"Washington Post" unter Jeff Bezos : Politur am Profit

Mehr neue Abonnenten, zusätzliche Reporterstellen: Die „Washington Post“ legt deutlich zu, doch Jeff Bezos’ Ruf als gnadenloser Job-Killer bleibt.

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Im August 2013 übernahm Amazon-Gründer Jeff Bezos die „Washington Post“. Mit mehr Personal will er nun den investigativen Journalismus ausbauen. Foto: AFP, Mandel Ngan
Im August 2013 übernahm Amazon-Gründer Jeff Bezos die „Washington Post“. Mit mehr Personal will er nun den investigativen...Foto: AFP, Mandel Ngan

Ende vergangenen Jahres sorgte die „Washington Post“ für eine kleine Sensation in der von Defiziten und Jobabbau gebeutelten US-Medienlandschaft. Die angesehene Tageszeitung kündigte die Einstellung mehrerer Dutzend Journalisten an und will damit die Gesamtzahl der Reporter auf mehr als 750 erhöhen. Das ist zwar immer noch bedeutend weniger, als „Wall Street Journal“ und „New York Times“ mit ihren jeweils rund 1500 Mitarbeitern zu bieten haben. Doch die Ankündigung schlug dennoch Wellen: Amazon-Gründer Jeff Bezos, der die „Post“ vor vier Jahren kaufte, setzt auf den Ausbau der Online-Berichterstattung und verstärkt gleichzeitig den investigativen Journalismus, für den das Blatt seit der Watergate-Affäre berühmt ist.

Bezos’ Investitionen zahlen sich aus. Mehrmals seit der Amtseinführung von Donald Trump im Januar hat die „Post“ mit Enthüllungsgeschichten die Politik in Washington beeinflusst. So musste Trumps erster Sicherheitsberater Michael Flynn nach einem Bericht der Zeitung über seine Kontakte zum russischen Botschafter in Washington schon nach wenigen Wochen den Hut nehmen. Bezos’ Zeitung ist wie ihr Chef und die meisten anderen großen Blätter in den USA der Regierung von Donald Trump gegenüber kritisch eingestellt.

Die aufgeheizte politische Atmosphäre im Land ist für die US-Zeitungen ein wirtschaftlicher Segen; auch die „New York Times“ meldet steigende Absatzzahlen und hat ihr Hauptstadtbüro in Washington personell verstärkt. Bei der „Post“ geht es ebenfalls steil nach oben. Im vergangenen Jahr habe die Zeitung – auch dank niedriger Abo-Preise – 75 Prozent mehr neue Abonnenten gewonnen als im Jahr zuvor, meldete die Zeitschrift „Politico“. Ende 2015 hatte die werktägliche Auflage bei 432 000 Exemplaren gelegen.

Mit den Neueinstellungen bei der florierenden „Washington Post“ kann Bezos auch sein eigenes Image ein wenig aufpolieren. Der Unternehmer, mit einem Vermögen von mehr als 66 Milliarden Dollar der drittreichste Mensch der Welt nach Microsoft-Gründer Bill Gates und dem spanischen Geschäftsmann Amancio Ortega, hat bei Kritikern den Ruf eines gnadenlosen Job-Killers.

Ausbeutung, Rivalität, firmeninterner Darwinismus

Vor zwei Jahren beschrieb die „New York Times“ in einem Enthüllungs-Dossier über Amazon eine Unternehmenskultur, die von Ausbeutung, gnadenloser Rivalität unter den Mitarbeitern und firmeninternem „Darwinismus“ im Hauptquartier in Seattle geprägt ist.

In Deutschland liefert sich die Gewerkschaft Verdi seit Jahren bittere Auseinandersetzungen mit dem Versandunternehmen. Auch für den Niedergang von Einzelhandelsunternehmen wird der Internet-Riese verantwortlich gemacht. Zudem werden Amazon wie anderen Großunternehmen ausgeklügelte Strategien zur Steuervermeidung vorgeworfen.

All dies hat dem Ruf von Bezos und Amazon ernsthaft geschadet. Als das mit dem Online-Versand von Büchern groß gewordene Unternehmen vor Kurzem in Boston seinen ersten Buchladen aus Stein und Glas eröffnete, berichtete die Zeitung „Boston Globe“ von Kunden, die von sich selbst sagten, sie hätten ein schlechtes Gewissen, wenn sie bei Amazon etwas kaufen.

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, wie wichtig Bezos’ neue Erfolge sind. Er lässt nicht nur die „Washington Post“ nach neuen Mitarbeitern suchen. Amazon selbst will bis Mitte kommenden Jahres in den USA zusätzliche 100 000 Jobs schaffen und damit auf eine Personalstärke von 280 000 wachsen.

Zu Bezos’ neuen Projekten gehört „Amazon Go“ – Supermärkte ohne Kassen und deshalb auch ohne lästiges Warten in der Schlange. Pläne für „fliegende Warenhäuser“ – Luftschiffe, von denen Drohnen zur Belieferung von Kunden starten – sorgen ebenfalls für Schlagzeilen. Jetzt greift Bezos auch noch nach den Sternen. Mit seiner Weltraumfirma „Blue Origin“ will der Amazon-Chef die regelmäßige Versorgung einer künftigen menschlichen Siedlung auf dem Mond gewährleisten.

Nachricht über neue Jobs und technische Innovationen dürften Präsident Trump freuen, der den Amerikanern mehrere Millionen neue Arbeitsplätze und ein neues Wirtschaftswunder versprochen hat, doch Bezos wird sich kaum für Trumps Zwecke einspannen lassen. Der 53-Jährige ist schon lange ein Kritiker des Rechtspopulisten.

Trotz aller Bemühungen sehen manche Bezos-Gegner in dem Unternehmer weiterhin vor allem einen Vernichter von Arbeitsplätzen. Die „New York Post“ warf Bezos vor, „Amazon Go“ sehe höchstens zehn Mitarbeiter in den hochmodernen Warenhäusern vor. Bezos dementierte – doch es nützte nicht viel. Wenn das Konzept umgesetzt werde, „könnte dies das Aus für Kassierer in der gesamten Einzelhandelsbranche bedeuten“, befürchten Kritiker.

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