neunten Spreewaldkrimi „Spiel mit dem Tod".
Zwei junge Menschen starben bei einer Explosion im Hochwald. Verdächtigt wird Ex-Soldat Timo Schwalm (Rick Okon, hinten)....Foto: ZDF und Julia von Vietinghoff

Herr Kirchner, in Berlin und Brandenburg hat der Spreewald als Naherholungsgebiet eine lange Tradition, außerhalb der Region verbinden jedoch immer mehr Menschen die Gegend vor allem mit den Spreewaldkrimis, die seit 2006 im ZDF laufen. Warum ist der Spreewald ein solcher Glücksfall für einen Drehbuchautor?

Der Spreewald ist mehr als eine Kulisse, er ist Mitspieler. Da springt keiner ins Auto und rast los. Dort fährt man im Kahn. Der Spreewald ist zudem eine geschichtsträchtige, ja verwunschene Landschaft. Da stehen moderne Häuser neben halb verfallenen Gebäuden.

Und das hat das ZDF im fernen Mainz sofort erkannt?
Wir drei, Pit Rampelt als Redakteur, Wolfgang Esser als Produzent und ich als Drehbuchautor, waren zunächst auf der Suche nach einer Gegend, die noch nicht totgefilmt war. Rampelt hat den Spreewaldkrimi damals gegen die Widerstände im ZDF durchgesetzt. An die verschachtelten Erzählungen mit Rückblenden und Gleichzeitigkeit von Szenen, Orten und Zeiten hat zunächst keiner geglaubt. Erst nach dem dritten Spreewaldkrimi fiel beim ZDF die Entscheidung, daraus eine Reihe werden zu lassen.

Und welche Nähe hat der Autors zu dieser Region?
Für mich als sozialisierten Ost-Berliner war die Idee tatsächlich nicht so weit entfernt. Früher habe ich meinen Geschwistern auf dem Zeltplatz Gruselgeschichten erzählt. Schon damals mochte ich den Wald lieber als die Stadt und das Wasser mehr als die Berge. Als ich dann im März 2005 für Recherchen zum ersten Film „Das Geheimnis im Moor“ im Spreewald war, ging mir auf, was für eine traumhafte Gegend das ist. Mir wurde zudem klar, dass der Spreewald diese langsame Erzählweise, die ich so mag, geradezu einfordert.

Inzwischen werben die örtlichen Tourismusverbände mit den Drehorten des Spreewaldkrimis.
Zu Ost-Zeiten war der Spreewald eine Urlaubsregion, doch nach der Wende hatten die Menschen zunächst einmal andere Ziele. Der Tourismus im Spreewald erholte sich davon erst langsam. Und genau in diese Zeit hinein fallen unsere Filme. Durch die Krimis konnten wir der Region helfen. Aber der Spreewald hat auch uns geholfen. Inzwischen gibt es auch engere Kooperationen mit der Region.

Inklusive Vorschläge für neue Drehorte?
Mir passiert das tatsächlich. Ich bin mittlerweile zweimal im Jahr dort, da haben sich Freundschaften entwickelt. Man erzählt sich, was hier und dort passiert ist. Ich muss beinahe aufpassen, die erzählerische Distanz und dramaturgische Freiheit nicht zu verlieren. Doch es gibt nicht nur positive Erlebnisse. Wenn den Menschen in unseren Filmen etwas nicht gefällt, werden uns auch schon mal die Türen vor der Nase zugeknallt. Schließlich geht es in den Filmen um Mord und Totschlag, um alte Seilschaften. Und einiges davon ist noch virulent in der Gegend – wie überall im Osten. Nicht alle freuen sich, wenn davon erzählt wird.

Werden sich nach dem neuen Krimi noch mehr Spreewaldbewohner ärgern?
Das glaube ich nicht. Bislang wurde der Spreewald durch seine Andersartigkeit, seine Märchen, Mythen und Sagen und das sorbisch-wendische Element wahrgenommen. Im neunten Krimi fällt die Realität brutal in den Märchenwald ein. Man darf nicht vergessen, dass alle Probleme in der Bundesrepublik auch im Spreewald stattfinden, mitunter sogar in verschärfter Form.

Drehbuchautor Thomas Kirchner.
Drehbuchautor Thomas Kirchner.Foto: Fabian Schellhorn

Im neuen Fall spielt ein junger Afghanistan-Rückkehrer eine Rolle, der unter einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet. Fängt der Hindukusch nun schon hinterm Autobahndreieck Spreewald an?
Das Thema ist mir schon vor Jahren in einem „Spiegel“-Artikel über Afghanistaneinsätze der Bundeswehr begegnet. „Ich warte auf die ersten Mörder“, hat darin ein Bundeswehr-Psychiater gesagt. Aus diesem Thema wollte ich zunächst einen eigenen Film machen, bin damit aber nirgendwo angekommen. Vor zwei Jahren stand in einem anderen Artikel, dass speziell viele Jugendliche aus dem Osten zum Freiwilligendienst der Bundeswehr gehen, weil sie keinen anderen Job finden. Da trifft sich somit alles, der Osten mit der Bundeswehr und letztlich sogar mit Fontanes „Das Trauerspiel von Afghanistan“, das im Film in einer Ballade vorkommt.

Musste der Spreewaldkrimi aktueller, gesellschaftskritischer werden?
Die früheren Spreewaldkrimis beschäftigten sich unter anderem mit den Umbrüchen in der Nachwendezeit. „Spiel mit dem Tod“ ist tagespolitisch die aktuellste Episode. In diesem Maße werden wir das nicht weiterführen, aber wenn es um politische Verflechtungen und Historie geht, habe ich in Pit Rampelt einen Partner, mit dem das gemacht werden kann.

Das ist aber nicht die einzige Veränderung. Zum ersten Mal erzählt Kommissar Krüger, wie immer sehr tiefgründig gespielt von Christian Redl, von seiner Kindheit, ausgelöst von eigenen traumatischen Erlebnissen mit seinem Vater, der seine Zeit als Soldat im Zweiten Weltkrieg nicht verwunden hatte.
Wir haben zwar in Mitteleuropa seit fast siebzig Jahren Frieden, aber Frieden ist geschichtlich gesehen kein Normalzustand. Die älteren Menschen erinnern sich noch an die Menschen, die aus dem Zweiten Weltkrieg zurückgekommen sind. Das sind ihre Väter und Großväter. Damals hieß das noch nicht posttraumatische Belastungsstörung, das waren sogenannte Kriegszitterer. Krüger hat zwar schon früher anklingen lassen, dass seine Eltern ums Leben gekommen sind. Die Überraschung ist jedoch, dass Krüger nun anfängt zu reden.

Ist das der Anfang vom Ende der Reihe?
Natürlich wird es immer schwerer, die große horizontale Erzählung fortzuführen. Für die Figur von Krüger heißt das jedoch zunächst einmal nur, dass er jetzt eine größere Bereitschaft hat, sich zu öffnen, einzugreifen, mehr selber zu agieren, statt wie bislang vornehmlich durch den Spreewald und die Geschichten zu führen. Jetzt ist er angekommen, um zu bleiben und aktiver zu werden.

Und was wird aus dem mythischen Element, das die Fans der Reihe so schätzen?
An Sagen gibt es keinen Mangel. Es geht also garantiert auch wieder in das Traumhafte und Märchenhafte zurück. Aber der Wechsel macht’s.

Das Interview führte Kurt Sagatz.

"Spreewaldkrimi: Spiel mit dem Tod", ZDF, Montag, 20 Uhr 15

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