WDR-Experiment "Supernerds" : Wacht auf, Überwachte!

Überwachung als emotionale Erfahrung: Der WDR wagt mit „Supernerds“ ein crossmediales Live-Experiment.

von
Wer schaut und hört mit ? Eine Flugdrohne am Berliner Funkturm. Foto: WDR
Wer schaut und hört mit ? Eine Flugdrohne am Berliner Funkturm. Foto: WDRFoto: WDR/Gebrüder Beetz Filmprodukti

Am Donnerstagabend bleiben die Handys im Kölner Schauspiel ausnahmsweise mal angeschaltet. Das Theaterstück „Supernerds“ wird sogar eigens von Moderatorin Bettina Böttinger mehrfach unterbrochen werden, damit ein Team aus Computerexperten hinter den Kulissen „ein paar Späßchen“ mit den Zuschauern treiben kann, wie Produzent Christian Beetz formuliert. Zum Beispiel sollen die Mobilfunkgeräte der Zuschauer aufleuchten, die auf der linken Rheinseite wohnen, danach die der rechtsrheinischen. Die Idee, alle Handys ferngesteuert zu aktivieren, deren Besitzer in der vergangenen Woche Pornoseiten im Netz aufgesucht haben, haben Juristen und Datenschutzexperten den Machern ausgeredet. Möglich wär’s gewesen, und noch viel mehr. Dafür genügten die Daten, die die Besucher bei der mit dem Ticketkauf verbundenen Anmeldung ausgehändigt haben: Name, Mailadresse, Mobilfunknummer.

„Supernerds“ ist ein crossmediales Experiment zum Thema Überwachung. Zum einen werden die linearen Verbreitungswege bei einem Live-Ereignis genutzt: Der WDR überträgt in Fernsehen, Hörfunk (WDR3) und per Stream im Netz den Theaterabend in Köln mit einem neuen Stück von Angela Richter. Die Regisseurin montiert Aussagen und Texte von Whistleblowern wie Edward Snowden und Daniel Ellsberg oder Wikileaks-Gründer Julian Assange; auf der Bühne agieren Schauspieler.

Für Richter sind Whistleblower „Spielverderber“, die die von Regierungen und Medien aufrechterhaltene „Wirklichkeitsfiktion“ torpedieren. Zum anderen wird das Publikum über ein Online-Spiel, ein „Sudden Life Gaming“, miteingebunden. Aber auch wer an dem Spiel nicht teilnimmt, soll das Geschehen auf der Bühne beeinflussen können. Richter hofft darauf, „den Menschen wirklich begreiflich zu machen, was Überwachung bedeutet“, wie sie im WDR-Hörfunk erklärte.

Besorgte Anrufer melden seltsame Botschaften

Persönlich erfahrbar soll das reichlich abstrakte Thema insbesondere durch das „Sudden Life Gaming“ werden. Seit einigen Wochen haben sich nach Beetz’ Angaben mehrere tausend Menschen über die Website www.supernerds.tv angemeldet. Wer mitmacht, erhält SMS und Anrufe mit seltsamen Botschaften. Mal enthalten sie Informationen, die sich aus persönlichen Daten des Spielers speisen. Mal wird angekündigt, ab nun würden sämtliche Telefonate abgehört. Oder der in Berlin lebende Netzaktivist Jake Appelbaum meldet sich mit in verschwörerischem Tonfall gehaltenen Postkarten. Manchem hat das offenbar einen gehörigen Schrecken eingejagt. Bei der Produktionsfirma Gebrüder Beetz ist laut Christian Beetz eine Mitarbeiterin zurzeit allein damit beschäftigt, besorgte Anrufer zu beruhigen.

„Wir sind eigentlich wahnsinnig soft“, sagt Beetz, „und trotzdem sind die Leute erschrocken.“ Ein Zitat aus einer der Zuschriften: „Es geht um diesen Link, habe auch schon einige SMS von diesem Herrn Appelbaum erhalten? Ist das jetzt von Euch? Ich finde es gut, was ihr macht, um die Leute wachzurütteln, also ist keine Kritik an dem Ganzen! Aber puh, mir blieb gerade doch kurz das Herz stehen!“

Christian Beetz räumt ein, mit dem Spiel einen juristischen Graubereich zu betreten. Doch nicht alles, was erlaubt gewesen wäre, sei umgesetzt worden – etwa die Möglichkeit, sich in die nicht verschlüsselten privaten Überwachungskameras zu hacken. Für den Produzenten ist es unverständlich, dass die meisten Menschen „mit Lethargie“ auf das Thema Überwachung reagieren würden und viele ihre persönlichen Daten im Netz trotz des umfassenden Datenhungers von Konzernen und Geheimdiensten freigiebig preisgeben, frei nach dem Motto: „Ich hab ja nichts zu verbergen.“ Das Spiel, der experimentelle Theaterabend und seine crossmediale Verbreitung, soll zu einer „emotionalen Erfahrung“ werden, mit dem Ziel, „dass man sich einfach mal positioniert“.

Nach der Live-Übertragung aus Köln zeigt der WDR außerdem die 90-minütige Dokumentation „Digitale Dissidenten“ von Cyril Tuschi. Beides wird am Tag darauf bei EinsFestival wiederholt. Die weiteren zehn Theateraufführungen werden im Netz gestreamt. Auch das „Supernerd“-Spiel läuft weiter, die personenbezogenen Daten der Mitspieler werden nach dem Ende ihrer jeweiligen „Erlebnisgeschichte“ gelöscht, versichern die Macher.

„Supernerds – Ein Überwachungsabend“, WDR, Donnerstag, 20 Uhr 15; „Digitale Dissidenten“, 22 Uhr

Autor

1 Kommentar

Neuester Kommentar