"Wetten, dass..?" : Angsthasen-TV mit Markus Lanz

Nach der Online-Petition gegen ZDF-Moderator Markus Lanz erwarteten die Zuschauer eine historische "Wetten, dass..?"-Sendung. Tatsächlich aber kapitulierte der Moderator vor seiner eigenen Nervosität.

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gehemmt und nervös. "Wetten, dass...?"- Moderator Markus Lanz.
gehemmt und nervös. "Wetten, dass...?"- Moderator Markus Lanz.Foto: dpa

Nachdem nun also jeder, der einem eh schon ungefragt mitteilt, dass er entweder gar keinen Fernseher mehr habe oder aber schon seit Jahren kein Fernsehen mehr schaut (außer natürlich diese großartigen US-amerikanischen TV-Serien, allerdings schaue man die ja auf DVD oder irgendwo im Netz, schließlich sei das deutsche, gebührenfinanzierte Fernsehen ja zu doof, um blablabla...) – nachdem nun also die Feinde des Fernsehers in den vergangenen Tagen die Diskussion um das Fernsehen durch die Online-Petition zur Absetzung von Markus Lanz bestimmt haben und sich jeder dazu geäußert hat und dabei jeder noch so unglaubliche Schwachsinn dazu geschrieben wurde (unter anderem, dass alle Journalisten deshalb auf der Seite von Markus Lanz stünden, weil man die Machtverhältnisse stützen wolle) – nach all diesen Stellvertreterdiskussionen ging es am Samstagabend dann doch mal wieder um das Wesentliche: um die Frage, ob Markus Lanz „Wetten, dass...?“ in den Ruin moderiert oder ob er die Sendung doch noch retten kann (beziehungsweise: ob die Sendung Markus Lanz retten kann).

Große Spannung vor der Sendung

Eines haben die vergangenen Tage immerhin geschafft: selbst ausgebuffteste Fernsehkritiker werden ab 18 Uhr leicht nervös – sie fragen sich: Was wird passieren? Entschuldigt sich Lanz? Macht er einen Hammer-Gag zu Beginn? Kommen um viertel nach acht Klaas Heufer-Umlauf und Jan Böhmermann die Showtreppe in Karlsruhe herunter, weil sich Lanz überraschend in einer Kreativpause verabschiedet hat? Wird man Zeuge einer historischen „Wetten, dass...?“-Ausgabe?

Ja, irgendwie schon, aber es kam dann doch alles ganz anders. Lanz betrat die Bühne, geerdeter, bescheidener als zuvor; er nahm sich zurück, er wagte nichts – und in diesem Zustand verharrte er auch in den kommenden zweieinhalb Stunden. Und das ist das erste Anzeichen für eine historische „Wetten, dass...?“-Ausgabe: einen derart gehemmten Moderator hatte diese Sendung noch nie; möglicherweise hat diese Petitions-Geschichte immerhin das geschafft. Im Verlauf der Sendung wird Lanz zudem jede Gelegenheit nutzen, sich beim Saalpublikum einzuschleimen und um Applaus geradezu zu betteln.

Was auch bitter nötig war, denn Anlass für Applaus kam selten auf. Es ist interessant: Unter Thomas Gottschalk wurden zuerst die Wetten egal, dann war es plötzlich egal, wer sein Nachfolger wird – jetzt sind bei „Wetten, dass...?“ die Gäste egal. Lanz begrüßt die Ex-Boxerin Regina Halmich, Patin der Stadtwette. Er macht dünne Witze, deren Quellen er auch noch angibt. Warum er sein Sakko nicht schließt, bleibt das Geheimnis von Lanz und dessen Stylisten. Er schaltet nach zehn Minuten bereits zu den Moderatoren der Außenwette, einer von ihnen ist Matthias Schweighöfer, dessen Dauerpräsenz schwer verständlich ist.

Mittelmäßige Gäste als Trick, um Lanz größer zu machen?

Weil der Schauspieler aber nicht in der Lage ist, einen Moderator zu spielen, wächst Lanz neben ihm beinahe – ist das ein Trick? So wie der erste Gast Atze Schröder ein Trick sein könnte, denn Schröder, von Beruf Comedian, ist noch unlustiger als Lanz. Könnte dahinter ein Konzept stecken? Lanz muss glänzen, also darf niemand in der Sendung besser, schlauer, witziger sein als der Moderator. Als Gäste kommen dann noch der Fußballer Max Kruse, der Schauspieler Liam Neeson, der Musikant Peter Maffay und der Mann, der im ZDF den „Bergdoktor“ spielt.

Die Wetten? Gelingen alle bis auf eine nicht, für Lanz sind es trotzdem „Riesenwetten“ – es ist fast putzig, wie Lanz sich abmühte, aus dem versammelten Mittelmaß so etwas wie Glamour, Bedeutung, Starpower zu ermitteln. Den Iren Liam Neeson kündigte er so an: „Hier ist Hollywood!“ um ihm dann die Frage zu stellen, die er allen ausländischen Gästen stellt: „Sprechen Sie deutsch?“ Nee, spricht er nicht, aber die Zuschauer erfuhren, dass „Unkown Identity“ einer von Lanz „absoluten Lieblingsfilmen“ ist. Seine Kompetenz auf diesem Gebiet scheint fragwürdig – die Oscar-Verleihung verortete Lanz in die kommende Woche – sie ist am 2. März.

"Wetten, Dass...?" erstmals vom Dschungelcamp geschlagen

Das Schlimme ist: Das ist alles inzwischen egal. Die Ausgabe vom Samstag war, wenn es denn so etwas gibt, die egalste „Wetten, dass...?“ Sendung bisher – und gleichzeitig eben doch historisch: erstmals wurde „Wetten, dass...?“ bei den Quoten vom Dschungelcamp überholt. Die RTL-Show sahen 8,33 Millionen Zuschauer – Lanz holte gerade noch 6,31 Millionen. Das gab es noch nie. Aber es ist vielleicht auch ganz gut, dass nicht mehr Menschen mit ansehen mussten, wie man Peter Maffay als „deutschen Bruce Springsteen“ bezeichnete, wie Liam Neeson nach dreißig Minuten die Sendung verließ, wie gefühlt hundertmal das Wort „definitiv“ fiel, wie Atze Schröder zum zweitem Mal ein Soloprogramm aufführte, wie eine handvoll Männer auf dem Sofa „Über sieben Brücken musst du gehen“ sangen – mit „Wetten, dass...?“ hatte das alles irgendwann nichts mehr zu tun; das war Herrenabend, Angsthasen-TV, Kapitulation. Nach zwei Stunden kam die erste Frau in die Sendung, die Sängerin und Schauspielerin Yvonne Catterfeld, sie ist im siebten Monat – ein Umstand, der vor allem Lanz komplett überforderte. Irgendwann sagte er: „Ich freu mich richtig sehr.“ Na dann. Und plötzlich war es auch schon vorbei.

Es ist das eine, dass die Zuschauer auf eine Sendung keine Lust mehr haben – so etwas kann man an der Quote messen. Aber wenn die Macher, einschließlich Moderator, auch keine Lust mehr auf eine Sendung haben, dann hat man ein Problem. Lustloser kann man Samstagabendunterhaltung im Fernsehen kaum noch präsentieren – die zweieinhalb Stunden von Karlsruhe haben Markus Lanz mehr geschadet, als all die Unterschriften bei dieser Online-Petition, auf die er mit einem Halbsatz einging. Er hätte die Show seines Lebens abliefern müssen – er lieferte die in allen Bereichen schlechteste Show ab. Seine letzten Worte lauteten: „Herzlichen Dank, dass ihr den Spaß mitgemacht habt.“ War aber auch das letzte Mal.

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