Webmagazin "Perspective Daily" : Wie, bitte, geht’s zur Lösung?

Mit Blick nach vorn: Das Webmagazin „Perspective Daily“ betreibt konstruktiven Journalismus.

Gegen den Strich. Provokante Beiträge wie der von Autor Felix Austen sollen neue Mitglieder werben.
Gegen den Strich. Provokante Beiträge wie der von Autor Felix Austen sollen neue Mitglieder werben.Screenshot: Tsp

Maren Urner muss gleich los, zum Arzt. Sie hat sich am Wochenende beim Laufen die Bänder am Knöchel überdehnt. Sie sitzt auf einer grauen Couch in ihrer Wohnung in Münster, im Hintergrund hängt ein Wandbild mit Bergen drauf. Dass der hochgelegte Fuß gerade wahrscheinlich sehr schmerzt, sieht man ihr nicht an. Urner lacht viel, rückt manchmal den Träger ihres Oberteils zurecht. "Man braucht ja einen Ausgleich, das weiß ich als Neurowissenschaftlerin", sagt Urner. "Manche rauchen, andere trinken, Maren geht halt laufen."

Und sonst fährt sie Fahrrad. Jeden Tag sechs Kilometer zu ihrem Büro von "Perspective Daily", einem Web-Magazin das sie nach den Prinzipen des konstruktiven Journalismus herausgibt. "Das heißt, zu den klassischen W-Fragen die zusätzliche Frage zu stellen: Wie kann es weitergehen?", sagt Urner. Die 32-Jährige hat "Perspective Daily" 2015 gemeinsam mit ihren Kollegen Han Langeslag ins Leben gerufen. Im Juni letzten Jahres erschien der erste Artikel. Mittlerweile sind sie für den diesjährigen Grimme-Online-Preis der Kategorie "Wissen und Bildung" nominiert, der am 30. Juni verliehen wird.

Montag bis Freitag kommt je ein Artikel mit einer durchschnittlichen Lesezeit von vier bis siebzehn Minuten. Von den mittlerweile neun festen Autoren haben alle einen gewissen Fachbereich, über den sie schreiben. Zum Beispiel Physik oder Jura. Urner hat in Neurowissenschaften an der UCL in London promoviert. Geboren und aufgewachsen in Herford bei Bielefeld, studierte Urner zunächst Kognitionswissenschaften in Osnabrück und absolvierte dann in den Niederlanden ihren Master in Cognitive Neuroscience. Sie promovierte in London, kam 2013 zurück nach Münster. Die Idee zu "Perspective Daily" kam auf: "Es gab keinen klassischen Bierdeckel-Moment", sagt Urner und lacht. Stattdessen saßen Urner und Langeslag am Küchentisch in London und redeten darüber, wie es nach dem Doktor mit ihnen weitergehen soll. "Wir sprachen viel über die großen Herausforderungen unserer Zeit", erinnert sie sich. "Und da haben wir gemerkt, dass es Menschen und Organisationen gibt, die bereits jeden Tag erfolgreich an Herausforderungen arbeiten", so Urner. "Aber das sehen wir viel zu selten auf Seite Eins." Urner und Langeslag wurde klar: "Es gibt einen Negativitätshang in den Medien"

Bereits 14 000 zahlende Mitglieder

Damit waren sie nicht die ersten. "De Correspondent" in Holland hatte aus dem Grund bereits 2013 begonnen News konstruktiv zu beschreiben, in den USA gab es das Solutions Journalism Network. Ein deutschsprachiges Medium fehlte. Mittels Crowdfunding finanzierten Urner und ihre Mitgründer "Perspective Daily", über 14 000 Mitglieder kamen bislang zusammen. Die dürfen heute einiges mitbestimmen, können beispielsweise mittels Umfragen auswählen, welche Online-Funktionen als nächstes verwendet werden sollen. "Das jüngste Mitglied ist zwölf, das älteste 82 Jahre alt und es zieht sich durch viele Bildungsschichten", so Urner. "Der durchschnittliche PD-Leser hat eine höhere Bildung als der durchschnittliche Bundesbürger." Aber es sei nicht so, dass sie nur von Doktoren und Professoren gelesen würden.

Aber warum entscheidet sich jemand, der an internationalen Universitäten lehren könnte, für Online-Journalismus? Urner lacht auf bei der Frage, die wird ihr oft gestellt. "Es ist unheimlich hilfreich, als Wissenschaftlerin in den Journalismus zu gehen", sagt sie. "Letztendlich sind das ähnliche Aufgaben: Recherche, tief bohren, nach einer Fragestellung oder Hypothese arbeiten." Außerdem hat Urner bereits früh bei der "Neuen Westfälischen" in der Lokalredaktion ein Praktikum gemacht, neben dem Studium als freie Autorin für das Blatt geschrieben. Heute sei sie sowohl begeisterte Wissenschaftlerin als auch Journalistin, sagt Urner: "Der Wissenschaftler in mir will am liebsten noch mal eine Kontrollversuch und alles ganz genau machen, bevor es rausgeht", so die Herausgeberin, "der Journalist in mir weiß aber auch: Irgendwann muss der Beitrag fertig werden."

Maren Urner hat "Perspective Daily" zusammen mit Han Langeslag gegründet.
Maren Urner hat "Perspective Daily" zusammen mit Han Langeslag gegründet.Foto: Perspective Daily

In diesem Spannungsverhältnis immer wieder einen pragmatischen Kompromiss zu finden, sei für Urner "profitabel". Auch beim Schreiben ihrer eigenen Artikel denkt Urner daran, welcher Satz welchen Effekt auf das Gehirn des Lesers oder sie selbst haben könnte. "Als Neurowissenschaftler ist man immer auf der Meta-Ebene unterwegs", sagt die Münsteranerin. Das sei oft auch anstrengend, da das ständige Reflektieren eben auch offenbare, wo man sich getäuscht hat. Generell sei Urner dafür, dass mehr Journalisten mit wissenschaftlichem Hintergrund berichten. Denn die Mehrheit der Journalisten bringt das große Fachwissen nicht mit, das Verhältnis müsse sich ändern: "Das heißt nicht, dass man dann Fachjournalismus macht, sondern die Einordnung leichter vorgenommen werden kann, eine andere Tiefe und vollständigeres Bild der Welt erreicht wird."

Wie so ein vollständigeres Bild aus ihrer Sicht aussehen kann? Urner meint: "Es wird immer gesagt: Wir müssen beide Seiten darstellen, Schwarz und Weiß. Aber welche Welt hat denn nur Schwarz und Weiß oder nur zwei Seiten?" Sie glaubt, dass Leser ein Grau, die Differenz aushalten. Das ermögliche, dass Rezipienten nicht nur "entweder katastrophale Endzeit-Szenarien in den Tagesnachrichten angucken oder sich davon abwenden und sowas wie die ,Landlust' oder ,Happinez' lesen und ihre Marmelade einkochen." "Perspective Daily" will der Mittelweg sein.

Urner spricht sich auch für mehr Transparenz in der Berichterstattung aus. Probleme wie Fake-News-Vorwürfe würden so minimiert werden: "Wir versuchen, Evidenz-basierten Journalismus zu machen", so Urner. "Also einen Journalismus, der durch Quellen belegt ist, die man bei uns anklicken kann, ohne groß selbst zu recherchieren." Dazu gehöre wieder, dass Journalisten Fachkenntnis mitbringen: "Zum Beispiel bei einer Studie sagen zu können: Ist das methodisch eine gute Studie oder sollte ich das Ergebnis hinterfragen?" Auch wichtig sei Ehrlichkeit und dem Leser das Ende des eigenen Horizonts klarzumachen: "Es geht nicht darum, Objektivität vorzugaukeln. Es gibt im Journalismus und der ganzen Welt keine Objektivität." Diese Transparenz würde auch der gelernten Hilflosigkeit und Lähmung entgegenwirken, der sich viele Leser ausgesetzt sehen, so Urner.

Diese gelernte Hilflosigkeit entstehe vor allem durch nicht eingeordnete Nachrichten und den Effekt der Wiederholung: "Umso mehr wir Dinge - auch Falschinformationen - wiederholen, umso eher bleiben sie hängen", so die Neurowissenschaftlerin. Das fange mit Überschriften an: "Wenn man da etwas, das nicht passiert ist, benennt und es erst im Artikel oder Teaser widerlegt, sorgt das schon dafür, dass wir ein Problem kreieren. Denn die meisten Menschen lesen online nur die Überschriften." Auf ihrer Plattform wollen Urner und ihr Team eine lösungsorientierte Berichterstattung und vielleicht auch Gesamtdiskurs herstellen.

Dinge offensiv ansprechen

Aber Lösungen gibt es nicht immer: "Als wir anfingen, die Website vorzustellen und durch Deutschland für das Crowdfunding tourten, kam oft die Frage nach dem Syrien-Konflikt und wie wir den lösen wollen", erinnert sich Urner. "Da haben wir gesagt: Wir sind natürlich keine Magier, aber bringt es uns etwas nicht zu fragen, wie es weitergehen soll?" Die Ellenbogen-Mentalität in der Medienlandschaft ärgert die Herausgeberin am meisten. Im Büro von "Perspective Daily" in Münster herrschen flache Hierarchien: "Wenn Journalisten bei uns zu Gast sind und mitbekommen, dass es bei ,Perspective Daily' anders läuft, sind sie begeistert", so Urner. "Das zeigt auch, was für ein großes Problem es gibt im Umgang miteinander. Ich glaube, dass wir da einen Kultur-Wandel brauchen."

Dinge offensiv anzusprechen, hat Urner übrigens schon früh gelernt: "Das zieht sich durch mein Leben, damit ecke ich auch manchmal an", sagt sie. "Aber - und das mag seltsam klingen für jemanden, der noch keine 60 Jahre alt ist - alles andere ist Zeitverschwendung."

Es gibt auch Themen, an die sich Urner und ihr Team bisher noch nicht getraut haben. "Eine Idee, die bei uns schon lange rumgeistert, ist das Thema Liebe", so Urner. Es gab Vorschläge, aber: "Da geht noch mehr." Manchmal scheitert Urner eben auch an ihrem eigenen Anspruch - aber immer transparent und auf der Meta-Ebene.

Autor

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben